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Die Schauspielerin Senta Berger.
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Die Schauspielerin Senta Berger.

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Senta Berger wird 80: Von Schönheit zu Schönheit

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Der wunderbaren Schauspielerin Senta Berger zum 80. Geburtstag.

Im Film „Notting Hill“ ist der weltberühmte Filmstar Anna Scott (Julia Roberts) mit Freunden des Buchhändlers William Thacker (Hugh Grant) zusammen. Keine Party, sondern eine Tischrunde von einer Handvoll Menschen. Sie feiern den Geburtstag von Williams Schwester. Ein Brownie ist noch übrig. „Die tragischste Figur unter uns soll ihn bekommen“, erklärt der Gastgeber. Jeder bewirbt sich mit einer kleinen Rede. Am Ende hält Hugh Grant den Brownie in der Hand. Da interveniert der Filmstar Anna Scott. Sie will mitmachen beim Kampf um den Brownie.

Sie erklärt: „Bald sehe ich auch nicht mehr so blendend aus wie jetzt. Dann werden sie feststellen, dass ich gar nicht spielen kann. Dann werde ich eine bemitleidenswerte Frau mittleren Alters sein, die noch ein bisschen aussieht wie jemand, der mal berühmt war.“

Diese Rede ist grundfalsch. Das hat mich Senta Berger gelehrt. Sie hat mir damit etwas über mich beigebracht, über einen zentralen Mangel meiner Wahrnehmung. Es war ihre Schönheit, die mich blind machte für ihr Können. Ich war Jahrzehnte lang so sehr damit beschäftigt ihr zuzusehen, dass ich keinen Gedanken daran verschwendete, ob das vielleicht ihr schauspielerisches Können war oder sonst irgendetwas, das mich so fesselte. Egal wen sie spielte, ihre Schönheit brachte sie immer mit. Ich bin sicher – nein, sicher bin ich mir nicht –, es gibt Profis der Schauspielerei, die können unterscheiden. Ihnen gelingt es, nicht überwältigt zu werden von der Schönheit der Darstellerin. Mir gelang das lange nicht.

Im Dreiteiler „Babeck“, der 1968 dafür sorgte, dass ich ein paar Polit-Meetings ausließ, war sie so atemraubend schön, dass ich das Reinecker-Geraune, das der Fernseh-Sound jener Jahre war, in Kauf nahm, nur um sie ansehen zu können. Ich weiß es nicht mehr, aber ich glaube, ich ließ mir lange keinen Film, keinen Fernsehauftritt von ihr entgehen. So gerne sah ich ihr beim Leben zu.

Begegnet bin ich Senta Berger nie. Hätte sich mir die Gelegenheit geboten, ich hätte sie nicht ergriffen. Ich wäre geflohen. Wie ich es bei einem Interviewtermin mit Sophia Loren tat. Aus dem selben Grund. Inzwischen weiß ich, dass wirkliche Schönheit live noch überwältigender ist als auf der Leinwand. Aber ich habe auch erfahren, dass man schon nach kurzer Zeit zwar nicht über sie hinweg-, aber doch gewissermaßen durch sie hindurchsehen kann. Um freilich immer wieder, wenn man ihr beim Kochen oder Lesen zuschaut, über sie – freudig zwar, aber doch – zu erschrecken.

Anna Scott ist in „Notting Hill“ noch nicht alt genug, um zu wissen, dass man ihr einfach gerne zuschaut beim Lachen und beim Weinen, beim Gehen und beim Stehen. Erst wenn dieser Zauber keine Macht mehr über die Menschen hat, öffnen sich die Pforten der Wahrnehmung. Jetzt erst sieht man, was für eine großartige Schauspielerin sie ist. Man sehe sich nur Julia Roberts in der Serie „Homecoming“ an. Aber zurück zu Senta Berger, die am 13. Mai 1941 in Wien geboren wurde, 1955 ihren ersten Auftritt in einem Film hatte. In einem Schwarm die Schultreppen hinunterrennender Mädchen. Ein Film mit Curd Jürgens, mit dem sie Jahrzehnte später in Salzburg im „Jedermann“ spielte.

