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"Honigfrauen": Catrin Streesemann (Cornelia Gröschel) und Maja Streesemann (Sonja Gerhardt), die ein Pappschild mit der Aufschrift 'Balaton" in der Hand hält, heben ihren Daumen, um per Anhalter mitgenommen zu werden.

"Honigfrauen" im ZDF

Spitzel in Badehose

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Der Dreiteiler ist ein deutlich zu lang geratener und nur dank des Duos Sonja Gerhardt und Cornelia Gröschel sehenswerter ostwestlicher Urlaubsfilm mit ein bisschen Politik im Hintergrund.

Wenn sich ein Sender 270 Minuten lang Zeit nimmt, muss es sich um eine richtig große Geschichte handeln; oder zumindest um mehrere interessante mittelgroße. Beim kürzlich ausgestrahlten Dreiteiler „Der gleiche Himmel“ war das fraglos der Fall. Man konnte bemängeln, ob die verschiedenen Ebenen des im Jahr 1974 angesiedelten Ost/West-Dramas allzu lose miteinander verknüpft waren, aber die Handlung reichte locker für drei Filme.

Nun lädt das ZDF erneut zur Zeitreise, diesmal in die Mitte Achtziger, und erneut geht es um die Begegnung zwischen Osten und Westen: „Honigfrauen“ erzählt von den beiden Erfurter Schwestern Maja und Catrin (Sonja Gerhardt, Cornelia Gröschel), die den Sommerurlaub 1986 auf einem Campingplatz am ungarischen Balaton (westdeutsch: Plattensee) verbringen. Vater Karl (Götz Schubert) gibt ihnen noch die Warnung mit auf den Weg, sich nicht auf westliche Jungs einzulassen.

Die als „Balaton-Brigade“ berüchtigten Stasi-Spitzel in Badehose beobachteten, wer allzu innige Westkontakte pflegte oder gar Fluchtpläne hegte. Mutter Kirsten (Anja Kling) hat ein ganz anderes Problem: Karl ist nicht Catrins Vater, was aber weder er noch Catrin wissen. Der tatsächliche Erzeuger heißt Erik (Dominic Raacke), lebt mittlerweile im Westen und reist ebenfalls zum Plattensee, weil er endlich seine Tochter kennen lernen will.

Im Vergleich zu den großen Ereignissen der Weltgeschichte, die den Verlauf von „Der gleiche Himmel“ beeinflussten, klingt der Inhalt von „Honigfrauen“ um einige Nummer kleiner, um nicht zu sagen irrelevanter. Hier geht es vor allem um Träume: Französischlehrerin Catrin möchte einmal in ihrem Leben nach Paris; die jüngere Maja hält den Westen für ein Shoppingparadies und ist entsprechend aus dem Häuschen, als sie in der Fundgrube eines Luxushotels in den Sachen stöbern darf, die Touristen vergessen haben. Dramatisch wird es erst gegen Ende des ersten Teils, als sich ähnlich wie in „Wir sind das Volk“ der sympathische junge Zeltplatznachbar Timo (Franz Dinda), dessen Charme Catrin nicht lange widerstehen kann, als Stasi-Spitzel entpuppt.

Anders als „Der gleiche Himmel“ läuft „Honigfrauen“ nicht an wenigen Werktagen hintereinander, sondern auf dem „Herzkino“-Sendeplatz des ZDF. Schon die Terminierung macht also deutlich, dass es weniger um Zeitgeschichte, sondern vor allem um Emotionen geht; Sonntagsfilme tragen in der Regel Reihentitel wie „Rosamunde Pilcher“ oder „Inga Lindström“. Deshalb müssen sich Maja und Catrin zum Beispiel in den gleichen Mann vergucken. Ein bisschen Ost/West-Problematik gibt es auch: Zeltplatznachbar Rudi (Sebastian Urzendowsky) und seine Freundin Lilian (Alice Dwyer) aus Hannover haben sich vor einem Jahr am Balaton verliebt, aber sie bezweifelt, dass das junge Glück eine Zukunft hat; sie kommt aus Hannover.

Die interessanteste Figur ist jedoch der Geschäftsführer des Luxushotels „Balatonresidenz“, denn Tamás (Stipe Erceg) steht mit jeweils einem Bein in beiden Ebenen der Geschichte: Er gewährt den Schwestern Zutritt zur Hotelanlage, wo sie sich den väterlichen Warnungen zum Trotz unters Westvolk mischen, ist aber gemeinsam mit seiner Schwester (Dorka Gryllus) auch die treibende Kraft einer Fluchthilfeorganisation. Viel wichtiger sind zunächst die allerdings nicht sonderlich aufregenden Erlebnisse der beiden jungen Frauen, und weil im Grunde nicht viel passiert, beschränkt sich die Kurzweiligkeit des ersten Films auf die beiden Hauptdarstellerinnen; es macht in der Tat Spaß, Sonja Gerhardt und Cornelia Gröschel zuzuschauen. Deutlich spannender wird es in den beiden anderen Filmen: In Teil zwei soll Timo nach Österreich geschmuggelt werden, in Teil drei Film finden sich sämtliche Mitwirkenden, darunter auch Erik und seine zweite Tochter (Isolda Dychauk), zur Hochzeit von Maja und Tamás in der Balatonresidenz ein. Natürlich kommt es wegen Eriks verheimlichter Vaterschaft zum Familiendrama; und Rudi muss sich entscheiden, auf welcher Seite er steht.

Es gibt viel Musik aus den Achtzigern, die Bilder sind sommerlich bunt, Ausstattung (Frank Godt) und Kostüm (Maria Schicker) haben vortreffliche Arbeit geleistet. Zur Authentizität tragen auch die Bikinis der beiden Frauen bei: Ihre Mutter hat sie noch rasch aus dem Stoff der Wohnzimmervorhänge genäht. Die Idee stammt von Produzentin Natalie Scharf, die für das ZDF die „Frühlings“-Sonntagsfilme mit Simone Thomalla schreibt; sie wollte eine DDR-Geschichte erzählen, die sich endlich mal nicht größtenteils in finsteren Verhörräumen zuträgt. Koautor ist Christoph Silber, der gemeinsam mit Thorsten Wettcke die Vorlagen für so sehenswerte Filme wie den historischen Sat.1-Krimi „Mordkommission Berlin 1“ oder „Das Wunder von Kärnten“ geliefert hat. Regie führte der Holländer Ben Verbong, der einst die kurzweiligen „Sams“-Filme und zuletzt vor allem anspruchsvolle Freitagskomödien für die ARD gedreht hat („Sophie kocht“, „Hochzeitskönig“, „Mona kriegt ein Baby“).

Warum das Trio die übersichtliche Geschichte von „Honigfrauen“ als Dreiteiler konzipiert hat, bleibt dennoch ein Rätsel. Ein erklecklicher Teil der 270 Minuten geht für die immer wieder gleichen belanglosen Einstellungen von See und Swimmingpool drauf, ganz zu schweigen von den vielen Redundanzen; jeder der drei Filme hätte sich problemlos in der halben Zeit erzählen lassen. Inkonsequent ist auch der Titel: Die Handlung wird aus Sicht der beiden Protagonistinnen erzählt, aber „Honigfrauen“ ist eine Bezeichnung, die die Jungs aus dem Westen den Mädchen aus dem Osten gegeben haben; angeblich, weil sie so süß waren. Immerhin haben die meisten Darsteller einen ostdeutschen Hintergrund. Trotzdem spricht niemand Dialekt; soweit wollten die Verantwortlichen die Sache mit der Authentizität dann wohl doch nicht treiben. Die Teile zwei und drei zeigt das ZDF an den kommenden Sonntagen.

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