+
Lenski und Raczek mit Zeugin: Maria Simon, Amanda Mincewicz, Lucas Gregorowicz (v.l.n.r.).

Polizeiruf - "Der Fall Sikorska", ARD

Die spröde Variante

  • schließen

Im deutsch-polnischen Polizeiruf "Der Fall Sikorska" geht es nüchtern und geordnet zu.

Der neue deutsch-polnische Polizeiruf des rbb ist von einiger Sprödigkeit. Sie ist zweifellos gewollt, sie ist sicher auch von vielen gewünscht, denen die Privatgeschichten der Ermittler zum Hals heraushängen, die sonntagabends einen Kriminalfall zum Mitraten anschauen und nicht dumm rumkichern wollen. Aber wahrlich, nun knackt es geradezu vor Sprödigkeit.

Am Anfang, folgt man Hans-Christian Schmid, der zusammen mit Bernd Lange das Drehbuch geschrieben hat, stand eine ihm zugetragene Geschichte vom langjährigen Streit zweier älterer Männer. Der eine warf dem anderen vor, seine Tochter umgebracht zu haben. Das ist der titelgebende „Fall Sikorska“, vor 15 Jahren nicht mehr weiter verfolgt, weil die junge Frau volljährig war und ihr Verschwinden keine verdächtige Spur hinterließ, außer der Unerträglichkeit, die ein sogenanntes spurloses Verschwinden immer hat, aber das wird als Privatkatastrophe behandelt. Die Privatkatastrophe kommt ins Bild, wenn der Vater zu sehen ist. Er wohnt auf der anderen Seite der Grenze, seinen Zorn auf den Mann, den er für den Mörder hält, haben die Jahre nicht gelindert. Dass der Mann, den er für den Mörder hält, der Stiefvater seiner Tochter und zweite Mann seiner Ex-Ehefrau ist, trägt ebenfalls nicht zu einer milderen Stimmung bei. Weder das Buch noch die Regie von Stefan Kornatz wollen das psychologisch tiefer erforschen. Das Verbrechen schlägt zu, die Polizei hat zu tun.

Denn nun ist eine sehr junge Frau ermordet aufgefunden worden, die im Haushalt eben jener Familie eine Art inländisches Au-pair-Jahr gemacht hat, aus der einst die Tochter verschwand. Man sieht die sehr junge Frau an einem Sommernachmittag am Badesee, beobachtet aus dem Ufergebüsch heraus von der Kamera und einer unbekannten Person. Man ist beunruhigt. Die junge Frau ist ebenfalls beunruhigt und packt ihre Badesachen ein. Es ist die stimmungsvollste Szene des Films. Nachher kommen die Eltern kurz ins Bild und erklären, dass sie ihre reiselustige Tochter extra in der Nähe hatten behalten wollen. Ihnen kam das sicherer vor. Das sind immer die Stellen, an denen das Schicksal seine Fratze zeigt, aber „Der Fall Sikorska“ spielt auch das nicht groß aus.

Voran soll es gehen, auch die 15 Jahre alte Geschichte taucht wieder auf, die Ermittler wollen sich konzentrieren. Die restlos nüchterne Olga Lenski, Maria Simon, neigt eher dazu, sich in den älteren Fall zu verstricken und hier die Lösung auch für den aktuellen Mord zu finden. Der zurückhaltende Kollege Raczek, Lucas Gregorowicz, will nicht zurückblicken. Fast etwas künstlich wirkt der latente Unmut zwischen den beiden, aber der kleinste böse Blick fällt auf, wenn alle so tüchtig vor sich hin arbeiten. Das große deutsch-polnische Team ist die derzeit vielleicht deutlichste Antwort auf die Kritik, eine Mordkommission sei nicht klein und der skandinavische und britische Fernsehkrimi in der Hinsicht schon viel weiter.

Aber während einer nach dem anderen die Früchte seiner Ermittlungen vorträgt, sehnt man sich auf einmal womöglich nach Ermittlern, die im Auto noch rasch ihre Eheprobleme diskutieren oder sich mal anfauchen. Es wird auch viel (untertiteltes) Polnisch gesprochen, was schön ist. Wenn die Polen Deutsch sprechen, haben sie einen authentischen Akzent und eine unwahrscheinlich druckreife Grammatik. Ja, es bleibt Zeit, auf alles Mögliche zu achten.

Die Ermittlungen selbst entwickeln sich wie am Reißbrett entworfen, aber wer in der Geschichte drin steckt, wird natürlich dennoch stumm vor Grauen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion