Izïa Higelin (links) und Cecile de France in „La Belle Saison“.
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Izïa Higelin (links) und Cecile de France in „La Belle Saison“.

„La Belle Saison“

Sonnengelb ist eine warme Farbe

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Catherine Corsinis wunderbarer Liebesfilm „La Belle Saison“ erinnert an den feministischen Aufbruch der frühen siebziger Jahre.

Frauen können einfach nicht ohne Männer!“ – „Phallokrat!“ – „Mannweib!“ – „Sklavenhalter!“. Ist der Kampf um Frauenrechte erst einmal im eigenen Schlafzimmer angekommen, den die junge Feministin Carole (Cécile de France) im Paris der frühen Siebziger Jahre mit einer Gruppe von Aktivistinnen führt, dann ist schon viel gewonnen. Doch auch wenn der verbale Schlagabtausch mit ihrem Freund immer lauter wird, ist er doch nur der Auftakt zu einem zärtlichen Liebesspiel. Als sie den jungen Mann auch noch als Pompidou-Wähler beschimpft, muss Carole selber lachen. Man ist links und sich einig in den Idealen. Und auch als die Beziehung wenig später auseinanderbricht, weil Carole sich urplötzlich in eine Frau verliebt hat, ist das für den Partner zwar emotional eine Tragödie. Ein Rückfall in patriarchalisches Denken bleibt aus.

Catherine Corsinis Film „La Belle Saison“ führt zurück in eine Zeit, als Homosexualität, wenngleich in Frankreich legal seit 1791, noch in psychiatrischen Kliniken behandelt wurde. Die Ehe für homosexuelle Paare wurde zwar 2013 grundsätzlich ermöglicht – aber begleitet von 1,3 Millionen Demonstranten, die dagegen waren.

Diese Debatte untermalt Corsinis historischen Liebesfilm wie eine kontrapunktische Bassfigur. Unsichtbar, aber unüberhörbar. Inspiriert von der eigenen Teenagerzeit feiert sie zunächst die breite feministische Bewegung der frühem Siebziger als gesellschaftsverändernde Kraft, von der beide Geschlechter profitierten. Das geschieht ebenso undogmatisch wie mitreißend.

Der Stadt-Land-Konflikt

Zugleich erzählt Corsini ihre zärtliche Coming-of-Age-Geschichte vor dem Hintergrund eines Stadt-Land-Konflikts. Man kann darin eine Metapher für die Argumente des wieder erstarkten Rechtsextremismus innerhalb der französischen Gesellschaft sehen.

Carole hat sich in die Bauerntochter Delphine (Izïa Higelin) verliebt, die nach Paris gekommen ist, nicht zuletzt, weil sie in der Provinz keine Toleranz für ihre Homosexualität erwartet. Ein Schlaganfall ihres Vaters zwingt sie jedoch zur Rückkehr auf den Hof – gefolgt von ihrer urban eingestellten Geliebten, die nicht einsieht, weshalb sie ihre Liebe vor irgendjemandem verheimlichen soll.

Es ist eine erzählerisch sehr elegante Konstellation, dass Delphine, die Carole ursprünglich erobert hatte, jetzt auf einmal in die Defensive gerät. Belastet von der familiären Situation einerseits und der Größe der gewonnen Liebe andererseits, sieht sie sich zusehends überfordert. Und in den Weiten der sommerlichen Landschaft, die für die vorausgegangenen Liebesszenen eine so idyllische Kulisse abgegeben haben, wird es plötzlich für das Paar zu eng.

Das französische Kino liebt seine Pastoralen, es ist süchtig nach der „belle saison“, der Sommerzeit, die jedes Jahr rund ein halbes Dutzend Landhausfilme hervorbringt. Ihr Milieu ist meist das intellektuelle Bürgertum, Louis Malle gelang es gar mit seiner „Komödie im Mai“ die ganze 68er Revolution aus der Distanz der südfranzösischen Provinz zu erzählen. In Catherine Corsinis Film ist es dagegen das bäuerliche Milieu, das von der Pariser Aufbruchstimmung weitgehend unberührt geblieben ist. So erscheint der Umbruch gewissermaßen wie durch ein Fernrohr betrachtet, der Zeitenwandel noch einmal deutlicher spürbar.

Die paradiesische Unschuld

Zugleich geht von der ländlichen Umgebung aber auch eine paradiesische Unschuld aus, die zu einigen der schönsten Liebesszenen der letzten Jahre führte. Manchmal fühlt man sich geradezu an Terence Malicks „In der Glut des Südens“ erinnert.

In ihrer Ansprache an ein breites Publikum geht Corisinis Film zwar in eine ähnliche Richtung wie Abdellatif Kechiches „Blau ist eine warme Farbe“, doch ihre Sexszenen sind dabei alles andere als voyeuristisch. Der Umgang mit Nacktheit wirkt vielmehr wie selbstverständlich – und ist zugleich von einer wohlbedachten Diskretion. Alle Farben sind stimmig in diesem anrührenden Liebesfilm.

La Belle Saison – Eine Sommerliebe. Frankreich 2015. Regie: Catherine Corsini. 106 Min.

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