+
Der angehende Shooting-Star am Pop-Himmel Sebastian (Tim Oliver Schultz) und die Krankenpflegerin Mia (Paula Kalenberg) sind ein ungleiches Paar.

„Song für Mia“

Man sieht nur mit dem Herzen gut

  • schließen

In der musikalischen Liebesgeschichte mit Tim Oliver Schultz und Paula Kalenberg lernt ein junger Popstar, was im Leben wirklich zählt.

Vor zehn Jahren hätte Kostja Ullmann die männliche Hauptrolle gespielt; der Film wäre fürs Kino entstanden und später bei ProSieben gelaufen. Aber die Zeiten haben sich geändert, und deshalb stellt sich die Frage, wer sich dieses romantische Drama über zwei junge Leute Mitte 20 wohl anschauen wird. Die einstige ProSieben-Kernzielgruppe (Zuschauer unter 30) sucht sich ihr Programm längst bei YouTube, Netflix und Amazon. 

Bleibt also das typische ARD-Publikum um die 60, das sich für eine Geschichte über die Generation „DSDS“ erwärmen soll: Sebastian (Tim Oliver Schultz), Sohn aus vermögendem Elternhaus, träumt von einer Karriere als Popstar. Bis dahin vertreibt er sich die Zeit, indem er sie totschlägt: abends im Club, nachts mit immer wieder anderen jungen Frauen. Als ihm tatsächlich der Durchbruch winkt, weil ihn ein Produzent (Max von Thun) bei einer Performance auf dem Clubklo beobachtet hat, schlägt das Schicksal unbarmherzig zu: Sebastian, der sich lieber Sebbe nennen lässt, läuft im Dunkeln gegen eine Stange und verliert auf der Stelle sein Augenlicht. 

Eine Ärztin (Sophie von Kessel) stellt fest, dass ein Blutgefäß im Gehirn geplatzt ist; die Blutung beeinträchtigt sein Sehzentrum. Sebbes Lebensglück ist buchstäblich mit einem Schlag dahin, denn alles, was ihm bislang wichtig war, hatte mit Äußerlichkeiten zu tun. Doch dann bekommt er eine zweite Chance: Erst entdeckt der junge Mann mit Hilfe von Pflegerin Mia (Paula Kalenberg), die ihm die Augen öffnet, dass es im Leben Wichtigeres gibt als Luxus, und dann beendet eine Operation seine Blindheit; aber prompt fällt er anschließend wieder in sein altes Leben zurück, in dem für jemanden wie Mia kein Platz ist.

Das Drehbuch des Autorentrios Alexander Dydyna, Peer Klehmet und Friederich Oetker basiert auf dem schwedischen Kinofilm „Ego“ (2013) von Lisa James Larsson. Die Umsetzung besorgte Mira Thiel, die bislang vor allem mit „Gut zu Vögeln“ (2015) auf sich aufmerksam gemacht hat; die Kinokomödie trug ihren derben Titel nicht zu Unrecht, die Charaktere bewegten sich entlang der üblichen Klischees. 

Szenen aus „Song für Mia“

Saskia (Sophia Schober) ist eine von vielen Frauen, denen Sebastian (Tim Oliver Schultz) gefällt.
Saskia (Sophia Schober) ist eine von vielen Frauen, denen Sebastian (Tim Oliver Schultz) gefällt.  © ARD Degeto/Constantin Television/Jacqueline Krause-Burberg
Sebastian (Tim Oliver Schultz) kann plötzlich nicht mehr sehen und wird von der Augenärztin (Sophie von Kessel) untersucht.
Sebastian (Tim Oliver Schultz) kann plötzlich nicht mehr sehen und wird von der Augenärztin (Sophie von Kessel) untersucht.  © ARD Degeto/Constantin Television/Jacqueline Krause-Burberg
Sebastian (Tim Oliver Schultz) ist richtig verliebt in Mia (Paula Kalenberg).
Sebastian (Tim Oliver Schultz) ist richtig verliebt in Mia (Paula Kalenberg).  © ARD Degeto/Constantin Television/Jacqueline Krause-Burberg
Mia (Paula Kalenberg) ist enttäuscht, als Sebastian (Tim Oliver Schultz) wieder in sein früheres Leben zurückkehrt.
Mia (Paula Kalenberg) ist enttäuscht, als Sebastian (Tim Oliver Schultz) wieder in sein früheres Leben zurückkehrt.  © ARD Degeto/Constantin Television/Jacqueline Krause-Burberg
Gabriel (Daniel Friedrich) und Annelie (Angela Roy, re.) engagieren Mia für die Betreuung ihres Sohns Sebastian.
Gabriel (Daniel Friedrich) und Annelie (Angela Roy, re.) engagieren Mia für die Betreuung ihres Sohns Sebastian.  © ARD Degeto/Constantin Television/Jacqueline Krause-Burberg
Sebastian (Tim Oliver Schultz) zieht abends mit seinen Freunden Erik (Jonathan Beck, re.) und Finn (Rony Herman, li.) durch die angesagten Clubs der Stadt.
Sebastian (Tim Oliver Schultz) zieht abends mit seinen Freunden Erik (Jonathan Beck, re.) und Finn (Rony Herman, li.) durch die angesagten Clubs der Stadt.  © ARD Degeto/Constantin Television/Jacqueline Krause-Burberg

