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Michael Gwisdek, hier bei Dreharbeiten 2015.

Nachruf auf Michael Gwisdek

Spielregeln und Subversion

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Zum Tod des Schauspielers Michael Gwisdek, der 78 Jahre alt geworden ist.

Wer es zu schätzen weiß, wenn sich jemand verschwendet, anstatt sparsam mit sich umgehen, der mag Michael Gwisdek auch in den läppischeren und wirklich läppischen Filmen. Mit ihm konnte man „Mein Schwiegervater, der Stinkstiefel“ immerhin ertragen – Gwisdek natürlich der Stinkstiefel –, und auch auf dem „Traumschiff“ schipperte er gelegentlich mit, als dementer Vater Martin oder – noch im vergangenen Jahr – als Heinz, dessen Ehe kurz vor der Goldenen Hochzeit mächtig ins Schwanken gerät.

Michael Gwisdek rettete in solchen Fällen nicht die Filme, sympathischerweise versuchte er es nicht mal, aber er selbst ging unbeschadet aus der Sache hervor. Staunend – die Augenbrauen nicht selten tatsächlich hochgezogen, aber nicht pikiert, sondern verblüfft – und wie von einer Schutzhülle umgeben schien er durch sie hindurchzugleiten.

Bis heute ist es schade, dass er am Ende des ersten Bodensee-Tatorts mit Eva Mattes, „Schlaraffenland“ von 2002, erschossen wurde. Hier spielte er den Mann und Vorgesetzten von Frau Blum, so dass das Publikum mit seinem Verbleib rechnete, dann der große Schreck und die Enttäuschung, dass der Tatort nicht dieses eine Mal einen unfähigen Polizisten in seinen Reihen behalten wollte. Eine typische Gwisdek-Rolle nämlich: ein leicht aufgekratzter, seine Verlegenheit hinter permanentem Übermut verbergender Mensch, einer, der die Dinge an sich im Griff haben will – oder sogar gemütlich sein –, während jeder sieht, dass davon keine Rede sein kann. Eine tragische Figur, aber kein Tragöde.

So einen Mann zeigte er auch in Lars Kraumes „Das schweigende Klassenzimmer“ (2018), wo er den homosexuellen Rias-Hörer Edgar spielte, in dessen Haus man offen reden und Westmusik kennenlernen kann. Er war der „Tangospieler“ in der Christoph-Hein-Verfilmung (1991), der leicht fahrige Schuldirektor Klapprath in „Good bye, Lenin!“ – dem von Wolfgang Becker inszenierten Kinohit von 2003, der alle Beteiligten berühmt machte –, und auch in Jan-Ole Gersters „Oh Boy“ (2012) übernahm er als merkwürdiger Friedrich die Rolle des Alten mit dem weit in die deutsche Geschichte zurückreichenden Gedächtnis. Dass er in unterschiedlichen Graden berlinerte, half dabei, das Ernste ernst genug, aber nicht zu ernst auszusprechen. Die dpa zitierte am Mittwoch aus einem Interview mit der Boulevardzeitung „B.Z.“ von 2019: „Dit reicht mir jetzt! Wenn die DDR irgendwas erreicht hat, dann dass ich Nazis scheiße finde!“

In Berlin-Weißensee wurde Michael Gwisdek im Januar 1942 geboren, die Eltern betrieben ein Lokal. Noch vor dem Mauerbau wurde der 19-Jährige in eine Fluchtgeschichte verwickelt und kam für prägende sechs Monate ins Gefängnis. Daraufhin, sagte er später, habe er sich mit den Spielregeln beschäftigt und sei also zuerst einmal „in die Produktion“ gegangen. Mit 23 wurde er an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, damals noch Staatliche Schauspielschule Berlin, angenommen. Dann riss die Karriere nicht mehr ab. Nach dem ersten Engagement in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) ging Gwisdek von 1973 an für zehn Jahre an die Berliner Volksbühne. Parallel dazu begann er, selbst ein großer Kinogänger (von Alain Delon lernte er, wie man beim Rauchen lässig aussieht), für den Film zu arbeiten. Dem Debüt als SS-Offizier in der Verfilmung von Anna Seghers’ „Die Toten bleiben jung“ (1968) folgten weitere Literaturverfilmungen, anspruchsvolle und auch subversive Produktionen darunter. Gwisdek, ein Unangepasster, der seinen Weg suchte.

Übrigens war er selbst empfindlich gegen mangelnde Qualität. Es war ein kleines Aufsehen, als er 2012 die Krimikomödie „Schmidt & Schwarz“ munter in Grund und Boden kritisierte – er an der Seite seiner langjährigen Ehefrau Corinna Harfouch, das Drehbuch von seiner zweiten Frau, Gabriela Gwisdek.

Nach kurzer schwerer Krankheit ist der 78 Jahre alte Michael Gwisdek am Dienstag gestorben, wie seine Familie am Mittwoch mitteilen ließ.

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