+
Romy Schneider (l.) mit Alice Schwarzer, 1976.

Alice Schwarzer

"Sie sagte: ,Du darfst mich nicht verraten!?"

  • schließen

Alice Schwarzer spricht mit der FR darüber, wie es war, Romy Schneider interviewen zu dürfen.

Frau Schwarzer, für ein Gespräch mit Romy Schneider hätten in den 70er Jahren viele – und nicht nur Männer – eine Menge gegeben. Sie hatten sogar zwei Begegnungen mit ihr. Wie kam es dazu?
Wir waren seit 1971 in Kontakt. Damals hatte sie – sehr spontan und sehr mutig – die von mir initiierte Selbstbezichtigung der 374 Frauen im „Stern“ mit unterschrieben: „Ich habe abgetrieben und fordere das Recht für jede Frau!“ Als ich dann im Herbst 1976 die erste Ausgabe von „Emma“ vorbereitete, dachte ich, ein Interview mit Romy Schneider wäre richtig. Schließlich hat Romy in den Augen der Deutschen nach dem Krieg alle Frauenklischees verkörpert: in den „Sissi“-Filmen die süße Jungfrau, in Frankreich das verdorbene Luder und dann wieder in Deutschland die reuige Mutter. Mit diesem Hin und Her zwischen Frankreich, Deutschland und Frankreich hat Romy übrigens immer versucht, ihr Leben zu wechseln.

Romy Schneider sagte damals über Sie beide, Sie seien die zwei meistgehassten Frauen Deutschlands. War Romy Schneider etwa auch Feministin?
Es stimmt, dass wir die beiden meistgehassten Frauen Deutschlands waren. Aber aus sehr unterschiedlichen Gründen. Romy als die „Verräterin“, die Deutschland verlassen hat. Ganz wie Marlene Dietrich. Ich als die Verräterin, die die Männer kritisiert hat, genauer: die Männergesellschaft. Ob Romy Feministin war? Schwer zu sagen. Sie war eine Frau ihrer Zeit: Als kleines Mädchen bei den Großeltern ziemlich frei aufgewachsen und eher ein garçon manqué, ein Wildfang; als junges Mädchen im Internat gezähmt; und dann, mit 15, 16 plötzlich von einem Tag zum anderen ein Weltstar. Aber im güldenen „Sissi“-Käfig, aus dem sie dann ausgebrochen ist. Romy war angepasst und revoltiert zugleich. So geht es ja vielen Frauen. Bis heute. 

Sie schreiben, dass Romy Schneider Sie über ihren Tod hinaus bis heute „verfolgt“. Was meinen Sie damit, und warum – glauben Sie – ist das so?
Ihre Zerrissenheit zwischen Stärke und Verletztheit, zwischen Stolz und Minderwertigkeitskomplexen hat mich sehr berührt. Und ihre Verzweiflung über den Umgang der Medien in Deutschland mit ihr. In Frankreich war sie ja zu der Zeit ein bewunderter Star, „La Schneider“, und sie galt als „die beste Schauspielerin Europas“. Zu Recht. In Deutschland hat man sie nie aus dem „Sissi“-Kitsch entlassen. Sie war verzweifelt und sehr verletzt über den Umgang der deutschen Medien mit ihr. Bei den Dreharbeiten in Berlin haben Boulevardjournalisten sogar ihre Mülltonne nach Flaschen durchwühlt. Sie hat mehrere Wochen lang hinter zugezogenen Fenstern gelebt, um sich zu schützen. Und mir hat sie dann wirklich vertraut, hat gesagt: „Du darfst mich nicht verraten!“ Will sagen: Wenigstens du musst mich verstehen. Das hängt mir nach.

Sehen Sie Romy Schneider als Opfer eigener und fremder Frauenbilder? 
Was heißt „Opfer“ oder „Frauenbilder“? Es ging hier um die Realität einer Frau in einer Männergesellschaft Mitte der 70er Jahre. Und um die eines Stars, dessen Bild etwas anderes war als die Realität ihres Lebens. Romy hatte eine große Leidenschaft für ihren Beruf. Sie war ja Schauspielerin in der vierten Generation und hat an ihren Rollen gearbeitet wie ein preußischer Soldat. Gleichzeitig hat sie von der Liebe und der Mutterschaft geträumt.

