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Hans-Joachim Kulenkampff (l) mit „Butler“ Martin Jente in der ARD-Show „Einer wird gewinnen“.
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Hans-Joachim Kulenkampff (l) mit „Butler“ Martin Jente in der ARD-Show „Einer wird gewinnen“.

Hans-Joachim Kulenkampff zum 100.

Showmaster Kulenkampff: Der Zivilist

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Zum 100. Geburtstag des Showmasters Hans-Joachim Kulenkampff.

Er überzog. Er bestand auf Liveshows, und es gab kaum eine, bei der er nicht überzogen hätte und grinsend seinen Stolz darauf demonstrierte. Die kleine Regelverletzung war sein Markenzeichen. Schon als er 1959 das Publikum mit „Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren in der Bundesrepublik, in der DDR ...” begrüßte, rief er einen Sturm der Entrüstung hervor, denn mindestens ein „sogenannten“ hätte er zweiterer voranstellen müssen.

Er war einer von Deutschlands großen Showmastern und mindestens die halbe Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland, Österreichs, der Schweiz und eben auch der DDR saß vor den Fernsehgeräten, wenn er samstags durch die Quizsendung „Einer wird gewinnen“ führte. Die meisten von ihnen warteten auf irgendeine politische Äußerung, eine kleine Spitze gegen die Adenauer-Regierung oder etwas Positives über die Sozialdemokratie oder gar Willy Brandt. Er machte diese Bemerkungen, die meinen einen Onkel zur Weißglut trieben und den anderen begeisterten. Meine Eltern taten so, als wäre ihnen nichts aufgefallen – wie „beiseit gesprochen“, so hieß das in alten Regieanweisungen, die der Schauspieler Kulenkampff nur zu gut kannte. Er wusste also auch, dass ihm das die erhöhte Aufmerksamkeit im Saal und in den Wohnzimmern verschaffte. Danach wischte er die Sätze weg und sagte so etwas wie: Das ist meine Meinung, Sie haben die Ihre, und jetzt zu den Kandidaten. Er lachte dabei.

Ich lag, wie es sehr lange meine Gewohnheit war, vor dem Fernseher auf dem Boden, kannte spätestens ab meinem zwölften Lebensjahr die Antworten auf die meisten Fragen. Quiz war damals Bildungsfernsehen: Es ging um Hauptstädte, Ozeane, Goethe und Schiller, um Friedrich und Karl den Großen. Schulstoff also. Aber ich sah Kulenkampff gerne. Er sprach frei, und er schien zu sagen, was er dachte. Heute neige ich zu der Vorstellung, dass Hans-Joachim Kulenkampff erheblich zur Zivilisierung der Bundesrepublik beigetragen hat. Dieses „DDR“ war wichtig, und das Votum für Willy Brandt war es auch. Aber wichtiger noch war, wie er es vorbrachte: Als eine Aufforderung, auch das zuzulassen, wogegen die Regierung sich wendete.

Dass das nicht verbunden war mit einer Kriegserklärung, warfen wir 68er ihm ein paar Jahre später vor. Aber gerade das war die Pointe gewesen. Er führte vor, dass eine Gesellschaft Dissens zulassen muss, wenn sie nicht verknöchern will. Er zeigte auch, dass man das lachend tun konnte und danach sich weiter unterhielt mit den anderen.

Ich lag auf dem Boden und bewunderte ihn dafür und dachte: So einer willst du werden! Nicht zuletzt reizte mich die Vorstellung, sieben, acht Sendungen im Jahr zu machen, davon leben zu können und den Rest der Zeit auf einem kleinen Segelboot im Mittelmeer unterwegs zu sein. Mit einer Frau, die man liebte. Ich war gerade erst ein Teenager.

Ich wusste, dass meine Eltern – wir lebten die meiste Zeit in Frankfurt – ihn in jungen Jahren (meine Mutter war 1920 geboren) im „Kleinen Theater am Zoo“, heute Fritz-Rémond-Theater, als Schauspieler erlebt hatten. Ich wusste nicht, dass er neben den Shows mit einer kleinen Truppe jahrzehntelang in einem Bus auf Tournee ging. Er war nicht der charmante Hallodri, als der er sich ausgab. Vielleicht war er das. Aber er war auch ein Arbeitstier.

