Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Jazzer und die widerspenstige kleine „22“ in der himmelblauen Seelen-Ursuppe.
+
Der Jazzer und die widerspenstige kleine „22“ in der himmelblauen Seelen-Ursuppe.

Das große „Davor“

Pixar-Film „Soul“: Animationsfilm hätte Kinohit des Jahres werden können

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

Der Pixar-Animationsfilm „Soul“ ist im verhinderten Filmjahr ein unverhoffter Höhepunkt. Es geht um nichts Geringeres als den Sinn des Lebens.

„Der Film ist vorbei, geht nach Hause“, meldet sich am Ende des Abspanns noch einmal eine inzwischen liebgewonnene Nebenfigur dieses neuen Pixarfilms zu Wort. Es ist der Lehrer einer Vorschule für ungeborene Seelen mitten im Nirgendwo zwischen Leben und Tod. Nur aus digitalen Umrisslinien ist er animiert, aber wie jeder resolute Erzieher ließe er sich kaum ein X für ein U vormachen von seinen kleinen Zöglingen, lustigen Schwebewesen mit Luftballonköpfen und großen Babyaugen.

Pixars „Soul“ sollte ursprünglich in Cannes Premiere feiern

Nur eines hätte sich wohl niemand bei Pixar vorstellen können: dass dieser wunderbare Film nicht in Filmtheatern Premiere haben könnte. Dass wir gar nicht mehr nach Hause gehen müssen, wenn wir nun eben per Stream bis zum letzten Bild daran kleben.

„Soul“ die ehrgeizigste Produktion des Studios seit Pete Docters „Alles steht Kopf“ („Inside Out“), hätte eigentlich zum Aufgebot von Cannes gehört, bevor das Festival im vergangenen Frühling im vorletzten Augenblick abgesagt werden musste. Nun hat er auf dem Streamingkanal Disney Plus Premiere, und das Beste, was man dazu sagen kann, ist, dass er allein den Monatspreis lohnt, der nicht mehr kostet als eine Kinokarte.

„Soul“ behandelt den Traum eines Künstlers – und Jazz

Es wäre einer der feinsten Filme im Programm von Cannes gewesen und wohl auch ein würdiger Kandidat für die erste Goldene Palme für einen Animationsfilm. Aber wie viele haben in diesem Jahr ihre lange erarbeiteten Kinoträume begraben müssen? Und tatsächlich, welch traurig-schöne Ironie dabei: Genau davon handelt dieser Film – von lebenslang gehegten Künstlerträumen, die von einem Augenblick auf den Nächsten zerplatzen können. Und, in den richtigen Rahmen gerückt, von nichts Geringerem als der Suche nach einem vielleicht noch größeren Sinn des Lebens.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Joe Gardner, der als Musiklehrer an einer New Yorker Highschool eher unwillig den Kindern die Flötentöne beibringt. Eigentlich ist er ein talentierter Jazz-Pianist, der auch in der Mitte seines Lebens noch auf den großen Durchbruch wartet. Doch als der sich endlich unverhofft anbahnt – ein ehemaliger Schüler hat ihm einen Auftritt mit einer berühmten Saxophonistin vermittelt – stürzt Gardner, freudig am Handy telefonierend, in einen offenen Kanal. Unvermittelt verlässt der Film nun seinen realistischen Schauplatz, das animierte Wimmelbild des turbulenten Vor-Corona New York, für ein Jenseits, wie es nur der Animationsfilm zeigen kann.

„Souls“ verarbeitet den Tod und das Sterben

Immer wieder haben Filme ausgemalt, was uns wohl zwischen Leben und Tod erwarten könnte. Im britischen Klassiker „Irrtum im Jenseits“ von Michael Powell und Emeric Pressburger glich der Weg dorthin einer gewaltigen Showtreppe. Und selbst in Pixars Toy-Story-Welt musste sich ein Spielzeug einmal, in Anspielung auf eine oft kolportierte Nahtod-Erfahrung, warnen lassen, bloß nicht in das ominöse Licht zu gehen.

Dieser unerhörte Ort ist hier ein großes Schwarz mit einem endlosen Steg in Richtung eines entfernten Sternenmeers, das sich tatsächlich zu einem leuchtenden Zentrum verdichtet. Als Joe versteht, wo er wohl ist, hat er sich bereits in ein türkisfarbenes Lichtwesen mit großem Kopf verwandelt. Doch das stört ihn weniger als der Ort an sich: „Ich gehöre hier einfach nicht hin“, erklärt er einer Hundertsechsjährigen, die offensichtlich seit Jahren auf diesen Moment gewartet hat. So geht er trotzig in die Gegenrichtung – in das Reich der Ungeborenen.

