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Max Mauff als Cioma Schönhaus vor dem Filmpalast.

"Die Unsichtbaren", ARD

Sprung in die Fiktion

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Ein Dokudrama zur Hauptsendezeit? Dank eines mitreißenden Sujets, eines erstaunlichen Casts und vor allem guter narrativer Instinkte ist Claus Räfles Wechsel vom Dokumentar- zum Fiction-Film durchaus gelungen.

Zur Zeit wechseln viele, vor allem junge, Dokumentarfilmerinnen und Dokumentarfilmer das Genre und versuchen sich in der Fiction. Das Doku-Drama klingt wie eine ausgezeichnete Brücke zwischen den Medien, aber das trügt: Allzu oft sind diese Dokus mit Spielszenen fade, ungelenk, oberflächlich und grenzwertig peinlich – und nicht selten eine Sackgasse für junge Regie-Talente.

Dass Claus Räfle diesem Schicksal entgeht und sich im Gegenteil sogar noch für höhere Aufgaben empfehlen kann, liegt zum einen an seinen guten inszenatorischen Instinkten. Sicher, die Stilmittel, von der schwarzen Vignette an den Rändern einiger Szenen bis zur traurigen Klarinettenmusik sind weder sehr subtil noch im Holocaust-Film irgendwie neu; aber sie sind effektiv eingesetzt und schaffen organische Übergänge in einem sonst sehr episodischen Film.

Faszinierende und lebhafte Interview-Ausschnitte

Vor allem aber überzeugen die Schauspielszenen. Die sind sonst ein klassischer Schwachpunkt des Dokudramas: an hölzernen Dialogen, die nicht selten aus historischen Schriften extrahiert wurden; an ungelenken Schweigeszenen zu langweiligem Interview-Voice-Over; und an der ständigen Gefahr von Dopplung von Erzählung und Darstellung scheitern die meisten Doku-Dramen. Aber Räfle hat, gemeinsam mit seiner Co-Autorin Alejandra López, nicht nur diese Klippen umschifft, sondern hat zu allem Überfluss auch noch wirklich faszinierende und lebhafte Interview-Ausschnitte, denen man tatsächlich genauso gerne zuschaut wie dem durchweg überzeugenden Cast um Max Mauff, Alice Dwyer, Florian Lukas und Robert Hunger-Bühler.

Es hilft natürlich auch, ein Sujet zu haben, das von der ersten Minute an eine hochgedrehte Dramatik hat. Die ausgesuchten Geschichten einiger der in Deutschland untergetauchten Juden sind voller nerverzerreißender Spannung, haarsträubender Wendungen – und manchmal sogar beinahe komisch oder zumindest an der Grenze zur Farce, etwa wenn einige junge Untergetauchte eine Werkstatt mitten in Berlin aufmachen, darin Pässe fälschen und alle neugierigen Blicke mit der souveränen Bemerkung „Kriegsgeheimnis“ abwimmeln. Frechheit hat wohl öfters gesiegt, man muss auch ein wenig schmunzeln über findige Ideen, wie zum Beispiel den jungen jüdischen Mann, der die Zimmervermittlung für Ausgebombte oder für Soldaten auf Fronturlaub nutzte, um ständig wechselnde Unterkünfte zu finden.

Welche Mentalität brauchte es, um mitten im Krieg zu beschließen, sein Glück in Deutschland zu suchen, ohne Bleibe oder Nahrung, ständig in Angst vor Denunziation? Die oft jungen Protagonisten dieses Films geben offen zu, dass jugendliche Sorglosigkeit sie auf diese haarsträubend gefährliche, aber letztlich erfolgreiche Bahn geführt hat. „Wen wir gewusst hätten, für wie lange das ist, hätten wir das nie gemacht“ – diese Meinung findet sich bei fast allen.

Und kein Wunder: Man lebt von Tag zu Tag. Jeder Versuch, das Versteck zu wechseln, jeder Nachbar, der freudig denunziert, jeder Verrat und jede Routine-Untersuchung kann den sicheren Tod bedeuten. Manche kommen mit Netzwerken in Berührung, wie einem Oberregierungsrat des Rechnungshofs, der aus seiner reichen Grunewald-Villa aus Ausweise fälschen lässt, um jüdische Bürger zu schützen. Andere kommen in Kontakt mit den einzigen historisch verbürgten KZ-Ausbrechern, gründen Widerstandsgruppen, drucken Flugblätter und Kettenbriefe. Wieder andere müssen eine Zeitlang hungrig auf der Straße leben, von der Hand in den Mund, ständig am Rande der Lebensgefahr.

Der Film hat viele und unterschiedliche Protagonisten, und deren Schicksale haben überraschende Wendungen, herzerreißende Tragik und kurze Momente des Triumphs. So füllt der Film mühelos seine 90 Minuten, ohne jemals langweilig zu sein. Und die inszenatorischen Ideen des Regisseurs sowie die starke Leistung des Casts sorgen dafür, dass man auch durchgehend angerührt und bewegt bleibt. Und das muss man in einem Dokudrama erstmal hinkriegen.

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