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Kristen Stewarts Gesicht erzählt einen inneren Monolog von ungeheurer Dimension.
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Kristen Stewarts Gesicht erzählt einen inneren Monolog von ungeheurer Dimension.

Film

„Spencer“ mit Kristen Stewart als Prinzessin Diana im Kino: Spuk im Schloss

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Kunst ist noch immer das beste Gegengift zum Boulevard: Pablo Larrains Diana-Fantasie „Spencer“.

Pablo Larrains Film „Spencer“ ist wie die Monarchie, die er beschreibt: Ein betörender Anachronismus, verschwenderisch und doch asketisch in der strengen Form für das Absurde. Man muss gar nicht besonders konservativ sein, um zu verstehen, warum die Briten so an ihrer Monarchie hängen. Wenn alles zur Disposition steht, London unbezahlbar geworden ist und der Neoliberalismus den Sozialstaat bis auf die Knochen abgenagt hat, dann muss wenigstens eine Sache, so sinnlos sie erscheinen mag, bleiben dürfen wie sie ist. Und sei es nur als letzter Ansporn für die guten Traditionen, die erhalten wurden, doch noch eine Weile länger da zu bleiben.

Da kann man sich um das Überleben des Kinos schon größere Sorgen machen. Aber solange es einen Film wie diesen geben kann, solange es möglich ist, eine derart kostspielige Kunstform auf solchem Niveau zu feiern, können wir beruhigt sein. Angesiedelt ist „Spencer“ im Jahr 1991 während weniger Tage eines Weihnachtsurlaubs bei der königlichen Familie in Sandringham House in Norfolk; Larrain kleidet den inneren Abgrenzungsprozess der Prinzessin in oft surreale Bilder. Königin Elisabeth ist reduziert zu einer fast stummen Nebenfigur, Prinz Charles spricht den Großteil seines knappen Dialogs auf einer Fasanenjagd. Es ist der größtmögliche Gegenentwurf zur smarten, halbherzig ironischen Tabloid-Seligkeit einer Serie wie „The Crown“.

Kristen Stewart trägt den Film in einer unerhörten Leistung fast allein, ihr zu verblüffender Ähnlichkeit geschminktes Gesicht erzählt mimisch einen inneren Monolog von immenser Dimension. In der Filmgeschichte hat es dergleichen nicht allzu oft gegeben, etwa bei Carl Theodor Dreyer im Stummfilm „Die Passion der Johanna von Orleans“ und bei Roman Polanski in „Ekel“.

Und was die Detailverliebtheit angeht, die Perfektion der Ensembleszenen, den Blick auf das Dekor, ist der Vergleich mit Luchino Viscontis Kostümdramen nicht verwegen. Pablo Larrains „Jackie“ gab schon eine Ahnung von seinem Talent, historische Tableaus zu irritierenden Vexierbildern zu stilisieren. Doch hier kommt noch ein unterschwelliger Surrealismus hinzu – unvergesslich allein schon jene Szene, in der Diana statt der Vorspeise die Perlen ihrer Kette aus der Suppe löffelt. Dieses Geschenk von Charles zerspringt von selbst an ihrem Hals, und wenn sie die merkwürdige Suppeneinlage später wieder herauswürgt, ist das auch ein starkes Bild für Dianas Bulimie-Erkrankung.

Historiker werden sich hier nicht zuständig fühlen. Wieso sollte sich Diana, die unweit des Spielorts aufwuchs, auf der einsamen Hinfahrt im Porsche hoffnungslos verfahren?

Schon hier führen Larrain und Drehbuchautor Steven Knight in ihr Thema ein, das Porträt einer Prinzessin, die sich nur noch treiben lässt: Die Ehe mit Charles ist aufgegeben, Verpflichtungen mit den anderen Royals begegnet sie ohne einen Hauch von Ehrgeiz. Schlafwandlerisch, aber deshalb noch lange nicht sicher. Auch der Fauxpas, erst nach der Queen zu erscheinen, ist nur ein Problem der anderen: Allen voran der herrlich erfundenen Figur eines Zeremonienmeisters während dieser Weihnachtstage, Major Alistair Gregory – gespielt in ungewohnter Strenge vom liebenswerten Charakterdarsteller Timothy Spall.

Aber manche haben auch ein Herz für den verlorenen Gast, den man später die Königin der Herzen taufen wird. Neben ihren Söhnen ist das ihre Ankleiderin, von Sally Hawkins verkörpert mit der ihr eigenen, entwaffnenden Natürlichkeit in einer irrealen Welt. Wenn Diana durch die Flure streift, darf natürlich auch ein Geist nicht fehlen. Das ist Anne Boleyn, die aus einem Folianten aufzutauchen scheint als Mahnung an Diana, ihren Kopf nicht auch noch zu verlieren. Ein anderer geisterhafter Ort des Films wäre für die wahre Diana zu diesem Zeitpunkt kaum noch eine Zuflucht gewesen: Ihr nahegelegenes Geburtshaus, Park House, war schon 1993 von der Queen an eine karitative Stiftung verschenkt worden. Eher eignete sich schon der Gastro-Tempel, der sich ihr mit den Kindern nach dem gestrengen Festschmaus als zwanglose Alternative öffnet – ein Kentucky Fried Chicken.

Was hätten die Paparazzi, die Diana so unbarmherzig jagten, für ein solches Bild gegeben. Hier wirkt es seltsam unbelastet vom Mythos der in ihrer Einfachheit verkannten, ungeliebten Prinzessin wider Willen. Tatsächlich muss man auch die posthumen Diana-Fiktionalisierungen, das Biopic „Diana“ mit Naomi Watts und eben die Serie „The Crown“ als veredelte Nacherzählungen dieses Boulevard-Narrativs betrachten. Dieser Film, mitproduziert übrigens von der großen Maren Ade, hat nichts davon: Es ist das köstliche Gegengift dazu – die wahre Kunst.

Spencer. USA/GB/D/Chile 2021. Regie: Pablo Larrain. 117 Min.

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