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Sky-Zuschauer wissen es bereits: Liv Lisa Fries ist Charlotte Ritter.

"Babylon Berlin", ARD

Die Serie als Orgie

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Die ARD startet auf dem "Tatort"-Sendeplatz mit "Babylon Berlin", dem TV-Serien-Ereignis des vergangenen Jahres.

Nun also auch im Öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Die Serie, von der bei der Erstausstrahlung die Kritiker fast durchweg begeistert waren. Patrick Schlereth etwa schrieb in der FR, das Werk der Regisseure Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries „schickt sich an, das deutsche Fernsehen zu verändern“. Christian Buß fand bei Spiegel online: „Dieser drogensatte, zeitgeschichtsgesättigte, neurosenbefeuerte Trip ist bester deutscher Serienstoff.“ Und David Denk bescheinigte „Babylon Berlin“ in der „Süddeutschen Zeitung“ „eine im deutschen Fernsehen bislang unerreichte Eleganz“.

Im deutschen Fernsehen bis dahin unerreicht war auch das Budget: Rund 40 Millionen Euro soll der 16-Teiler verschlungen haben, und diese Summe wollte oder konnte die ARD nicht alleine stemmen. Also holte man sich einen Partner ins Boot und wagte ein Experiment: Der Bezahlsender Sky steuerte ein paar Millionen bei. Dafür durfte er, obwohl der kleinere Partner, die Serie zuerst ausstrahlen. Ein seltsamer Handel, zumal Sky – nach eigenen Angaben – gerade mal fünf Millionen Abonnenten hat, während eine „Tatort“-Folge in der ARD im Schnitt knapp neun Millionen Zuschauer anlockt. 

Auf dem Sendeplatz des Sonntagabend-Krimis startet „Babylon Berlin“ jetzt in der ARD – knapp ein Jahr nach der Premiere auf Sky. Und mit der geballten Macht eines milliardenschweren Unternehmens bewirbt die Sendergemeinschaft nun das Produkt, lässt Lobeshymnen über ihre Radiosender verbreiten, preist „das Hörspiel zum TV-Event“ in der ARD Audiothek gar mit dem Hinweis an, die Sprecher „agierten am Seziertisch“. Das ist kein Zufall. Denn die Serie selbst wie ihre Vorlage, Volker Kutschers Buch „Der nasse Fisch“, lebt auch von mehr oder weniger subtilen Horror-Elementen. Dabei haben sich die Filmemacher recht weit von Kutschers Krimi entfernt (der es ohnehin wohl nicht auf eine Longlist zum Buchpreis geschafft hätte). Aber dafür arbeiten sie umso stärker mit Schauwerten. Da ist einiges zu sehen, was im öffentlich-rechtlichen TV eher Seltenheitswert hat, vor allem im Rotlicht-Milieu von Sex & Crime. 

Die Handlung dreht sich ja um den Versuch des Kommissars Gereon Rath, im Berlin des Jahres 1929 einen Pornofilm zu finden, mit dem der Kölner Oberbürgermeister kompromittiert werden könnte. Wie im Polizeipräsidium die Dezernate „Sitte“ und „Mord“ zusammenstoßen, wird in der hübschen Szene geschildert, als die beiden Hauptfiguren Rath und Charlotte Ritter vor dem Paternoster ineinander stolpern und ihre Fotos aufsammeln müssen – die einen mit verstümmelten Körpern, die anderen mit Pornographie. Die Regie lässt es sich nicht entgehen, die Schwarz-Weiß-Abzüge kurz zu zeigen. Als Kontrast dazu schwelgt die Kamera in der Ausgelassenheit der Vergnügungssüchtigen im Lokal „Moka Efti“, wo auf der Bühne Josephine-Baker-Kopien in Bananenröckchen tanzen – ungewöhnlich ausgedehnte Szenen im Rhythmus der Serie. 

Aber die Faszination, die „Babylon Berlin“ ausstrahlt, rührt eben in erster Linie von der extrem ausgefeilten Optik her. Kulissen wie Kostüme zeigen: Die Serie ist eine einzige Ausstattungsorgie. Auf jedes noch so kleine Detail wurde geachtet, ob es die Maden im Fleisch des Hinterhofmetzgers oder der Münzautomat für die Stromversorgung in der Wohnung von Lotte Ritter ist. Allerdings schlägt manchmal die Bildbearbeitung am Computer durch, was den Film bisweilen arg glatt erscheinen lässt: Mögen die Armen zerlumpt sein, den Straßen fehlt der Dreck; der Alexanderplatz, mit den ameisengleich hin und her eilenden Menschen von oben gefilmt, wirkt klinisch rein. 

Große Sorgfalt wurde auch auf die Ausdrucksweise der Protagonisten gelegt. Im Zille-Milieu von Charlotte Ritters Wohnung geht es auch sprachlich derb zu; da wird den Bälgern angedroht, ihnen Gehorsam „in die Stirn zu kämmen“, und Muttern braucht immer wieder mal „Franzbranntwein“.

Bildgestaltung wie Ton und Musik tragen den Großteil dazu bei, dass „Babylon Berlin“ ein tatsächlich außergewöhnlicher Fernsehfilm geworden ist. Die Besetzung der beiden Hauptrollen mit eher wenig bekannten Schauspielern (Liv Lisa Fries und Volker Bruch) erweist sich als geschickt: Der bei der verwickelten Handlung und den unzähligen Figuren eher schwierigen Empathie mit dem Paar stehen so nicht von anderen Filmen geprägte Gesichter entgegen. Ohnehin ist in den weiteren Rollen jede Menge Bildschirm-Prominenz zu sehen: Matthias Brandt, Lars Eidinger, Karl Markovics oder Mi?el Maticevic etwa. 

Die ARD zeigt am Sonntag gleich drei Folgen auf einmal. Dafür lässt sie sich mit den weiteren Episoden reichlich Zeit. „Binge-Watching“, also das Durchgucken bis zum Schluss, ist hier, anders als für Sky-Abonnenten, nicht möglich. Zudem gibt es um 22.30 Uhr eine „Dokumentation“ mit dem Titel „1929 – Das Jahr Babylon“, mit der die Nähe der Serie zur Realität des schicksalsträchtigen Jahres demonstriert werden soll. Und mit der das Publikum womöglich die Nähe zur Gegenwart besser erkennt als in den fiktiven Episoden zuvor.

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