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Octave (Jean Dujardin), Werbe-Fuzzi mit langem Haar und bescheidener Weisheit.

Filmkritik zu "39,90"

13 Sekunden fürs Abendmahl

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Jan Kounens Verfilmung von Beigbeders Roman "39,90" hält sich für klüger als die Werbung. Von Daniel Kothenschulte

Nach einer englischen Spruchweisheit sollte man niemals ein Buch nach seinem Einband beurteilen - ein Prinzip, das Frédéric Beigbeders Roman "39,90" freilich auf den Kopf stellte. Der erste Eindruck, das Preisschild des Bandes, sollte der entscheidende bleiben: Was darauf stand, war auch drin in diesem tautologischen Selbstbild eines zum Autor gewandelten Werbemannes, der den eitlen Kreativen seiner Zunft abermals den geliebten Spiegel vorhielt.

Werbeleben im Werbelook

Wer sich Jan Kounens Verfilmung von "39,90" zur Rezension bestellt, erhält ein Exemplar mit einkopiertem Time-Code. Das ist eine mitlaufende Uhr in der Bildmitte, halb so breit wie das gewaltige CinemaScope-Format, einem digitalen Price-Tag gar nicht unähnlich. So kann man kaum umhin, auch die Bilder an ihrem Nennwert zu messen.

Vier Sekunden dauert eine durchschnittliche Einstellung, denn Kounen verfilmt das Werbeleben, wer wollte etwas anderes erwarten, auch im Werbelook. Nur wenn er auf ein Bild besonders stolz ist, darf es auch länger stehen: Die versammelte Chef-Etage erscheint dem Werbemann bei einer Präsentation urplötzlich wie Leonardos Abendmahl - eine nicht gerade tiefschürfende Assoziation, doch dem Regisseur ist sie stolze 13 Sekunden wert, was dem schwachen Scherz erheblichen Nachdruck verleiht.

Vielleicht gibt es wirklich Bilder in Beigbeders Prosa, die durch ihre fotografische Nachstellung noch zu verstärken sind - etwa wenn sich der Held nach einer schlechten Party über die Wanne beugt und auf eine dort schlafende Frau übergibt. Besser aber werden sie davon nicht.

Schon als Beigbeders Roman die Bestsellerlisten stürmte, war die darin vorgebrachte Konsumkritik in ihrem koketten Ton eigentlich längst kalter Kaffee angesichts der aktuellen Debatten um den Konsumismus, den der Kunstbetrieb allenthalben feierte - etwa in der wichtigen Frankfurter Ausstellung "Shopping" in der Schirn.

Wie muffig jedoch Beigbeders Werbekritik tatsächlich riecht, zeigt sich erst im Kino-Kontext. Hier hat die Auseinandersetzung mit der so genannten Werbeästhetik eine lange Tradition. Es war der Dadaist Hans Richter, der schon im Jahr 1946 die Käuflichkeit der visuellen Reize gemeinsam mit Max Ernst und Marcel Duchamp unter einem schönen Titel thematisierte: "Dreams that money can buy". Zuvor hatte Bertolt Brecht Hollywood als "Markt, wo Lügen verkauft werden" besungen und sich eingereiht ins Heer der Verkäufer.

Doch auch der Markt für mediale Selbstkritik war groß: Das bleibende Bild der Werbewirtschaft hatte Preston Sturges bereits 1940 geliefert mit seiner Komödie "Weihnachten im Juli". Ein brotloser Angestellter macht darin sein Glück in der Kaffeewerbung: "Wenn Sie nachts nicht schlafen können, ist nicht der Kaffee Schuld, sondern Ihr Bett" heißt sein Slogan, mit dem er reich wird, obwohl ihn keiner versteht.

Wirklich ironische Ausbrüche aus den Fallen der visuellen Konditionierung suggerierten unter anderem Stanley Kubrick ("Clockwork Orange"), David Fincher ("Fight Club"), Paul Thomas Anderson ("Punch Drunk Love") und zuletzt Cameron Crowe ("Elizabethtown"). Regisseur Jan Kounen betrachtet vor allem die ersten beiden Vorbilder als Konsumtempel der Selbstbedienung. Sein Recycling immerhin passt zum Werbethema, auch wenn die daraus generierte Clip-Parade nach einem Pop-Up-Blocker schreit. Was für ein Franchising-Erfolg: Aus einem dummen Buch ist ein dämlicher Film geworden, und schlimmer noch: einer, der wie sein Held Octave glaubt, mit seiner bescheidenen Weisheit ganz allein zu stehen.

39,90, Regie: Jan Kounen,

Frankreich 2007, 104 Minuten.

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