„Souls“ wechselt wiederholt die Stimmung des Films

Um es vorweg zu nehmen: Das einzige Bild, das sich „Soul“ vom Tod erlaubt, ist das Abtauchen im großen Weiß, verbunden mit dem nicht sehr hoffnungsvollen Geräusch eines leisen Summens, wie es Insekten von sich geben, die man mit elektrischen Fliegenklatschen erlegt. Filmerzähler Pete Docter interessiert nicht das Jenseits, sondern das „Davorseits“, die Schwelle vor dem Leben. Also das Reich, wo Babys gelernt haben müssen, was sie oft schon als Neugeborene an Wesenszügen ins Gesicht geschrieben haben.

Dort gibt man sich alle Mühe, den niedlichen Seelchen mit ihren Ballonköpfen Lust auf das irdische Dasein zu machen. Es ist eine wahre Bildungslandschaft mit neoklassizistischen Pavillons – ebenso deutlich inspiriert von den ehrgeizigen Weltausstellungen des 20. Jahrhunderts wie von Walt Disneys Version des mythologischen Griechenland in der Beethoven-Episode von „Fantasia“. Alles leuchtet verlockend in pastellenen Neonfarben, besonders die Geister großer Geistesgrößen, die den kleinen Ungeborenen als Inspiration dienen sollen (für die Unsterblichen gibt es also doch ein Leben nach dem Tod). Nur ein Seelchen, das auf den Namen „22“ hört, hat keine Lust aufs Erdenleben. Doch nur im Schlepptau dieser grundpessimistischen Begleiterin gelingt es Joe Gardner, wieder zurück auf die Erde geschleudert zu werden, geradewegs ins Krankenhaus, wo er noch im Koma liegt. Der fatale Effekt: Während die Seele Nummer 22 in seinen Körper wandert, gelangt sein eigener Geist in den Körper einer Therapie-Katze.

Soul.

USA 2020. Regie: Pete Docter und Kemp Powers (Co-Regie). 100 Min. Zu sehen auf Disney Plus.

In einer meisterhaften Überraschung wechselt der Film abermals sein Gesicht und seine Stimmung, um dem ungleichen Duo durch New York zu folgen, wo Joe als Katze verzweifelt versucht, wenigstens seinem von „22“ bewohnten Körper noch zum ersehnten Abendauftritt zu verhelfen. Ein wenig erinnert das ungleiche Duo an Disneys Pinocchio und Jiminy Grille. Und dies ist auch nicht die Sorte Film, die das große Thema „Menschwerdung“ mit dem Einlösen einfacher Erfolgsversprechen gleichsetzte. Denn was Joe Gardner wirklich fehlt, ist das, was er in seinem bisherigen Leben für seinen Traum geopfert hat.

„Souls“ funktioniert auf verschiedenen Ebenen und weiß zu überraschen

Wie schon in „Alles steht Kopf“ hat Pete Docter, dieser große Intellektuelle unter den Pixar-Künstlern, philosophische Fragen in ebenso eingängige wie ungesehene Bilder gegossen. Zugleich feiert sein vom gesamten Team im Homeoffice des Lockdowns vollendeter Film auf ebenso originelle Weise das, was der Politik derzeit oft fast entbehrlich erscheint: den Wert von Kultur als Lebenselixier.

Es ist eine ebenso mitreißende wie unaufdringliche Einführung in den Jazz. Nicht von ungefähr ist der Song, den Joe seinen Schülern beizubringen versucht, „Things Ain’t What They Used To Be“, eine Komposition von Duke Ellingtons Sohn Mercer, der kaum aus dem Schatten seines Vaters treten konnte. Auch von Joe erfahren wir eine solche Vorgeschichte. Die große Milieutreue in Joes Umfeld erschließt als weiteren Themenkomplex Blackness also die afroamerikanische Lebenserfahrung. Docter hat das Drehbuch gemeinsam mit dem afroamerikanischen Dramatiker Kemp Powers geschrieben, der auch als Co-Regisseur wirkte.

Wie oft wurde in der Geschichte des Animationsfilms schon Diversität zu karikierenden Klischees verbogen, gerade auch bei Disney. „Soul“ trägt seinen vieldeutigen Titel auch als Tribut an die afroamerikanische Musik. Aber nicht nur die Seele in der Improvisation des Jazz ist hier gemeint, es ist eine Hommage an die einzigartige Fähigkeit des Menschen, sein Innerstes in Schönheit zu verwandeln, nicht nur in der Kunst, sondern umso mehr im Leben. (Daniel Kothenschulte)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare