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Die RTL-Event-Serie "Deutschland 83" ist ein deutsch-deutsches Agenten-Drama der neuen Generation, angesiedelt im Jahr 1983 und damit der heißesten Phase des Kalten Krieges. In der Hauptrolle des jungen Ost-Spions brilliert Jonas Nay (Foto).

TV-Kritik: Deutschland 83

Spion wider Willen

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RTL bietet eine achtteilige Serie über die Zeit des Kalten Krieges mit den Jungstars Jonas Nay und Ludwig Trepte. In „Deutschland 83“ wird nicht lange gefackelt.

Alles so schön bunt hier! Staunend steht Martin vor den prall gefüllten Regalen in einem Bonner Supermarkt. Das kennt er nicht, denn Martin ist nicht von hier. Er darf auch eigentlich gar nicht hier sein. Martin ist DDR-Bürger und im Jahre 1983 plötzlich und gegen seinen Willen in die BRD verbracht worden. Dort soll er spionieren. Der brave 24-jährige Soldat will aber Freundin und Familie nicht verlassen. Deshalb haut er erstmal ab, als er nach der Betäubung in einer Villa im fernen Rheinland wieder aufwacht.  Er landet im Konsumtempel, und wird, geblendet vom schönen Schein, rasch wieder eingefangen.

Die Szene im Laden ist nur eine von mehreren, bei denen das Team der neuen RTL-Serie „Deutschland `83“ hübsche, bisweilen gar ironische Funken zu schlagen weiß aus den vor gut 30 Jahren noch bestehenden Unterschieden zwischen Ost und West. Im Restaurant bietet die Kellnerin gleich fünf verschiedene Steak-Varianten an. Im Hotel-Badezimmer schnuppert er an den Pröbchen. Und im Safe eines Nato-Mannes findet der Spion wider Willen ein Plastik-Scheibchen und buchstabiert verständnislos: „Flo-py-Disk“ – zu Informationen  aus der DDR-Computerschmiede Sömmerda hatte es wohl nicht mehr gereicht bei der Agenten-Schulung.

Die Idee dieses von Anna Winger geschriebenen und Edward Berger inszenierten Achtteilers hat in der Figur des Günter Guillaume und anderer natürlich ihre Vorbilder. In der Zeit des Kalten Krieges wimmelte es schließlich von Menschen, die im jeweils anderen deutschen Staat als Agenten arbeiteten, was ihnen die gleiche Sprache ja erleichterte. Oder doch nicht? Denn anders als bei den meistens doch lebenserfahrenen Spionen lässt das Buch hier einen (nicht tumben, aber unschuldig wirkenden) Toren agieren; so entsteht Spannung auch aus der Frage: Wie kommt ein in der DDR aufgewachsener junger Mensch mit dem Leben im Westen zurecht, wenn er sich verstellen muss?

Jonas Nay, aufgehender Stern am bundesdeutschen Fernsehspielhimmel (zuletzt „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“), gibt seinem Helden oft die Aura eines aufgescheuchten Wilds; großäugig bewegt er sich als Ordonanzoffizier eines Bundeswehrgenerals (Ulrich Noethen) zwischen der Soldatenstube und der High Society der Nato-Größen. Sich an den „Luxus der Gleichgültigkeit“, den Martins Führungsoffizier geißelte, anzupassen, fällt ihm schwer – in fremden Zimmern und Verschlusssachen herumzuschnüffeln dagegen eher nicht.

Umstandsloses Erzählen

Der Wandel vom NVA-Grenzer zum Spion wirkt arg übers Knie gebrochen. Wenig  glaubhaft, dass sich ein 24-Jähriger allein aus Fürsorge um die (nierenkranke) Mutter zum Top-Spion pressen lässt, oder dass die Bundeswehr einen unbekannten Oberleutnant gleich in den inner circle der Nato lässt. Wie überhaupt die ersten beiden Teile der Serie durch umstandsloses Erzählen auffallen. Hier wird nicht lange gefackelt, wenn es dem Fortgang der Handlung dient, ein Glaubensbekenntnis an Frieden, Freiheit und Vaterland jagt das nächste in den Dialogen. „Wie stehst Du zum Wettrüsten?“, fragt Martins Kamerad Alexander (Ludwig Trepte) ihn gleich bei der ersten Begegnung.

Trepte (auch er in „Tannbach“ dabei) muss als aufmüpfiger Generalssohn immer gleich Grundsätzliches zum bedrohten Weltfrieden sagen, aber dieser großartige Schauspieler unterläuft mit seiner Coolness die Drehbuchsentenzen, die immer wieder den Konflikt zwischen Ost und West beschwören. Der wirkt auf diese Weise aber dann doch wie aufgesetzt, wenngleich die ständigen Einblendungen von Original-Nachrichten der Tagesschau jener Tage den Ernst der Lage betonen sollen. Gewiss, Ronald Reagan hatte die Rhetorik des Kalten Krieges forciert, gewiss, man hat gegen Pershing und Aufrüstung demonstriert (wenn auch wesentlich skeptischer gegenüber der DDR-Propaganda als hier suggeriert), aber das Gefühl der Bedrohung war längst nicht so verbreitet – nun ja: Wenn’s der Dramatik dient...

Die Serie hat acht Teile, aber die Regie will sich keine Zeit lassen beim  Erzählen. So werden die vielen geschickt gewählten Details von Ausstattung, Szenenbild (Peter Haberlandt) oder auch musikalischer Untermalung (Peter Schillings „Völlig losgelöst“ im Supermarkt) immer nur kurz angerissen, als wolle man zeigen: Das haben wir auch. Unter der Hetze leiden bisweilen ebenfalls die Charaktere, so ist Maria Schrader als Martins Tante und Führungsoffizierin doch eine recht eindimensionale femme fatale, die Mutter (Carina Wiese) nur leidend und Martins Freundin (Sonja Gerhardt) bloß ein Gretchen.

Immerhin: Spannung kann man dem Film (den ersten beiden Folgen) nicht absprechen. Das liegt vor allem am Sympathieträger, an Jonas Nay, dessen leicht melancholischer Blick oft etwas von der Verlorenheit verrät, die ein junger Mann fern von daheim und in ständiger Gefahr, empfinden kann. Und RTL zielt ja auch auf ein jüngeres Publikum. Das wird beim Anschauen eines Films aus der Zeit, da auch der Hauptdarsteller noch nicht geboren war, sich vielleicht freuen: Alles so schön retro hier.

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