Kulenkampff war über viele Jahre vielleicht der erfolgreichste Showmaster der Bundesrepublik. Aber Showmaster war in seinen Augen kein Beruf. Er war, er wurde das nicht müde, dem ungläubigen Publikum zu sagen, Schauspieler. Er drehte Filme und stand in heiteren und ernsten Rollen auf der Bühne. Aber ich sah ihn immer nur als den Kuli aus den Samstagabendshows, der sich in der Schauspielerei versuchte. Selbst vorgestern noch, als ich mir zum Beispiel das engagierte (Einpersonen-)Zeitstück „Im Zweifel für den Angeklagten“ ansah, in einer Fernsehverfilmung von 1987, sah ich nie den amerikanischen Rechtsanwalt und Bürgerrechtler Clarence Darrow, sondern nur Kuli, der sich abmühte, endlich einmal kein Unterhaltungsfuzzi zu sein.

Er hatte, denke ich heute, diese Rolle einfach zu erfolgreich gespielt. Es gab keine Bewegung, keine Nuance seiner Stimme mehr, in der das Publikum nicht Kuli erkannte. Horst Tappert erging es ganz ähnlich mit Derrick. Aber das war wenigstens eine wirkliche Rolle. Der Kulenkampff der Samstagabendshows dagegen war eine Rolle, die sich für die Wirklichkeit ausgab.

Hans-Joachim Kulenkampff wurde am 27. April 1921 in Bremen in eine wohlhabende Kaufmannsfamilie hineingeboren. Er machte das Abitur, lernte dann Schauspieler, wurde Soldat. Er soll sich mehrere erfrorene Zehen eigenhändig abgeschnitten haben. Was traumatischer war, die Angst davor, getötet zu werden, oder die davor, zu töten, weiß ich nicht. Allein vor diesem Dilemma zu stehen, wissen wir heute, verletzt viele Menschen bis auf den Grund. Ich nehme an, sein Publikum erkannte auch darin, ohne dass das jemals zum Thema wurde, sich wieder. Man sprach damals viel von seinem Charme. Ich glaube, wesentlich bestand er darin, dass er manchmal ganz unwiderstehlich das Glück ausstrahlte, in einer Gesellschaft zu leben, in der man zivil sein konnte.

Eine Freundin von mir ist mehr als 25 Jahre jünger. Auch sie kennt Kulenkampff noch aus dem Fernsehen. Sie erinnert sich, wie er um die Kandidatinnen herumscharwenzelte, sich über sie beugte, ihnen sehr nahe kam, wie er sie am Arm packte. Als sie mir das erzählte, glaubte ich, Ekel zu spüren. Alles hat eine Geschichte. Auch das Charmante ist keine Konstante. Heute wäre Kulenkampff unmöglich. Aber auch damals schon gab es empörte Anrufe, als er eine sehr kleine Kandidatin immer wieder darauf ansprach. Die Grenzen des Sagbaren haben sich verschoben. Sie tun das fortwährend. Harald Schmidt zum Beispiel wäre heute ebenfalls unmöglich.

Aber noch immer gehört zum Charme das Spiel mit den kleinen Grenzüberschreitungen. Das Sich-etwas-Herausnehmen, das man sich nicht herausnehmen darf. Rudi Carrell beschrieb Kulenkampffs Wirkung einmal so: „Er sagte das, was die Fernsehzuschauer sich zu sagen nicht trauten. Dafür liebten sie ihn.“

Von 1985 bis 1990 las er fast zweitausend Mal „Nachtgedanken“. Das war jeden Abend die letzte Sendung der ARD. Danach kam nur noch Rauschen. 1997 stand er das letzte Mal auf der Bühne. Am 14. August 1998 starb er in seinem Haus in der Gemeinde Seeham im Salzburger Land.

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