Das ist bei „Song für Mia“ nicht viel anders, hat hier jedoch Methode, denn die Geschichte lebt natürlich vom Kontrast zwischen der herzensguten Mia und dem eitlen Sebbe. Die vermittelte „Kleiner Prinz“-Botschaft, laut der man nur mit dem Herzen gut sieht, ist ebenfalls alles andere als originell. Allerdings zieht Thiel ihr Ding fast schon bewundernswert konsequent durch. Tim Oliver Schultz ist durch die Grimme-preisgekrönte Vox-Serie „Club der roten Bänder“ zum Star geworden, und so zelebriert Thiel ihn auch. Vermutlich hat es in einem deutschen Fernsehfilm schon lange nicht mehr so viele Duschszenen mit einem männlichen Hauptdarsteller gegeben, und auch sonst bekommt Schultz ausgiebig Gelegenheit, seinen gut trainierten Oberkörper zu zeigen.

Auch sonst setzt Thiel sehr viel auf Oberfläche, aber dieser Stil ist Teil der Geschichte wie auch der Botschaft. Nach dem Unfall ändern sich Tempo und Bildgestaltung deutlich. Entsprechend wichtig ist die Bildgestaltung: Das Licht in Sebbes Wohnung wirkt, als habe Kameramann Stephan Burchardt 50 verschiedene Grauschattierungen finden wollen. Mias Heim ist dagegen hell, freundlich und ein bisschen chaotisch, und natürlich ist auch das klischeehaft. Für die Inszenierung der Clubszenen gilt das Gleiche, doch diese Bilder dienen ausnahmslos dem Zweck, die Fallhöhe zu vergrößern: Weil Sebbe bislang nur der Anschein wichtig war, hat er nach dem Verlust des Sehvermögens gar nichts mehr; bis auf die Musik. Mia macht ihm klar, dass Texte von Herzen kommen müssen, wenn sie berühren sollen, aber selbstverständlich vergisst er das wieder.

Es fiele also nicht schwer, Ansatzpunkte für Kritik zu finden, zumal der Film stellenweise kräftig kitschig ist: Überm Ferienhaus, in dem sich Sebbe und Mia während eines spontanen Kurzurlaubs näher kommen, wölbt sich ein Regenbogen, und die Geschichte, die Sebbe bei einem Radiointerview über seinen verstorbenen Bruder erzählt, dient einzig und allein dem Zweck, Mia und das Publikum zu Tränen zu rühren. Mitunter hakt es auch mal: Der Produzent freut sich, dass endlich jemand auf Deutsch über seine Gefühle singt; als habe es die emotionalen Popschlager von Tim Bendzko, Max Giesinger oder Mark Forster nie gegeben. Anlass für die Freude des Mannes ist ein von Mia heimlich gefilmtes und ins Netz gestelltes Video, in dem Sebbe am Lagerfeuer zur Gitarre das Lied singt, bei dem sie als Muse mitgewirkt hat. Das Video entwickelt sich zum Internet-Hit, der junge Mann wird endlich Popstar, vergisst Mia und kommt erst wieder zur Besinnung, als ihm das Schicksal einen weiteren Denkzettel verpasst.

Dass der Film trotz aller Einwände Spaß macht, liegt in erster Linie an den beiden Hauptdarstellern. Paula Kalenberg hat nicht viel Mühe, sich als Gegenentwurf zum verbitterten Sebbe zu profilieren, macht das aber wie gewohnt sehr natürlich und sympathisch; außerdem setzt sie mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit die komischen Akzente. Schultz wiederum ist perfekt als Hedonist ohne Tiefgang. Sebbes Sinneswandel vom Lackaffen zum Romantiker vermittelt er ebenfalls glaubwürdig; und singen kann er auch. Die verschiedenen Songs sind alle eigens für den Film entstanden; die Komponisten arbeiten unter anderem für Max Giesinger, Xavier Naidoo, Cro, und Mark Forster. 

Zur Sendung

Liebesgeschichte: „Song für Mia“

TV-Sendetermin: Samstag, 16.2., 20.15 Uhr, ARD

Netz: Das Erste

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion