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Söder bei Lanz: „Kleben und kleben lassen!“

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Von: Marc Hairapetian

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TV-Talk mit Markus Lanz am 16. November 2022.
TV-Talk mit Markus Lanz am 16. November 2022. © Screenshot ZDF

Ukraine-Krieg, Klimawandel und Atomkraft: Der bayrische Ministerpräsident teilt in der ZDF-Talkshow aus, muss aber auch einstecken.

Hamburg – Der doppelte Markus: Showtime für Söder bei Lanz. Endlich wieder live! Auch wenn es sich in Wirklichkeit um eine Aufzeichnung handelt… Seit dem 21. März 2019 war der bayerische Ministerpräsident und zugleich Parteivorsitzende der CSU, der in diesem Land als Politiker wohl polarisiert wie kaum ein anderer, nicht mehr zu Gast im Studio in Hamburg-Altona. Dennoch hat man den Eindruck, er sei niemals weg gewesen. Ein Grund: Per Schaltung aus München (oder manchmal auch von Krisengipfeln aus Berlin) sorgte er nämlich in den dreieinhalb Jahren zuvor besonders mit seinen Corona-Hardliner-Maßnahmen häufig für Gesprächsstoff beim smarten Moderator mit der eigenen Meinung. 

„Es ist viel passiert“, eröffnet Markus Lanz die Anmoderation seines prominenten Gesprächsteilnehmers und schiebt nur ein Wort nach: „Laschet…“ Schlagfertig kontert Markus Söder breit grinsend: „Oder Lauterbach!“ Stimmt, der hatte nicht nur den Präsentatoren der politischen Talkshow, sondern auch das Fernsehpublikum mit seinen düsteren Prognosen zur Pandemie in noch mehr Angst und Schrecken versetzt! „Hatten Sie keine Lust mehr, hierher zu kommen?“, legt Lanz im Provokationsmodus los. Zugeschaltet habe dieser ja so manche seiner Fragen leichter angeblich missverstehen und somit „ein bißchen kneifen“ können. Das lässt Söder natürlich nicht auf sich sitzen und stichelt zurück, indem er sich im Studio umsieht: „Jetzt sind auch keine Zuschauer da!“ 

Markus Lanz im ZDF: „Intensiver“ ohne Publikum

In der Tat: Seit COVID-19 findet die Sendung des ZDF ohne Studiopublikum statt. Ende März 2022 wurde entschieden, auch zukünftig ohne ZuschauerInnen zu produzieren, da – laut Lanz – deren Abwesenheit die Sendung „intensiver“ gemacht habe. Ein Schlag ins Gesicht fürs Live-Publikum, worüber in seiner Sendung bisher übrigens noch nie diskutiert wurde. Deswegen hat der Seitenhieb von Söder hier durchaus seine Berechtigung. Wer austeilen kann, muss auch einstecken können, Herr Lanz! 

Makus Lanz im ZDFDie Gäste der Sendung vom 17.11.2022
Markus SöderBayerischer Ministerpräsident (CSU)
Christian MöllingSicherheitsexperte
Mariam LauJournalistin
Cordula TuttJournalistin

An diesem spätherbstlichen, verregneten Donnerstagabend sind also die Weichen für einen unterhaltsamen Schlagabtausch zu allerdings ernsten Themen gestellt. Söder erhält Gelegenheit, sich ausführlich zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine, den Klimawandel mit seinen massiven Protesten und der etwas zögerlichen Energiewende in Bayern zu äußern. Der CSU-Chef keilt deshalb rhetorisch mehr oder weniger versiert zurück, da sich Lanz und seine drei weiteren Gäste – „Zeit“-Journalistin Mariam Lau, „Wirtschaftswoche“-Redakteurin Cordula Tutt und Sicherheitsexperte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) - verbal ganz schön auf ihn eingeschossen haben. Das liegt in erster Linie an der hohen Abhängigkeit seines Landes von russischen Rohstoffen. Hinweise auf ein Nord-Süd-Gefälle beim Ausbau der erneuerbaren Energien kontert er aber mit Zweifeln an der Sinnhaftigkeit des Länderfinanzausgleichs, zu dem sein Bundesland sehr viel beiträgt.

Die besonnenen Reaktionen Polens und dessen westlicher Bündnispartner auf den vermutlich versehentlichen Raketeneinschlag im polnischen Przewodów, der zwei Todesopfer gefordert hatte, bezeichnet Söder als „sehr gutes Beispiel“ für das Funktionieren der Nato. Er sei zuerst in großer Besorgnis gewesen, habe aber gehofft, dass es zwei Irrläufer gewesen seien, obwohl man eine ausweitende Attacke Putins auf bisher unbeteiligte Länder des Kriegsgeschehens „in den letzten Monaten nicht ausschließen kann“. Inzwischen sind sich – neutrale – Beobachter allerdings sicher, dass diese zwei auf Polen abgefeuerten Raketen nicht von Russland stammen, sondern, dass es sich vielmehr um ukrainische Abwehrraketen handelt. 

Markus Lanz: Zu Recht empört

Lanz, der sich zu Recht darüber empört, wenn die russische Armee über den Beschuss der technischen Infrastruktur auch das Trinkwasser in der Ukraine bewusst verschmutzt („Es ist ein Kriegsverbrechen, wenn man Menschen die Möglichkeit nimmt, sauberes Wasser zu entnehmen!“), holt nun Militärforscher Mölling mit ins Boot: Dessen erster Gedanke sei gewesen, dass Putin möglicherweise die roten Linien und die Reaktionsfähigkeit der NATO zu testen versuche. Nachdem man aber jetzt wisse, dass es sich um eine ukrainische Luftabwehrrakete gehandelt habe, könne man aufatmen: „Die politische Brisanz ist aber jetzt raus; das ist glaube ich das ganz Wichtige“.

Er bescheinigt zudem den NATO-Staaten, richtig mit ihrer Verantwortung umgegangen zu sein. Die derzeitigen russischen Angriffe auf die ukrainische Zivilbevölkerung verurteilt er hingegen aufs Schärfste. Russland wolle, „Rache für Cherson“ üben und damit verbunden „der Weltgemeinschaft den erhobenen Mittelfinger“ für die Demütigung zeigen, die man beim G20-Gipfel auf Bali erfahren habe. Vor diesem Hintergrund sei es mehr als zynisch gewesen, die Ukrainer zu Verhandlungen aufzufordern. Die Befreiung der Menschen in Cherson sei schließlich das beste Beispiel dafür, dass es „auch von Erfolg gekrönt ist, wenn man weiterkämpft“. Lanz, der sich dazu einen Kommentar nicht verkneifen kann, ist „bewegt davon“, wie sehr das überfallene Land, um seine Identität ringe.

Markus Söder bei Lanz im ZDF: Fast schon historisch

Nachdem man von Folter der russischen Armee an der ukrainischen Zivilbevölkerung weiß und dabei auch immer wieder leider Vergewaltigungen an Frauen und Mädchen an der Tagesordnung zu sein scheinen, möchte Mölling zu Gerüchten über Deportationen von bis zu 10.000 ukrainischen Kindern keine Details nennen, weil diese in den bisherigen Berichten auch nicht konkretisiert worden sind. Söder schaltet sich dazu ungefragt ein und wird emotional: „Wenn sich das mit den Kindern bewahrheiten sollte: Das ist übel!“ Er geißelt Putin und Co.: „Durch das Vorgehen, werden unglaublich tiefe Wunden geschlagen, die kaum zu heilen sind!“

Söder nimmt dies zum Anlass, auch einzelne deutsche Intellektuelle, die der Ukraine zum Aufgeben geraten haben, als „unglaublich“ abzuqualifizieren. Sein eigener Respekt für den tapferen Kampf des attackierten Landes nehme Monat für Monat zu. Deshalb hoffe er, dass die Bereitschaft zur Unterstützung auch in Deutschland weiter hoch bleibe.

Doch auch er muss sich bei Lanz verantworten, und zwar dafür, dass das von ihm und seiner CSU regierte Bayern lange Zeit ein großer Profiteur und dankbarer Abnehmer von billigem russischem Öl und Gas gewesen ist. Als bedeutender Industriestandort habe man nach dem Ausstieg aus der Kernenergie dieses Gas als einzig verfügbaren und preislich akzeptablen Ersatz angesehen, gibt er sich selbstkritisch und gelobt sogar Besserung. Wer hätte das gedacht? Insofern ist die Sendung bei Lanz fast eine historische Fernsehstunde!

Markus Lanz: Vorwürfe an die Union – und an Söder

Also alles Friede, Freude, Eierkuchen im schönen Freistaat? Mitnichten, findet Cordula Tutt: „Bayern ist nicht gut aufgestellt, weil Sie zu oft ‚nein‘ gesagt und zu wenig gemacht haben“, fährt die Journalistin Söder ans Bein. Denn vor den ökonomischen Folgen dieser Blockadehaltung dürfe man nicht die Augen verschließen: „Wenn wir nicht sofort erneuerbare Energie haben, könnte uns der Preis weglaufen, könnte uns die Energiesicherheit kaputtgehen und unter Umständen auch Abwanderung drohen.“ Ihre Kollegin Mariam Lau blickt dann über die Grenzen Bayerns hinaus und sieht angesichts der Politik der vergangenen Jahrzehnte das gesamte deutsche Wirtschaftsmodell am Scheitern. Zu vieles habe man einfach ausgelagert: „An die Amerikaner unsere Sicherheit, an die Russen die Energieversorgung, an die Chinesen das Wachstum.“ Sie wirft den Unionsparteien vor, sich nicht genügend mit den Fehlern der Merkel-Ära auseinandergesetzt zu haben. Dabei komme ihr besonders die CSU „extrem umfragegetrieben“ vor. Das passt zu Lanz’ Vorwurf, Söder würde sein Fähnchen nach dem Wind hängen. Mal kümmere ihn der Klimawandel reichlich wenig, dann würde er wieder liebevoll einen Baum umarmen. Spricht es und zeigt dazu eine Aufnahme, wo der bayerische Ministerpräsident selbiges tut.

Der in Bedrängnis geratene Söder rechtfertigt sein Umdenken. Beispiel Atomkraft. Während er früher deutlich gegen das Festhalten an dieser mehr als umstrittenen Energieform gewesen ist, spricht er sich nun für eine Verschiebung des Atomausstiegs „auf jeden Fall bis Ende 2024“ aus. Schuld daran sei der Krieg und sein ungewisses Ende.

Zur Sendung

Markus Lanz im ZDF: Der Talk vom 17. November 2022. Zur Sendung in der ZDF-Mediathek.

Dann bringt er mal wieder das ebenfalls von den Grünen und Klimaaktivisten hierzulande oft kritisierte Fracking ins Spiel. Beide Gruppierungen sind ihm ein Dorn im Auge. Die Haltung des Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) zum Weiterbetrieb der deutschen Atomkraftwerke bezeichnet er abwertend als „Tiki-Taka“. Der „Letzten Generation“, die nie und nimmer tatsächlich die letzte Generation sein werde, bescheinigt der konservative Politiker und angehende Philosoph wiederum, mit ihrem Anliegen mehr zu schaden als zu nutzen. 

Söder befürwortet die Beibehaltung der Präventivhaft, die in seinem Bundesland gegen die Aktivisten verhängt wird, sofern diese (weitere) Straftaten ankündigen. Als Unmensch sieht er sich aber nicht: „Ich bin für das Motto: Leben und leben lassen! Ich wäre auch für das Motto: Kleben und kleben lassen!“ Wenn da juristisch alles sauber ablaufen würde, könne er sich vorstellen, sich festklebenden Klimaaktivisten nach einigen Stunden sogar einen Tee vorbeizubringen. Es geschehen noch Zeichen und Wunder im Freistaat Bayern! Fazit: Der doppelte Markus: Lanz und Söder – langweilig wird es nie. (Marc Hairapetian)

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