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Wendy und Jon Savage werden schlagartig an die Verbindlichkeit des Generationenvertrages erinnert, als die Lebensgefährtin ihres Vaters Lenny (Philip Bosco) stirbt und sich bei ihm Anzeichen von Demenz zeigen.
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Wendy und Jon Savage werden schlagartig an die Verbindlichkeit des Generationenvertrages erinnert, als die Lebensgefährtin ihres Vaters Lenny (Philip Bosco) stirbt und sich bei ihm Anzeichen von Demenz zeigen.

"Die Geschwister Savage"

Seniorenheim als Propagandalüge

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Die größten Feiglinge, was das Alter angeht, sind die Hollywoodstudios. "Die Geschwister Savage" ist eine mutige und bittere Komödie der Regisseurin Tamara Jenkins. Von Daniel Kothenschulte

Vor wenigen Wochen wäre Bette Davis einhundert geworden, der große Hollywoodstar, der neben unsterblichen Filmen auch ein geflügeltes Wort hinterließ: "Alt werden ist nichts für Feiglinge." Die größten Feiglinge, was das Alter angeht, aber sind die Hollywoodstudios. Die Angst vor dem körperlichen Verfall ist dem Mainstream-Kino bis heute eingeschrieben. Gegen Krankheiten, gerne auch seltene, können Filmhelden heroische Kriege führen. Aber gegen das Alter? Liebevolle Großmütter, verbitterte aber doch noch aufzutauende Opas sind Legion im Hollywoodkino. Die hässlichen Seiten bleiben meistens ausgespart. Kein Wunder, dass Bette Davis ihre alten Tage lieber im Horror- als im versöhnlichen Familienkino verbrachte.

Es ist schön, ihre Stimme kurz in "Die Geschwister Savage" zu hören, einem Film, der sich zur Abwechslung einmal ernsthaft mit dem Alter befasst. Jemand hat sich ihre Stimme auf den Anrufbeantworter gespielt. "So, das war Bette Davis, und jetzt komme ich." Da dieser Film von einer Situation erzählt, die in fast jedem Leben einmal vorkommt, dem Moment, in dem erwachsene Kinder plötzlich - und es ist immer plötzlich - über das Leben eines Elternteils entscheiden, sollte man etwas Ähnliches aus der Filmgeschichte eigentlich schon kennen. Mir fällt allerdings kein Beispiel ein. Statt Helden kommen immer wieder nur Feiglinge darin vor.

Ein Geschwisterpaar, sie Ende dreißig, er in den Vierzigern, steckt mitten in den eigenen Lebenskrisen, als die Freundin ihres greisen Vaters stirbt. Er kehrt heim zu seiner Familie. Doch schnell ist der senile Mann ein Klotz am Bein. Als er sich eines Tages auch noch mit seinem Kot an der Badezimmerwand verewigt, fliegt Lenny Savage raus. Sein von Philip Seymour Hofman mit trockenem Intellekt charakterisierter Sohn Jon, Uni-Professor und Brecht-Experte, argumentiert zunächst juristisch. Prompt bekommt er einen Partnerschaftsvertrag präsentiert, der gegenseitige Verantwortung ausschließt. Mit seiner Schwester Wendy (Laura Linney) kann er sich gleich nach einem passenden Pflegeheim umsehen. Oder gibt es vielleicht doch noch Hoffnung, sich der schwer zu diagnostizierenden Erkrankung des alten Mannes zwischen Demenz und Parkinson auf andere Art zu stellen?

Unbemerkt verabschiedet sich der Film an dieser Stelle vom üblichen Pfad eines Problemfilms, der nach exemplarischen Lösungen sucht. Wendy, die an ihrer späten Karriere als Dramatikerin bastelt und Jon, der sich in seiner Forschung verzettelt, haben zu viele eigene Probleme, um sich für ein weiteres zu interessieren. Und selbst wenn sie es wollten, sie bekämen es nicht in ihren Kopf.

Als Wendy nach einem besonders pittoresk gelegenen Bilderbuch-Pflegeheim Ausschau hält, entlarvt der Brechtianer, der auch außerhalb der Uni eine Antenne hat für Gefühlsduselei, nur ihren Schuldkomplex. "Die Landschaft ist eine Propagandalüge für die Angehörigen. Innen drin regiert der Horror wie überall auch." Was er in dieser meisterhaft inszenierten Szene vor einer in der Tat hochromantischen Landschaftskulisse nicht bemerkt: Durch das Autofenster bekommt der längst nur noch mitgeschleppte Vater jedes Wort davon mit.

Die Autorin und Regisseurin Tamara Jenkins hat diesen Film geschrieben wie eine der ernsteren Woody-Allen-Komödien. Aber eine der besseren: Wie bei Allen spielen immer wieder Film- und Musikzitate hinein und brechen die pointierten Dialoge mit einer eigenen, verschrobenen Nachdenklichkeit. Natürlich hört man Brechtlieder auf den langen Autofahrten.

Als sich die Geschwister einmal mit ihrem Vater in einen Kinosaal setzen, um ihn mit einem Film aus seiner Kinderzeit zu erreichen, fällt die Wahl auf den ersten Hollywood-Tonfilm, "The Jazz Singer". In einer Szene identifiziert sich der alte Mann so sehr mit einem kleinen Jungen auf der Leinwand, dass es ihn von seinem Stuhl reißt. Doch obwohl seine Kinder genau jene Öffnung erreicht haben, die sie sich mit dem Kinobesuch erhofften, schämen sie sich für seine Reaktion. Noch dazu wussten sie wenig von der problematischen Stellung dieses Films innerhalb des filmhistorischen Kanons: Einerseits ist "The Jazz Singer" eine der wertvollsten Dramatisierungen des jüdischen Lebens im New York der zwanziger Jahre. Andererseits wird seine Zeichnung der Schwarzen heute als rassistisch empfunden.

Der Filmausschnitt dient als wunderbares Beispiel dafür, wie unmöglich es ist, sich in eine vergangene Kultur hineinzudenken - wie schwer muss es da sein, einen lebendigen 85-Jährigen zu verstehen? Tamara Jenkins verklärt nichts, und sie gibt auch niemandem die Schuld. Alles, was sie anbietet, ist ein unerfreulicher Blick in den Spiegel. Es reicht, um eine winzige Lücke in der Filmgeschichte zu füllen: Einen Film zu drehen über das Alter UND über die Feiglinge.

Die Geschwister Savage, Regie: Tamara Jenkins, USA 2007, 114 Minuten.

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