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Anaïs Demoustier und Robinson Stévenin.
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Anaïs Demoustier und Robinson Stévenin.

Film

Sozialdrama „Gloria Mundi“ im Kino: Im Kittchen ist ein Zimmer frei

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Robert Guédiguians Sozialdrama „Gloria Mundi“ verliert die soziale Realität über Handlungsklischees aus den Augen.

Man sollte denken, wenn die soziale Ungleichheit steigt, blühte wenigstens das soziale Kino, aber das Gegenteil ist der Fall. Ebenso wie das deutsche Kino spielt auch das französische in aller Regel in der Mittelschicht, auch wenn es Klassengegensätze gern thematisiert – meist im versöhnlichen Ton von „Ziemlich beste Freunde“. Oft sind es Filmemacher oder Filmemacherinnen mit Migrationshintergrund, die überhaupt soziale Härten thematisieren und idealerweise – wie Ladj Ly in seinem meisterhaften Drama „Die Wütenden“ – sogar die Filmsprache erweitern.

Robert Guédiguian ist dieser Vorwurf nicht zu machen. Seit mehr als vier Jahrzehnten erzählt der Regisseur von „Marius und Jeanette – Eine Liebe in Marseille“ nun Dramen aus der Arbeiterklasse. An diesen Erfolg von 1997 möchte auch der Verleih erinnern, der seinem Film „Gloria Mundi“ den Untertitel „Rückkehr nach Marseille“ gegeben hat. Aber wer ist eigentlich von dort fortgegangen? Gewiss nicht Guédiguian, der seine Stadt und ihre Menschen immer wieder neu in Szene setzt. Und auch die in seinem Werk stets wiederkehrenden Gesichter dürften Marseille kaum lange untreu sein.

Gérard Meylan und Ariane Ascaride, das Darstellerpaar aus „Marius und Jeanette“, spielt nun Daniel und Sylvia, einen Ex-Häftling und seine Ex-Frau. Die gemeinsame Tochter Mathilda (Anaïs Demoustier) hat Daniel nur zu Besuchszeiten aufwachsen sehen. Kein Wunder, dass die junge Mutter eines Babys mit dem symbolträchtigen Namen Gloria wenig Interesse daran hat, den Heimkehrer mit der Rolle des Großvaters zu beehren. Bald aber macht er sich nicht nur bei der Betreuung des Babys unverzichtbar. Zurück ins Leben zieht ihn indes wenig.

Sylvie hat einen herzensguten Ehemann, einen Busfahrer, der sichtbar unter den noch immer spürbaren Schwingungen zwischen dem Ex-Paar leidet. Am liebsten würde sich Daniel wohl mit einer handfesten Heldentat zurück ins Kittchen verabschieden. Schon seine abgesessene Strafe verdankte er der missglückten Verteidigung eines Freundes, bei der mehrere Angreifer ihr Leben lassen mussten. Tatsächlich rufen die deprimierenden Lebensumstände, in der er nun seine Tochter erlebt, förmlich nach irgendeiner Form von Heldentum. Jedenfalls so wie Guédiguian sein fatalistisches Sozialdrama angelegt hat.

Für das junge Paar, das ums Überleben kämpft, kommt ein Unglück selten allein. Während sich die Mutter ohne Aussicht auf Festanstellung abstrampelt, verdingt sich ihr liebender Ehemann mit einer über die Verhältnisse geleasten Limousine als Uber-Chauffeur. Als er von konkurrierenden Taxifahrern zusammengeschlagen wird, kann er nicht mehr für die Familie sorgen.

Mathilda sieht ihre Chance auf sozialen Aufstieg beim Mann ihrer Schwester. Der rücksichtslose Jungunternehmer lebt mit seinem Second-Hand- und Elektronikladen, wie ihm einmal jemand zum Vorwurf macht, von der Armut der anderen. Beide haben eine Affäre, die Mathilda allerdings sofort auffliegen lässt, als eine versprochene Anstellung als Geschäftsführerin an seine zweite Geliebte geht. Schwer für die Männer, die Mathilda nahestehen, da nicht zur Ehrenrettung straffällig zu werden.

Archaischer Fatalismus

Gern würde man sagen, die ausbeuterischen sozialen Verhältnisse, die Guédiguian so sorgfältig skizziert, führten geradewegs in die Gewalt – in einer Nebenhandlung muss sich Mathildas Mutter mit einem privilegierten Gewerkschafter streiten, weil sie sich nicht leisten kann zu streiken. Tatsächlich aber ist es allein sein mit Serge Valletti verfasstes Drehbuch, das wie in einem Stummfilm von D. W. Griffith materielle und emotionale Verrohung in enger Verbindung sieht. In einem geradezu archaischen Fatalismus muss sich in der jüngeren Generation wiederholen, was mit Mathildas Mutter nach der Inhaftierung des Ehemanns geschah. Ihre Prostitution aus Armut wird in Beziehung gesetzt zu Mathildas Affäre mit dem Schwager, der ihr den sozialen Aufstieg verspricht.

Das problematische Frauenbild dahinter wird durch die Figur ihrer Halbschwester noch pointiert. Diese von Lola Naymark gespielte Aurore ist eine brutale Verächterin des Lumpenproletariats, dem sie selbst entstammt. Ihre Kundinnen zockt sie ab, sich selbst stilisiert sie als Sexbombe, in der Hoffnung auf eine Karriere im Amateurpornogeschäft. Etwas anderes als Sex und Arbeit kommt in der Welt des Paares nicht vor. Selbst die einzige Szene, die Daniel abseits seiner Familie zeigt, führt in ein Bordell. Es klingt hart, einem Regisseur viel besserer Sozialdramen diesen Vorwurf zu machen, aber auch „Liebe – Brot der Armen“ kann ein diskriminierendes Klischee sein, das man vermeiden sollte.

Dagegen wirken zwei männliche Figuren geradezu wie Lichtgestalten: Nobler als Daniel ist nur noch Mathildas von Robinson Stévenin verkörperter Freud Nicolas, dessen Unfähigkeit, über Leichen zu gehen, von seiner Partnerin als Schwäche ausgelegt wird. Ist es wirklich so, dass diese überkommenen Wertvorstellungen noch so eine Präsenz in einem Gegenwartsfilm verdienen?

Mit seinen Generationsgenossen, den belgischen Dardenne-Brüdern und dem inzwischen 85-jährigen Ken Loach gehört der 68-jährige Guédiguian zu den wichtigsten Vertretern eines sozialen Kinos. In seinen besseren Filmen gelang es ihm in ähnlicher Weise, komplexe politische Realitäten in bezwingenden Charakterstudien zu verdichten. Hier wirkt nichts komplex, weder die Realitäten noch die Gefühle, schlimmer noch: Die Vereinfachung der Figuren verkürzt auch das Drumherum.

Gloria Mundi. F 2019. Regie: Robert Guédiguian. 106 Min.

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