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Sissi-Film „Corsage“ kommt ins Kino: Die Lichtprinzessin

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Von: Daniel Kothenschulte

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„Corsage“: Vicky Krieps als Elisabeth.
„Corsage“: Vicky Krieps als Elisabeth. © epd

Vicky Krieps ist das Ereignis in Lisa Kreutzers kunstvoller „Sissi“-Annäherung „Corsage“.

Einmal blättert Vicky Krieps als Kaiserin Elisabeth in einem Kinderbuch. Nur ein paar Sekunden dauert die kleine Szene in Lisa Kreutzers Film, aber die Regisseurin hat sie wohlplatziert. Ist dies der Schlüssel zu ihrer teils schwelgerischen, teils sperrigen Collage? Ist es der Rosebud-Schlitten in ihrem „Citizen Kane“? Oder nur einer unter vielen Mosaiksteinchen ihrer teils historisch ungewöhnlich akkuraten, teils bewusst anachronistischen Anti-Sissi? In jedem Fall eine lohnende Spur.

George MacDonald, der schottische Meister unter den großen Fantasten der viktorianischen Epoche, der von C. S. Lewis und J. R. R. Tolkien verehrt wurde, veröffentlichte „The Light Princess“ („Die Lichtprinzessin“) 1864. Wir befinden uns im Jahr 1877, die damals 40-jährige Kaiserin hätte diesem poetischen Kunstmärchen also durchaus begegnen können. Allerdings stammt die Ausgabe in ihrer Hand von 1962. Solche kleinen Zeitsprünge gehören zum Stil des Films, es gibt auch elektrische Kerzen, Glasbausteine und sogar einen reisenden Filmkameramann: Zwei Jahrzehnte vor dem Siegeszug des Kinos dreht er bereits den ersten Sissi-Stummfilm. MacDonalds Märchen ist eine Dornröschen-Variation: Die Titelheldin leidet unter dem Fluch einer bei ihrer Taufe unerwünschten Tante. Die raubt ihr die Schwerkraft, sodass sie frei umherschwebt, wenn sie niemand rettend wieder auf die Erde zieht. Zugleich fehlt ihr die Fähigkeit zu weinen. Allein im Wasser spürt sie ihr Gewicht.

Ein Prinz auf Brautschau begegnet ihr in einem Teich und wird zu ihrem Lebensretter. Es ist ein zauberhaftes kleines Stück Prosa in knappen Sätzen, vor einigen Jahren machte die Sängerin Tori Amos ein Musical daraus.

Leichtigkeit (auch im mentalen Sinn) und sowie ein Hang zum Wasser charakterisieren auch Lisa Kreutzers Sissi. Das Pas de deux mit dem Liebhaber im Teich findet sich wieder. Das titelgebende Korsett erscheint schon in der ersten Szene wie ein selbstgewählter Fluch, allein im Wasser scheint die disziplinierte Monarchin ihrer irdischen Pflichten ganz entbunden. Da es für sie keine Untertanen zu regieren gibt, regiert sie ihren Körper – und bringt es beim Luftanhalten auf eine Minute, 15 Sekunden.

Für ihre Darstellerin Vicky Krieps, die sich die Rolle, wie man hört, praktisch bei Kreutzer bestellte, wurde das Tragen des Korsetts bewusstseinsverändernd. In einem Interview erklärte sie dazu: „Was ich beobachtete, war, dass ich nach zwei Minuten traurig wurde. Wie eine tiefe Traurigkeit. Und ich fand heraus, dass dein emotionales Zentrum dort ist, wo unser Solarplexus und unser Zwerchfell sind, und genau dort drückt es am meisten. Es beeinflusst deine Stimmung. Es ließ mich an all diese Frauen denken, die man schwierig oder hysterisch nennen würde. Warum spricht niemand jemals über dieses Instrument, das diese Frauen eindeutig foltert?“

Was für eine bezwingende Metapher: Im Korsett findet Kreutzer den Fluch des Märchens in der Realität wieder, und doch transportiert es auch das Bild einer kompromisslos-autonomen Frau, mit einem modernen Sinn für Selbstoptimierung. Darin entflieht sie zugleich dem äußeren Schönheitsideal, das sie für ihre Zeitgenossenschaft verkörpert. Man denkt unwillkürlich an Romy Schneiders lebenslangen Kampf gegen die Rolle, die für sie – unter anderem bei zwei Cannes-Festivals – Durchbruch und Fluch zugleich gewesen ist.

Vicky Krieps nähert sich historischen Darstellungen weit mehr als all ihre Ahninnen in dieser Rolle. Doch aus dem Hang zur Stilisierung – die Kaiserin trug sogar ein Tattoo – wird in dieser zugleich spielerischen Annäherung auch eine Art Proto-New-Romantic-Punk. Kostümbild (Monika Buttinger) und Szenenbild (Martin Reiter) greifen eng ineinander und machen den Film zu einem visuell spektakulären Erlebnis. Die Musik der französischen Komponistin Camille verbindet Elemente des 19. und 21. Jahrhunderts ähnlich spektakulär, wenn sich ein schnaufendes Harmonium unter wenige Streicher und gelegentliche Vocals legt.

Angesetzt mit dem Beginn ihres 41. Lebensjahrs, im 19. Jahrhundert ein großmütterliches Alter, entweicht diese Elisabeth protokollarischen Pflichten so gut es geht, macht sich auf Reisen, experimentiert mit Drogen und begegnet früheren Liebhabern. Nur eine Nebenfigur ist ihr untreuer Ehemann Franz-Josef (Florian Teichtmeister). Selbstbestimmtheit generiert auch Selbstsucht wenn sie einer Hofdame die Zustimmung zur Heirat verweigert.

Kreutzer deutete in einem Interview an, dass es nicht einfach war, einen Film über eine nicht unbedingt sympathische Sissi finanziert zu bekommen. Aber genau darin liegt die Faszination dieser Figur und eines Films, der eher in Einzelszenen wirkt als von einer klaren Erzähllinie getragen zu werden: Vicky Krips ist dieses Ereignis, eine Darstellerin, die nichts für sich behält, aber mit ihrer erstaunlichen Präsenz subtil hauszuhalten weiß.

Corsage. Österreich, Luxemburg, Deutschland, Frankreich 2022. Regie: Lisa Kreutzer. 111 Minuten

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