Sie legen in Ihren Erinnerungen an die nächtliche Begegnung in Köln ein erotisches Moment nahe. Darf ich deshalb fragen: War da was zwischen Ihnen?
(lacht) An genau dieser Art von Fragen der Medien in Deutschland ist schon Romy verzweifelt! Und ich verzweifle auch. Denn es ist in der Tat auffallend, dass so eine Frage in Frankreich, wo mein Romy-Buch gerade erschienen ist und die Medien sehr stark reagieren, undenkbar wäre. 

Warum?
Weil der Blick auf Romy – und erst recht auf mich! – in Deutschland klischeehafter ist als in Frankreich. Vor allem aber: In meinem Vorwort zur aktualisierten Neuauflage meines Buches schildere ich diese Nacht ja sehr genau. Romy war sehr aufgewühlt, nicht zuletzt weil sie in Köln war. Das erinnerte sie an ungute Zeiten. Wie ihr Stiefvater, Daddy Blatzheim, ihr nachgestellt hat. Sie hat mit mir nur auf Französisch darüber gesprochen. „Il a voulu coucher avec moi. Et pas qu’une seule fois.“ – „Er wollte mit mir schlafen, und nicht nur einmal.“ Das hat sie mehrfach gesagt. Sie hat sich zu ihrem Schutz sogar in der Toilette eingeschlossen. Wo war da Mutter Magda? Diese Mutter hat sie nicht nur nicht beschützt, sie hat sie ausgeliefert. 

Die von Romy Schneider vehement vertretene These einer sexuellen Affäre zwischen ihrer Mutter Magda und Adolf Hitler bezeichnen Sie selbst als eher unwahrscheinlich. Warum?
Es ist ja historisch relativ gesichert, dass Hitler keine sexuellen Affären hatte mit Frauen. Aber ich verstehe Romy. Sie hat irgendwann in Frankreich begriffen, dass ihre Eltern Nazis waren und ihre Mutter als Ufa-Star von dem Faible Hitlers für sie satt profitiert hatte. Magda Schneider hat ja wohl auch nicht zufällig ihr Haus quasi gegenüber von Hitlers Berchtesgadener Berghof gebaut, auf der anderen Seite des Tals. Es war also zwar keine sexuelle Affäre, aber durchaus eine Affäre. Darüber ist Romy im Nachhinein verzweifelt. In ihren letzten Lebensjahren hat sie in Frankreich nicht zufällig viele „Wiedergutmachungsfilme“ gedreht, immer wieder Opfer der Nazis und Jüdinnen dargestellt. Mit großem Engagement. 

Die Tonbandprotokolle Ihrer Gespräche haben Sie noch für Ihre Schneider-Biografie nicht 1:1 verwendet. Jetzt schon. Wie kam es zu Ihrem Sinneswandel? 
Stimmt, ich habe über 40 Jahre gewartet, bis ich einen Teil des Originalgesprächs Patrick Jeudy, dem Regisseur des Arte-Films, überlassen habe. Da wird man Romys Stimme hören. Und das ist wirklich sehr, sehr berührend. Aber warum habe ich so lange gewartet? Weil Romy an diesem Abend sehr schnell nicht mehr mit der Journalistin geredet hat, sondern mit der Frau, die ihr zuhört. Von der sie verstanden werden wollte. Und der sie sich anvertraut hat. Wenn so etwas passiert, hat man als Journalist eine besonders große Verantwortung. Man muss überlegen: Was geht die Öffentlichkeit etwas an – und was hat sie nur mir gesagt? Also habe ich Romy in der ersten „Emma“-Ausgabe zwar zitiert, aber darauf geachtet, nicht etwas zu veröffentlichen, damit die Medien sich nicht noch mehr auf die ungeschützte Romy stürzen könnten. Heute, 40 Jahre danach, kann man offen darüber reden. Denn die Wahrheit spricht ja nicht gegen Romy, im Gegenteil. Und vor allem: Ihr Konflikt zwischen ihrer Leidenschaft für ihren Beruf und ihrer Leidenschaft für die Liebe – oder das, was sie dafür hält – ist ja ein hochmoderner Konflikt. Genau das bewegt wieder die jungen Frauen heute. Das ist auch einer der Gründe für den ungebrochenen Romy-Mythos. Und dann ist da ihre Melancholie. Ihre so deutsche Melancholie.

Interview: Joachim Frank

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion