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Da der Held keine Strumpfhosen trägt, sieht er noch nicht mal lächerlich aus.

Comic-Verfilmung "Iron Man"

Selfmade Superman

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Was täte ein amerikanischer Superheld wohl im heutigen Afghanistan?

Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Ist es ein Superheld? "Iron Man" ist wahrscheinlich der einzige unter den klassischen Comic-Helden, der einem auf diese alles entscheidende Frage ein Weder-Noch abringt. Einmal in ihrer Geschichte wollte die Comicschmiede Marvel auch Zweiflern etwas bieten. Jungs, denen die Enttäuschung über die Nicht-Existenz des Osterhasen so tief in die Glieder gefahren ist, dass sie weder an Super-, Spider- noch Batman glauben, sondern höchstens an die Wunder der Technik.

1963, in der atomar strahlenden Glanzzeit des Kalten Krieges, erfand Marvel-Redakteur und Autor Stan Lee einen genialen Erfinder und Industriemagnaten, den feindliche Mächte zwingen, für sie eine Waffe zu bauen. Das gute Stück entpuppt sich als fliegende Ritterrüstung, die ihn geradewegs aus dem Kerker katapultiert. Die merkwürdige Moral dabei: Industriell produzierte Waffen geraten früher oder später doch in die falschen Hände. Da nehme man sie doch lieber selbst in die Hand.

Nun hat es der auch durch Hollywood-Lizenzen schwerreich gewordene Marvel-Verlag seinem Helden gleich getan: Er kümmert sich selbst um seine Kino-Blockbuster. Und er kann es mindestens so gut wie die Profis. Was hat Hollywood nicht alles versucht, um Comic-Verfilmungen auch nach Comic aussehen zu lassen - von Warren Beattys "Dick Tracy" über Tim Burtons visionäre Batman-Filme bis zu Frank Millers graphischen Exzessen "Sin City" und "300".

Marvel hingegen verfilmt seinen Comic im Stil eines klassisch erzählten Spielfilms, der sich weder ein besonderes Design übergestülpt hat noch sich in Effekten verzettelt. Und der nicht für etwas anderes gehalten werden will als einen einfachen Abenteuerfilm. Nicht mal für ein Computerspiel.

Der von Jon Favreau inszenierte Film ist so wohltuend langsam erzählt, dass bereits Zehnjährige - wenn sie Einlass erhalten - alle Nuancen verstehen. Aber auch schreckhafte Siebzigjährige werden der Handlung gerne folgen.

In den Fängen von Terroristen

Es war nicht schwer, die Originalgeschichte, die in Vietnam spielt, zu aktualisieren. Nun ist der Schauplatz Afghanistan, wo der Rüstungsfabrikant Tony Stark seine neue Raketentechnik für heißhungrige US-Militärs präsentiert. Für den zynischen Geschäftsmann ein lohnender Kurztrip - fände er sich nicht in den Fängen von Terroristen wieder.

Robert Downey Jr. spielt diese widersprüchliche Figur eines genialischen Unternehmers mit all seiner brüchigen Ausstrahlung. Welches Potenzial steckte in diesem Schauspieler, der bei Richard Attenborough so glaubhaft die unspielbare Rolle Charlie Chaplins ausfüllte. Seine Zeit als Heldentenor hat Downey Jr. wegen einiger Drogendelikte hinter Gittern verpasst, doch nun hat er eine Zukunft im Rollenfach von Dennis Hopper. Sein Iron Man ist ein Intellektueller im Comic-Helden-Kostüm. Und da dieses in diesem Fall ohne Strumpfhosen auskommt, ist der Anblick auch gar nicht lächerlich.

Nach einer Stunde ist der Film dann bei sich angekommen. Man freut sich über die großen Sprünge dieses Selfmade Superman ebenso wie über sein liebenswertes Verhältnis zu einer Privatsekretärin, die bei Miss Moneypenny in die Lehre gegangen sein muss. Nur dass der erotische Vulkan unter der gesitteten Oberfläche diesmal auf beiden Seiten brodelt.

"Iron Man" mag ein nichtsnutziger Film sein, aber er ist es auf elegante Weise. Während das Originaldesign des Roboter-Mannes an das B-Kino der fünfziger Jahre erinnerte, hat man den Look seines Outfits nun ein wenig zurück datiert, in die Stromlinienform des Designers Charles Eames. Nur nachdenken sollte man nicht über die politische Moral: Vielleicht bezieht sich die Figur des allein durch sein Genie und seine Millionen legitimierten Menschheitsretters auf Ayn Rands und ihre totalitäre Romanfigur "The Fountainhead". Vergleichbar ist sie. Vielleicht möchte aber jemand noch eine Spur weniger korrekt sein und sagen: Was Amerika fehlt, ist ein Bin Laden für die gute Sache.

Iron Man, Regie: Jon Faverau,

USA 2008, 126 Minuten.

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