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Rente unter Palmen.

„37 Grad: Rente unter Palmen“, ZDF

Wie die Sonnenuhr

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Urlaubsbilder und ein Happy End für alle: Die Reportage erzählt von deutschen Auswanderern, die ihren Lebensabend in Thailand verbringen.

Das war sicher eine schöne Recherche-Reise: Ein halbes Jahr lang hat Autorin Jule Sommer vier Rentner in Thailand „begleitet“, wie es im Kommentar heißt. In der Regel bedeutet das jedoch nicht, dass die Kamera den Menschen sechs Monate lang nicht von der Seite weicht; meist genügen punktuelle Besuche, um sich einen Eindruck zu verschaffen. 

Das klingt zwar eher nach Urlaub als nach Arbeit, hat aber einen typischen „Immer mehr“-Hintergrund: Immer mehr deutsche Senioren verbringen ihren Lebensabend in Thailand, weil die Altenpflege dort deutlich preiswerter ist. Deshalb wird das Thema seit einigen Jahren auch regelmäßig im Fernsehfilm aufgegriffen. 

Das ZDF zum Beispiel erzählt demnächst im Rahmen der Sonntagsreihe „Fluss des Lebens“ von einem Witwer, der im südostasiatischen Klima regelrecht aufblüht, weil sein Rheuma wie weggezaubert ist („Kwai – Familienbande“, 14. April). Auch im „Ersten“ gab es schon einige Geschichten dieser Art (zuletzt „Schwarzbrot in Thailand“). Interessanterweise waren die Filme kritischer als die „37 Grad“-Reportage „Rente unter Palmen“. 

Während die fiktionalen Produktionen durchaus auch die Schattenseiten des Themas angesprochen haben, macht es Autorin Sommer wie die Sonnenuhr und konzentriert sich weitgehend auf die schönen Aspekte. Wenigstens wird deutlich, wie brüchig Beziehungen zu den Einheimischen sind: Christa, Mitte siebzig, hat ein inniges Verhältnis zur Thailänderin Lek, die sie als persönliche Begleiterin engagiert hat. Die vermögende Rentnerin empfindet mütterliche Gefühle und ist überzeugt, Lek betrachte sie nicht bloß als Arbeitgeberin. 

Ein Irrtum, wie sich beim nächsten Besuch zeigt: Obwohl Christa der Frau das Doppelte des üblichen Gehalts gezahlt hat, wollte Lek mehr Geld; da haben sich ihre Wege getrennt. Ebenfalls alleinstehend ist Sommers zweiter Protagonist, Wolfgang, erst Mitte fünfzig, aber aus gesundheitlichen Gründen bereits seit zehn Jahren Rentner. Weil die Lebenshaltungskosten in Thailand so preiswert sind, kommt er mit 900 Euro pro Monat aus. 

Auch auf seiner Erzählebene kommt ein kleiner Makel zur Sprache: Sollte er irgendwann zum Pflegefall werden, wird er sich den Lebensabend nicht mehr leisten können. Die deutsche Pflegeversicherung gilt nur für den EU-Raum und die Schweiz, weil im fernen Ausland nicht überprüft werden kann, welche Pflegestufe nötig ist. Das ist aber nur Randaspekt, der kaum eine Chance hat, sich gegen die Urlaubsaufnahmen durchzusetzen: Ähnlich wie die Fernsehfilme präsentiert Sommer viele schöne Schmuckbilder, die umgehend das Fernweh wecken. 

Sonnenauf- oder untergänge, Meer, Strand: Die Optik ähnelt den Sonntagsfilmen im „Zweiten“ frappierend. Ansonsten bedient die Reportage die üblichen „37 Grad“-Klischees; es scheint zum Kanon der Reihe zu gehören, dass die Menschen beim Kochen gezeigt werden oder in Fotoalben blättern. Die dritte Ebene gilt dem schwäbischen Ehepaar Marianne und Norbert, und sie verweist auf eine weitere Problematik: Er will, sie nicht. Ähnlich wie die Filmfigur aus „Fluss des Lebens“ fühlt sich auch Norbert in Thailand wie neugeboren, weil sich das Klima positiv auf seine Gesundheit auswirkt. 

Er kommt seit vielen Jahren regelmäßig her, allerdings meist allein. Seine Frau ist von der Aussicht, den Rest des Lebens am anderen Ende der Welt zu verbringen, wesentlich weniger begeistert, und das nicht nur, weil sie Weihnachten unter Palmen nicht sonderlich erstrebenswert findet; sie würde vor allem die Enkel vermissen. Immerhin müssen die Auswanderer im buddhistischen Thailand nicht auf geistigen Beistand verzichten: Sommer stellt auch einen protestantischen Pfarrer vor, der klassische deutsche Weihnachtsgottesdienste veranstaltet, ansonsten aber erfrischend pragmatisch ist: Wenn sich eine jüngere Einheimische eines deutlich älteren Deutschen annehme, sei selten Liebe im Spiel. 

Das ist in dem Sonntagsfilm „Kwai – Familienbande“ anders. Die Geschichte wird aus Sicht der Tochter erzählt. Sie ist anfangs schockiert, dass sich ihr alter Vater noch mal verliebt und die Familie seiner Verlobten großzügig unterstützt; der Film endet dennoch versöhnlich. Sommer hält es ähnlich. 

Die Abreise von Norbert und Marianne verzögert sich zwar, weil er kurzfristig ins Krankenhaus muss, aber das bestärkt seine Auswanderungsabsichten nur: Wenn alles endlich ist, warum dann warten? Christa stellt fest, dass sie auch ohne Begleiterin auskommt, und Wolfgang hat, wie der von Maya Bothe angenehm gesprochene Kommentar etwas altbacken mitteilt, „seine Fühler“ nach einer 45jährigen Thailänderin ausgestreckt. Klingt nach einem Happy End für alle.

Zur Sendung: Reportage „37 Grad: Rente unter Palmen“ Sendetermin TV: Dienstag, 2.4., 22.15 Uhr, ZDF 

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