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Sommerlich, aber verdächtig: Tom will nicht seiner Großmutter (Ulrike Kriener) folgen.

"Die verschwundene Familie", ZDF

Wie soll das enden?

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Das ZDF verwickelt uns in den stimmungsvollen, aber dramaturgisch wenig einleuchtenden Krimi "Die verschwundene Familie".

Der ZDF-Zweiteiler „Die verschwundene Familie“ knüpft an den erfolgreichen Krimi „Tod eines Mädchens“ an, auch schon vier Jahre her. Aber an die perfide Anschleichtaktik des Unglücks und seine nachhaltige Zerstörungskraft sowie an den unerzogenen Holzkopfkommissar von auswärts erinnert man sich noch ganz gut.

In Echtzeit ist auch das Leben im schmucken Ostseebad weitergegangen. Die ortsansässige Kommissarin Christensen, Barbara Auer, die inzwischen in Kiel arbeitet, ist im Begriff, den Dienst zu quittieren, um den Rest ihres von der Pendelei ramponierten Familienlebens zu retten. Der Hamburger Kollege Kessler, Heino Ferch, ist auch wie von ungefähr wieder da (noch vor ihr, typisch, der Anlass geheimnisvoller, als man zunächst denkt), ein mimikfreier Rüpel wie eh und je.

Der Titel sagt schon, was passiert ist, während sich der Film, wieder inszeniert von Thomas Berger, der diesmal auch das Drehbuch geschrieben hat, Zeit lassen kann. Ein Kind wird nicht vom Bahnhof abgeholt, wo es lange auf seine Mutter wartet, bis es alleine loszieht. Eine Frau kommt nicht zu einem wichtigen Termin. Ein Mann hat sein Auto an einer Stelle stehen lassen, an der es wirklich nicht stehen darf. Während noch keiner recht glauben mag, was da zwischen adretten Häuschen und Gärtchen an einem harmlos sonnigen Tag heranzieht, wird die Leiche des Familienvaters unter den Steilklippen gefunden. Mutter und Tochter bleiben unauffindbar. Der kleine Sohn, der nun vorm leeren Haus aufgegabelt wird, ist verstört, aber das können alle gut verstehen. Leider kann keiner damit umgehen.

Denn nun passiert etwas Seltsames. „Die verschwundene Familie“ ist einerseits ein stimmungsvoller Küstenkrimi, in dem erneut der stille Schrecken um sich greifen kann – diesmal vor allem gespiegelt im Gesicht des Kindes Tom, Timo Hack – und zahlreiches Personal zur Verfügung steht: Dietrich Hollinderbäumer und Ulrike Kriener als unausgeglichene Großeltern, bei denen man sich gleich allerlei denkt (aber was nur, was?), Gustav Peter Wöhler als dauerverdächtiger Hotelier, Rüdiger Vogler als berühmter und auch nicht direkt unbescholten wirkender Schriftsteller. Anja Kling als Mutter der damaligen Toten ist dezent wieder dabei. Christensens Mann, Rainer Bock, wandelt stoisch durchs Drehbuch. Die Komplikationen haben zudem doppelt so viel Entfaltungsraum wie in einem Tatort. 

Andererseits entwickeln sich die Komplikationen trotzdem lahm und ruckartig zugleich, reiben sich die Ermittler ständig an Nebenschauplätzen auf. Sie sind überlastet, machen aber alles selbst (obwohl es von Polizei nur so wimmelt), sie sind rasend engagiert, denken aber nicht an das Nächstliegende (das permanent entspringende Kind in seinem Elternhaus zu suchen), sie können sich gegenseitig nicht ausstehen, hängen aber aneinander wie die Kletten (obwohl es, wie gesagt, von Leuten nur so wimmelt). Mit dem echten Leben lässt sich da schlecht argumentieren, denn verblüffenderweise zieht sich dadurch eher eine unnötige Künstlichkeit über das Geschehen. Das ist der lähmende Teil, der sich in Schlaufen verwickelt. Schon ist der Junge wieder weg (beim ersten Mal trifft einen noch schier der Schlag), schon schreit Kessler Christensen wieder an, schon wird weiter ermittelt, als wäre nichts geschehen.

Der ruckartige Teil besteht unterdessen in Erkenntnissen des mimikfreien Rüpel-Kommissars, die außer ihm keiner haben kann, erst recht nicht das Publikum. Vielleicht fällt das so auf, weil eigentlich Melancholie und großer Ernst regieren sollen. Immer wieder sieht man ja die an allem (mit gutem Grund) zagende Christensen, immer wieder den im Prinzip wohl sehr traurigen, sogar irgendwie verzweifelten Kessler in seinem unbenutzbar spitzwinkeligen Hotelzimmer (ein witziger Ort, eigentlich). Wer sich darauf aber nach einer Weile nicht mehr einlassen kann, den stört dann auch die viel zu breit eingesetzte Musik von Florian Tessloff. Selbstverständlich bebt man der Auflösung gleichwohl entgegen.

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