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Sohn unter Verdacht

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Von: Harald Keller

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Ben ist achtzehn und damit längst in einem Alter, in dem man die zärtliche Hand der Mutter als lästig empfindet und unwillig abschüttelt.
Ben ist achtzehn und damit längst in einem Alter, in dem man die zärtliche Hand der Mutter als lästig empfindet und unwillig abschüttelt. © (HR/Pressestelle)

Ein Sohn will sich abnabeln, die Mutter hält noch fest. Für viele Familien eine vertraute Situation, im ARD-Mittwochsfilm die Ausgangslage für einen sensibel erzählten Psychothriller.

Beim Segeln haben Mutter und Sohn ihren Spaß. Aber die streifigen Pastellfarben verraten schon, dass die traute Szene nicht fürs Ganze steht. Caro (Corinna Harfouch) lebt mit Sohn Ben (Simon Jensen) zusammen. Sie ist geschieden, ihr Ex-Mann Manni (Peter Lohmeyer), Bens Vater, hat eine neue Familie gegründet.

Ben ist achtzehn und damit längst in einem Alter, in dem man die zärtliche Hand der Mutter als lästig empfindet und unwillig abschüttelt. Caro nimmt es lächelnd zur Kenntnis. Und kann es doch nicht lassen, dem Jungen übers Haar zu fahren.

Caro, die erfolgreiche, einfühlsame, humorvolle Kriminalpolizistin, ist nachsichtiger mit dem Jungen, als ihm guttut. Selbst als er beim Ladendiebstahl erwischt wird, schlägt sie sich auf seine Seite. Später sagt sie: „Du machst echt komische Sachen, mein Lieber.“

Grund zur Besorgnis ist gegeben. Eines Nachts wacht die auf dem Sofa eingeschlummerte Caro auf. Da sitzt Ben, eine Babymaske über dem Gesicht, betrunken, er fuchtelt mit ihrer Dienstwaffe herum. Sie meistert die Situation souverän. Die Panikattacke kommt später.

Petra K. Wagner, Autorin und Regisseurin dieses leisen Psychothrillers, streut sanfte Irritationen ein. Caro ist in psychotherapeutischer Behandlung, nimmt Tabletten, hat seltsame Begegnungen, die real, aber auch halluziniert sein können. Wagner lässt all das in der Schwebe. Und tut gut daran. So ergibt sich ein spannendes Rätsel, als Caros Kommissariat mit einem brutalen Tankstellenüberfall befasst wird. Man sichtet Videoaufnahmen. Ein Täter trägt eine Babymaske, die Bande scheint aus Jugendlichen zu bestehen. Die Zusammensetzung passt zu der zweifelhaften Clique, mit der Ben neuerdings seine Zeit verbringt. Caro ist überzeugt, dass ihr Sohn an dem Verbrechen beteiligt war. Sie manipuliert die elektronische Akte, sabotiert die Ermittlungen …

Der TV-Film „Viel zu nah“, eine Produktion des Hessischen Rundfunks, paart Drama und Krimihandlung und gewinnt seine Spannung über die feinfühlige Inszenierung. Gelingen kann ein solches Vorhaben nur mit sensiblen Schauspielern. Corinna Harfouch meistert ihre Aufgabe perfekt, erzielt Wirkung durch Zurückhaltung, durch präzise Nuancierung statt raumgreifender Freilichtbühnengestik. Wenn Caro ihren Sohn heimlich beobachtet, umspielt ein kleines liebevolles Lächeln ihre Lippen. Mehr braucht es nicht, um ihr Verhältnis zu Ben zu vermitteln.

Simon Jensen in der Rolle des Ben darf stürmischer agieren und das passt. Er lehnt sich auf gegen Caros übertriebene Mütterlichkeit, weist sie zurück, will hinaus ins Leben, weiß sich nicht zu erklären, sucht ein Ventil in der Wut und der Droge, ergreift die Flucht.

Am Ende des Films sitzt Caro wieder in ihrem Segelboot. Als Alleinseglerin. Wie Corinna Harfouch unter der Regie von Herrmann Zschoche in dem gleichnamigen DDR-Film aus dem Jahr 1987. Ob gewollt oder nicht – in jedem Fall eine schöne Hommage.

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