"Tokyo Sonata": Familienrituale täuschen Normalität vor.
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"Tokyo Sonata": Familienrituale täuschen Normalität vor.

Nippon Connection

Sehnsucht nach Familie

Beim Filmfestival Nippon Connection geht es um den Tod und die Wiederauferstehung der Gemeinschaft. Auch der Eröffnungsfilm "Tokyo Sonata" stellt die Familie in den Vordergrund, so die Produzentin. Von Jutta Maier

Von JUTTA MAIER

Nein, Regisseur Kiyoshi Kurosawa hat die Wirtschaftskrise nicht vorhergesehen. Immer wieder werde sie gefragt, ob es Zufall sei, dass sein Film "Tokyo Sonata" so aktuell wirke, sagt Yukie Kito. Die Produzentin des in Cannes gefeierten Werks stellt sich am Eröffnungstag der neunten Auflage des Frankfurter Filmfestivals "Nippon Connection" geduldig und bescheiden (warum wirken Japaner nur immer so?) den auf Englisch geradebrechten Fragen des Publikums. Nein, sagt Kito, vor zweieinhalb Jahren, als der Film gedreht wurde, habe niemand ahnen können, was passieren würde. Das Drehbuch, ursprünglich von einem Briten, sei inspiriert von der geplatzten Blase im Japan der späten 80er. Doch eigentlich gehe es um die Familie, die Beziehungen ihrer Mitglieder zueinander - ein Thema, das sich durch die meisten Beiträge an den ersten beiden Festivaltagen zieht.

Der Mann verliert die Autorität

Die Familie als Verheißung von Glück und Sicherheit, sie wirkt zerbrechlich: Bedroht von wirtschaftlichen Umständen, vom Tod, aber auch vom Unvermögen der Männer, sich neuen Situationen anzupassen. Es sind die Frauen - sie sind auch noch im modernen Japan quasi allein für Haushalt und Kindererziehung zuständig -, die für Zusammenhalt sorgen. Kein Wunder, dreht sich das Leben des Mannes doch fast ausschließlich um den Beruf. Verliert er den Job, steht nicht nur seine Autorität, sondern die ganze Person in Frage.

Als die Stelle des Vaters in "Tokyo Sonata" wegrationalisiert wird, versucht er krampfhaft, die Fassade aufrechtzuerhalten: Jeden Morgen verlässt er mit Anzug und Krawatte das Haus, um sich die Zeit in der Schlange einer Armenspeisung zu vertreiben. Unzählige Arbeitsamt-Besuche später tritt das Familienoberhaupt eine Stelle als Reinigungskraft in einer Shopping Mall an. Als er dort überraschend seiner Frau gegenübersteht, weiß er der Unmöglichkeit der Situation nur durch Weglaufen zu entkommen. Der ältere Sohn geht in die USA, der jüngere Sohn zieht sich zurück und nimmt heimlich Klavierstunden. Sein Talent ist es, das die Familie wieder zusammenführt, jedoch erst nach der totalen Auflösung: Der Vater landet, von einem Auto angefahren, buchstäblich in der Gosse, die Mutter flieht mit einem Einbrecher, der sie entführen wollte, schließlich freiwillig ans Meer.

Die Filme erzählen mit klarer, eindringlicher Bildsprache Geschichten, die nachdenklich machen, stets auf der Suche nach der Sinnhaftigkeit des Lebens. Sie kommen oft ohne lange Dialoge aus; in der Stille oder nur mit Musik untermalt, entfalten die Einstellungen ihre ganz eigene Wirkung. Wir sehen ein Volk, das hinter seiner höflichen Fassade, seiner Ordnungsliebe und den aufs Essen fixierten Ritualen sehr lebendig und überaus humorvoll ist. Wie befreit lacht das Publikum auf, wenn die Familie in "Still Walking" über den dicken jungen Mann lästert, der alljährlich zum Todestag des ältesten Sohnes seine Aufwartung macht. "Wir sorgen dafür, dass er sich einmal im Jahr auch so richtig schlecht fühlt", sagt die Mutter. Das sei doch ganz normal, fügt sie auf Nachfrage ihres jüngeren Sohnes hinzu. Der Vater, ein pensionierter Arzt, hat dem Besucher vor 15 Jahren das Leben gerettet - währenddessen starb sein Sohn. Sein jüngerer Bruder weigerte sich, an seiner Stelle die Praxis des Vaters zu übernehmen. Doch so sehr ihm die kontrollierende Fürsorge der Familie zuwider ist, sehnt sich der "verlorene Sohn" trotzdem nach ihrer Anerkennung.

Der Protagonist von "Vacation", ein Gefängniswärter, meldet sich sogar als Freiwilliger bei der Vollstreckung einer Todesstrafe, um ein freies Wochenende mit seiner neuen Frau und deren Sohn verbringen zu können. Mit seiner kühlen, minimalistischen Anmutung und präzisen Schnitten entwickelt der Film eine Sogwirkung, die im Todeskampf des Strangulierten gipfelt. Gleichzeitig wachsen Vater, Mutter und Sohn während des Kurztrips zu der ersehnten Familie zusammen. Wie schmerzhaft das Ausgestoßensein aus dem Familienbund sein kann, erfährt die blinde Schwertkämpferin Ichi im gleichnamigen Drama, das als Ersatz für den ursprünglich geplanten Film "Nightmare Detective 2" läuft - der deutsche Verleih untersagte die Aufführung. In der mit viel Kunstblut inszenierten Verfilmung des Serien-Klassikers findet die Protagonistin erst durch die Zuwendung von Freunden, also einer Ersatz-Familie, wieder ihr Gleichgewicht.

Nippon Connection: bis 19. April. www.nipponconnection.com

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