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Gerade in der rauhen, unzugänglichen Natur ist die Familie oftmals die einzige soziale Einheit.

"Die Erbschaft", Arte

Skandinavische Seife

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Die zweite Staffel der dänischen Serie geht leider den eingeschlagenen Weg vom klassischen Familiendrama in die Soap zu Ende.

Das Familiendrama hat eine stolze skandinavische Tradition. Gerade in der rauhen, unzugänglichen Natur ist die Familie oftmals die einzige soziale Einheit und ein gutes Abbild der gesamten Gesellschaft im Kleinen. Von den großen Familien-Epen von Halldor Laxness oder Knut Hamsun über die realistischen Familien-Portraits von Ibsen und Strindberg bis zu den modernen Familien-Dekonstruktionen von Thomas Vinterberg oder Kristof Magnusson – das Genre genießt im Norden einen Stellenwert, der hierzulande manchmal schwer nachzuvollziehen ist.

Das war schon bei der ersten Staffel der „Erbschaft“ so: Sicher, viele der legendären Serien, die einen regelrechten skandinavischen TV-Boom ausgelöst haben (wie „Borgen“) waren in der Nebenhandlung Familienserien. Trotzdem wurde zu keinem Zeitpunkt dieser aufwendigen dänischen Produktion klar, warum man dieser Geschichte um eine Handvoll Nachkommen einer berühmten Künstlerin volle zehn Stunden lang folgen soll. Es gab Streit ums Geld, Streit um die Liebe, Streit um die Erbschaft – und man wurde das Gefühl nicht los, dass selbst ein durchschnittlicher deutscher TV-90minüter von seinen Autoren deutlich mehr gefordert hätte: Einen aktuellen Bezug vielleicht, eine These, eine Idee, irgendwas. „Die Erbschaft“ fühlte sich an wie ein Beilagenteller, ohne echte Leckerbissen, ohne Zentrum.

Absurde dramatische Häufungen

Schlimmer noch: Wenn das Familiendrama keinen Anknüpfungspunkt an ein übergeordnetes Thema hat, dann wird es anekdotisch, es wird Klatsch und Tratsch, oder am schlimmsten: Es wird Soap. In der ersten Staffel gab schon übertrieben wirkende dramatische Wendungen wie plötzlich auftauchende uneheliche Kinder, oder unglaubwürdige Eskalationen wie kriminelle Machenschaften. Aber jeder, der schonmal die kompletten Lebensläufe der „Lindenstraße“-Figuren gelesen hat, der weiß, dass eine Soap nicht in der Momentaufnahme erkennbar ist, sondern erst in der absurden dramatischen Häufung. Wenn ein Arzt querschnittsgelähmt wird, ist das ein Drama. Aber wenn ein Arzt erst querschnittsgelähmt und dann drogenabhängig wird, dann Patienten erpresst und umbringt, eine junge Italienerin adoptiert, in kriminelle Machenschaften abrutscht, Schießereien in seiner Wohnung miterlebt und in zwanzig Jahren um die zehn Mitbewohner und drei Ehefrauen hat – dann ist das eine Soap.

Und so wird „Die Erbschaft“ auch erst in dieser zweiten Staffel so richtig zur Soap: Ein Bruder steckt im thailändischen Gefängnis wegen Drogenhandels; sein Bruder will die örtlichen Behörden bestechen, überlegt es sich aber anders, als er hört, dass der Bruder eine Affäre mit seiner Frau hatte; der Hippie-Vater sieht seine junge Geliebte in die postnatale Depression abrutschen und

kämpft dann gegen den spießigen Schwiegervater darum, wer das Baby klauen darf; die ehrgeizige Neu-Schwester will das Familienvermögen in den Anbau von Industrie-Hanf stecken, aber der Vater baut heimlich Cannabis an; und natürlich gibt es Autounfälle unter Alkohol, wo Leute danach gelähmt sind, und millionenschwere Kunstfälschung und psychische Krankheiten und alle zwei Stunde steht die Polizei vor der Tür und droht, alles mitzunehmen... das ist entweder die ereignisreichste Familie Dänemarks – oder es ist eine Soap.

Kommentar auf die Kunstwelt

Die Darsteller sind solide, die Landschaftsaufnahme streckenweise sehr hübsch – aber ganz ehrlich, bei dieser Serie steht das Drehbuch im Zentrum. Und das hat leider außer vage zusammengeschusterter Klischee-Konflikte nichts zu bieten. Als Kommentar auf die Kunstwelt, ohnehin nicht das lohnendste Ziel, taugt die Serie ebenso wenig wie, von arte angekündigt, als Generationenkonflikt zwischen 68ern und der GenX. Es gibt keine zusammenhängende Idee dahinter, keine These, keine Grundidee, nur Klatsch und Tratsch. Staffel 3 ist schon abgedreht, und man will gar nicht wissen, was diesmal noch alles passieren soll.

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