Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Schauspieler Stacy Martin und Shia LaBeouf in einer Szene des Films "Nymphomaniac".
+
Die Schauspieler Stacy Martin und Shia LaBeouf in einer Szene des Films «Nymphomaniac».

Berlinale „Nymphomaniac“

Sexsucht und Selbsthass

  • Harald Jähner
    VonHarald Jähner
    schließen

Auf der Berlinale: Lars von Triers „Nymphomaniac“ kommt wüst daher, ist aber eine ziemlich muffige Sex-und-Sühne-Geschichte.

Das Unheil beginnt schon mit der Band Rammstein. Deren Lied „Führe mich“ erklingt, während man Charlotte Gainsbourg zusammengeschlagen auf einem verschneiten düsteren Hinterhof liegen sieht, die Arme ausgebreitet, die Knie angewinkelt wie Jesus am Kreuz. „Wenn du weinst, geht es mir gut / Die Hand deiner Angst, füttert mein Blut“, rammsteint es dazu: „Und wenn ich rede, bist du still /Du stirbst, wenn ich es will“.

Formal mag die Gruselmärchenmusik passen, inhaltlich ist die Mackerattitüde aber ganz fehl am Platz. Denn wenn hier einer führt, ist es die Frau, auch wenn sie gerade mal am Boden liegt. Ein alter Mann wird sie auflesen, sie auf seine Couch betten und geduldig ihrer Lebensgeschichte zuhören. Es ist eigentlich nicht ihre Geschichte, sondern eine der sexuellen Übermacht; die Sexsucht führt sie wie am Gängelband durch ein Stationendrama sexueller Erlebnisse, grundiert von Selbsthass, Schuldgefühlen und Einsamkeit.

Noch genießt sie

Lars von Trier hat Joes Leidensgeschichte als über sechsstündigen Film gedreht, der in zwei Teilen in jeweils gekürzter Fassung in die Kinos kommen wird, Teil 1 am 20. Februar. Auf der Berlinale zu sehen ist erstmals die ungekürzte Fassung des ersten Teils. Maja Arsovic spielt darin Joe mit sieben Jahren, Stacy Martin Joe mit etwa fünfzehn, während Charlotte Gainsbourg als vierzigjährige Joe im ersten Teil nur als Erzählerin auf des alten Seligmans Beichtcouch zu sehen ist.

Ihre Geschichten vom Männeraufreißen kommentiert der weise Alte mal mit Auskünften übers Fliegenfischen, mal mit Ausflügen in die Kirchengeschichte. Am schönsten sind die zur Mehrstimmigkeit: Eine „Kleine Orgelschule“ zeigt zu einem Choralvorspiel von Bach auf einem dreigeteilten Bildschirm tönende Orgelpfeifen, einen Leoparden mit Opfer im Maul und eine noch ganz genießerische Joe bei der Sache mit vielen wechselnden Männern.

Ach, wenn der Film doch nur ein wenig öfter so witzig, spielerisch und lustvoll wäre, wie es Lars von Trier seiner armen Joe in wenigen Phasen der Kindheit und Jugend zugesteht. Da hat ihr Sexhunger zumindest ein bisschen was mit der Lust am Leben zu tun, damit, dass sie schon als Kind vom Sonnenuntergang immer noch etwas mehr erwartet hat, und damit, dass sie mit ihrer Freundin wie ein Frosch auf dem nassen Badezimmerboden entlangrutschte und das Dasein auskostete.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Von Trier deutet sein Potenzial an

Von Trier deutet sein Potenzial an

Mit der Freundin streift sie später durch einen Zug und spielt um eine Tüte Pralinen: Wer am Ende der Fahrt die meisten Männer erfolgreich zum Sex verführt hat, bekommt die Tüte. Schön anzusehen ist das nicht. Höhepunkt des ersten Teils ist eine beklemmende Szene, in der Uma Thurman als Ehefrau eines Joe verfallenen Mannes samt ihrer drei Kinder auftaucht, denen sie höhnisch und irr vor Verzweiflung Papas Freundin und Liebeshöhle zeigen will. Stumm und überfordert sitzen die beiden Ehebrecher da, stumm und verängstigt die Kinder, während die Liebe als ein unsichtbarer Hurrikan durch die Seelenlandschaft rast und alles zerstört, was vorher niet- und nagelfest schien.

Das ist eine großartige Szene, in der deutlich wird, was Lars von Trier kann und könnte. Leider wird die Wucht seiner Imaginationskraft eingeholt von einer öden Schuld- und Sühnepsychologie, die insbesondere den zweiten Teil beherrscht. Hier übernimmt die bitterherbe Gainsbourg die Rolle der Joe ganz. Während sie beim Sex mit ihrem geliebten Mann nichts empfindet, schleicht sie sich nachts aus dem Haus, um sich von einem mürrisch seiner Arbeit nachgehenden Auspeitschspezialisten fachgerecht versohlen zu lassen.

Für die Strafsitzungen, die so kühl absolviert werden wie Besuche beim Steuerberater, riskiert Joe das Leben ihres kleinen Sohnes, der nachts allein auf dem Balkon herumturnt. Diese Schuld- und Sühneverkettungen sind so unerbittlich wie vorhersehbar. Was im ersten Teil interessant beginnt, wandelt sich zu schauerreligiösen Stereotypen. Die Liebe ist ja nicht einfach nur abwesend, sondern als verschmähte Größe zu einer finsteren Macht mutiert. Sie ist es, die da rammsteint: „Wenn du weinst, geht es mir gut / Die Hand deiner Angst, füttert mein Blut“.

Ein abtrünniger Kreuzritter der Liebe ist dieser Lars von Trier, ein vom Glücksstern halb Gefallener, halb Verstoßener, dessen Klage sich diesmal in ein ziemlich konventionelles Gewand kleidet. Auch wenn er noch so skandalträchtig daherkommt: Dieser Film ist verdruckst und geradezu muffig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare