Szene aus Georg Schroeters neuem Film "Diese Nacht".
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Szene aus Georg Schroeters neuem Film "Diese Nacht".

Begegnung mit Werner Schroeter

Spätes Meisterwerk

  • Daniel Kothenschulte
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Es kommt nicht oft vor, dass ein neuer Film wie ein unbekannter Klassiker wirkt. Die Rede ist von Werner Schroeters "Diese Nacht". Von Daniel Kothenschulte, mit Video

Es kommt nicht oft vor, dass ein neuer Film wie ein unbekannter Klassiker wirkt. Wie ein Werk, das es immer schon gegeben haben müsste und das uns sein Fehlen doch erst im Augenblick seines Erscheinens bewusst macht. Und die Sehnsucht nach einem verlorenen Kino, die Werner Schroeters meisterhafter neuer Film "Diese Nacht" weckt, ist noch lange nicht gestillt, wenn sich der Vorhang wieder geschlossen hat.

Nach der Vorlage von Juan Carlos Onettis Erzählung "Für diese Nacht" entwerfen der Regisseur und sein Fotograf Thomas Plenart einen tief-farbigen, ebenso grausamen wie liebestrunkenen Totentanz über eine unmögliche Flucht aus einer fiktiven Folterdiktatur.

Ein Kriegsheld sucht nach seiner Geliebten, um mit ihr das letzte, rettende Schiff zu erreichen. Die Unterwelt freilich, mit der es dieser gefallene Orpheus zu tun hat, kennt keine Regeln, an die man sich halten könnte. Jeder spioniert gegen jeden. Und doch steckt eine so ungeheure Gier nach Liebe in den menschlichen Schatten, die dieses traumhafte Drama bevölkern, dass selbst grausame Szenen etwas Menschliches haben.

Diese Nacht, Trailer,Werner Schroeter, 2008

Es passiert nicht oft, dass man über einen Film sagen kann, dass es keinen zweiten Film gibt, der ihm gleicht. Die Kinoerinnerungen, die er weckt, gelten weniger konkreten Filmen als einer Zeit, in der Pasolini und Fassbinder, später Derek Jarman eine ähnlich produktive Melancholie erweckten. Vor allem aber natürlich tat dies Werner Schroeter selbst, in seinen Filmen, die schon lange eine Wiederentdeckung verdienen.

Gleichermaßen zierlich wie zäh wirkt der Filmemacher, der schon lange schwer krank ist und doch in diesen Tagen Abend für Abend seinen Film in einer anderen Stadt vorführt. Mal vor über 600 Zuschauern wie in der Berliner Volksbühne, mal vor einem guten Dutzend in Köln. Unermüdlich diskutiert Schroeter dabei vor allem mit jenen, die nur noch naturalistische Kinobilder zu kennen scheinen. Wie erklärt er sich ihr Misstrauen gegenüber diesem offenbar unerwünschten Mehrwert an Kunst? "Traurig und garstig" mache ihn das, sagt er im Gespräch zu später Stunde im Anschluss an den Kölner Auftritt. "Wer nur seine eigene kleine Welt auf der Leinwand sucht, möchte, dass sie aussieht wie der Arsch von Tante Anna. Das ist furchtbar, das ist einfach eine solche Verbildung! Das ist so traurig, dass man heulen könnte. Dabei ist ja Poesie einfach das Gegenteil von Logik. Dieser Film hat eine lineare Struktur, bloß es passieren so viele geheimnisvolle Dinge, die nur angetippt werden, dass es wie auf einem Erdbebenteppich stattfindet."

Schroeters Ausführungen kreisen noch immer um ein Wort, das schon vor dreißig Jahren bei ihm eine zentrale Rolle spielte: die Sehnsucht. "Das ist einfach der Kampf gegen den Materialismus. Und der Materialismus ist einfach der Tod der Seele." Gedreht wurde der Film vor Ort in einer Stadt, die sich selbst jede Nacht in ihre eigene, schweigsame Kulisse verwandelt - dem portugiesischen Porto. Es muss ein einziger Kraftakt gewesen sein: zwei Monate lang jede Nacht zu filmen, von sechs bis sechs. "Es war herrlich", beschreibt Schroeter den Prozess, wenn sich seine Phantasien und die seines Kameramanns und Ensembles einander annäherten. "Leicht fällt mir das nicht, aber sehr schnell geht das bei mir. Es sind spontane Geschichten. Die sehen hinterher vielleicht sehr kompliziert aus. Was mir schwer fällt, ist mich zu ernähren, während ich arbeite. Wenn die anderen da sitzen, ich kann das nicht, ich muss genug Energie haben, um so zehn Stunden durchzuhalten."

So arbeitet der 62-Jährige nun schon seit vierzig Jahren, in denen 77 Bühneninszenierungen entstanden und ein umfangreiches Filmwerk das er jetzt am Münchner Filmmuseum restaurieren lässt. "Mir kam immer entgegen, dass ich ein Nachtmensch bin. Ich habe schon in der Pubertät die Nächte durchgelesen, bin in die Schule getaumelt. Die Nacht hat für mich einen wirklichen und unwirklichen Zauber. Der wirkliche Zauber ist, dass ich lebe. Und der unwirkliche ist, dass ich allein sein darf und alles um mich herum schläft." Schroeters Film lebt aus diesen Lieblingsstunden der Melancholiker heraus. Aber er verschließt sich auch nicht vor der politischen Gegenwart, wenn er eine ins Delirierende gesteigerte Vision eines Überwachungsstaates entwirft. Voller elegischer Opernmusik verklärt er dennoch nichts, und es verwundert nicht, dass der Regisseur im Gespräch immer wieder auf die reellen Schrecken zu sprechen kommt, die in der Zeitung stehen. Der Täter von Winnenden ist für Schroeter ein Opfer seines Elternhauses. "120 Schuss Munition, Gewehre und Pistolen im Haus. Was hat dieser Vater nur seinem Jungen angetan, wie soll sich da ein kranker Junge anders orientieren als in eigenen Todesfantasien? Was fällt diesen Leuten ein, dem Kind so was anzutun? Eine solche Umgebung zu bieten? Einem sowieso verstörten jungen Mann?" Und wenn dann ein Gottesdienst abgehalten wird, an dem diesem sechzehnten Opfer, dem Täter, nicht gedacht wird, ist das für ihn ein Verrat am christlichen Glauben. "Das hat Jesus Christus nicht gewollt, soweit ich es einschätzen kann in meiner Phantasie."

Werner Schroeter sagt dies leise und ohne jede Anklage in der Stimme. Sitzt man ihm gegenüber, hat man keinen Zweifel daran, dass hier ein Künstler erschüttert ist an der Welt, die ihn umgibt. Und diese Trauer gibt er der Welt in seiner Arbeit zurück. Kein Wunder, wenn die sich manchmal damit schwer tut. Denkt Schroeter darüber nach, woran es liegt, dass Filme wie "Diese Nacht" nur noch schwer ein Publikum finden, klingt er wie ein letzter, ungebrochener Avantgardist. "Die Menschen wehren sich nicht. Weil sie in den Familien nicht lernen, sich zu wehren. Sich sinnvoll zu wehren. Nicht zu pöbeln und zu revoltieren. Das einzufordern, was zu einem kompletten Bild gehört." Dieser Mehrwert an Kunst ist tatsächlich im heutigen Kino alles andere als erwartbar.

Diese Nacht. Deutschland, Frankreich, Portugal 2008. Regie: Werner Schroeter. 118 Min.

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