Sie nahm Schauspielunterricht, wurde mit 15 am Max-Reinhardt-Seminar angenommen. Mit 17 musste sie die Schule verlassen. Sie hatte, ohne den Direktor zu fragen, eine Rolle in einem Film über den Ungarnaufstand von 1956 angenommen. Er hieß „The Journey“. Regie führte Anatol Litvak, Hauptdarsteller waren Yul Brynner und Deborah Kerr.

Nichtsdestotrotz oder womöglich gerade auch darum wurde Senta Berger 1958 jüngstes Mitglied am Wiener Theater in der Josefstadt.

Die nächsten Jahrzehnte drehte sie Filme, die kein Mensch sich mehr anschauen möchte und solche, zu denen man ein nostalgisches Verhältnis hat. In München, Rom und Hollywood. In ihren Memoiren schreibt sie, wie Männer wie Kirk Douglas, O.W. Fischer, Richard Widmark sie bedrängten. Me too. Vor fünfzig Jahren war sie auf dem Cover des „Stern“ als eine von 374 Frauen, die erklärten: Wir haben abgetrieben.

Ihre Memoiren haben den Titel „Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann – Erinnerungen“. Ein schöner Titel und ein noch viel schöneres Buch. Senta Berger ist eine Erzählerin. Mit einer eigenen Stimme. Mit ihrer Stimme. Ich höre sie, wenn ich lese, wie ihr Vater sich „in diese kleine, weiche Lachtaube verguckt hatte“. Das war ihre Mutter. So war die Beziehung der Eltern am Anfang. Zu Senta Berger gehört diese Wärme. Sie ist die Grundierung ihrer Schönheit. Die mochte einen noch so sehr blenden, ihre Stimme schuf ein Gefühl von Vertrauen. Die legte sich freilich wie ein weiterer Schleier vor ihre Intelligenz. Ihre Neigung, während sie mitten im Geschehen, im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, gleichzeitig Beobachterin zu sein und sich nichts vormachen zu lassen, war wohl schon früh ausgeprägt. Sie erzählt, dass sie ihre ersten Geschichten schrieb auf die Ränder der Zeitung, die ihre Mutter las.

In „Babeck“ ist sie Mitglied der Gangsterbande und gleichzeitig hilft sie bei der Aufdeckung von deren Waffenhändlergeschäften. Vierzig Jahre später spielt sie in „Frau Böhm sagt Nein“ eine Chefbuchhalterin, die ebenfalls mitten im System sich gegen es stellt. Sie ist darin unfassbar gut. Freudentränen treibend großartig. Zwischen 2002 und 2019 strahlten Arte und ZDF die Serie „Unter Verdacht“ aus. Senta Berger spielte die Kriminalrätin Dr. Eva Maria Prohacek. Dreißig Folgen polizeiinterne Ermittlungen. Das gleichzeitige Drinnen und Draußen der Senta Berger – nie war es schöner zu beobachten. Auch weil ihre Schönheit nicht mehr alles andere überstrahlte. Sie war immer noch da. Wie eine Erinnerung. Gleich der erste Film der Serie wurde überhäuft mit Grimme-Preisen. Regisseur und Drehbuchautor bekamen einen. Aber auch alle drei Hauptrollen. Senta Berger ist die Hauptfigur, aber sie erdrückt nicht die anderen. Die blühen neben ihr auf.

Senta Berger hat als Kind Armut erlebt und sie weiß darüber zu schreiben. Sie verschließt ihre Augen nicht vor dem Bösen. In ihren Erinnerungen beschreibt sie die Angst ihrer Mutter vor dem großen Luftschutzkeller, der ein Schutzraum vor den Bomben der Alliierten war und einer für die Männer, die im Dunkel des Kellers sich an Frauen vergriffen. Senta Berger hat die Begabung, beide Seiten der Medaille zu sehen und sie hat die Gabe, sie beide zu spielen. Manchmal gleichzeitig in einer Person. Das macht uns, die wir ihr jetzt seit einem halben Jahrhundert zuschauen, glücklich. Sie hat uns beigebracht, verschiedene Arten von Schönheit zu sehen. Vielen Dank auch dafür.

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