"Maybrit Illner", ZDF

Sehnsucht nach dem "Basta-Man"?

  • schließen

Nach Merkels Verzicht auf die Führung der CDU fragte Maybrit Illner nach der Bilanz der Kanzlerin und der Zukunft der CDU, ob als Volkspartei oder nicht.

„Streit um Merkels Erbe – die CDU sucht Kurs" lautete das Thema bei Maybrit Illner. Aber noch streiten sie ja gar nicht, die Christdemokraten. Und sie werden womöglich alles tun, um diesen Eindruck zu verhindern. Schließlich hat man auch in der Union erkannt, dass die Zankerei mit ein Hauptgrund dafür war, dass sich das Wahlvolk abwendete von den „Volksparteien“. Aber nun haben sich so plötzlich wie Kasper aus der Kiste gleich drei prominente Köpfe um die Nachfolge Merkels als Parteivorsitzende gemeldet. Und da soll Konkurrenz als Ko-Existenz verkauft werden?

Merkel-Verzicht laut Illner-Runde „richtig“

Doch  zunächst ging es in der Runde um die Bilanz der Kanzlerin, und Einigkeit herrschte, dass ihr Verzicht „richtig“ war. Hans-Peter Friedrich (CSU), Mitglied CSU-Parteivorstand und ehemals Innenminister unter Merkel, wiederholte gar seine These, dass die Union die Stimmen von AfD-Wählern nicht zurückgewinnen werde, solange Merkel Kanzlerin sei. Ihre Aufgabe des Parteivorsitzes eröffne der CDU die Chance, „sich wieder auf den Weg zur Volkspartei zu machen“.  

Der Bayer hielt auch im Verlauf der Diskussion fest an seinem Glauben an die Volkspartei, während Schriftstellerin Juli Zeh eine „Volkspartei-Verdrossenheit“ bei den Wählern ausgemacht hatte. Weshalb auch die gebetsmühlenhafte Beschwörung der notwendigen Rückkehr zur „Sacharbeit“ wenig fruchte. Daran hätten viele Bürger  nicht  so großes Interesse. Als Beleg führte die Sozialdemokratin die Existenz rechtsextremer Bewegungen im Ausland an.

FDP-Chef Christian Lindner hingegen bestand darauf, dass es doch um politische Inhalte gehe bei der Abwendung des Wahlvolks und führte Unzufriedenheit mit dem digitalen Fortschritt, der Bildungsmisere und dem Bürokratismus an – zufällig alles FDP-Themen. Prompt fragte Moderatorin Illner ihn nach einem neuen Versuch zu Jamaika, worauf Lindner natürlich  nur antworten konnte: Wenn es eine entsprechende Konstellation gäbe ...

Weil Friedrichs schon die „wenn... dann“-These  geäußert hatte, kam die Frage, ob Merkel nicht auch die Kanzlerschaft abgeben müsse (wie Lindner gefordert hatte). Journalist Hajo Schumacher, wegen allfälliger markiger Formulierungen Stammgast in den Talkshows, wusste: „Wer die Partei nicht mehr hat, kann auch nicht Kanzler bleiben.“ Lindner, nicht weniger begabt im Platzieren von rhetorischen Ausrufezeichen, assistierte: „Was für die Partei richtig ist, kann für das Land nicht falsch sein.“

Von der Leyen belehrt Lindner

Beide Herren aber mussten sich von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen belehren lassen, dass sie der Regierungschefin nicht genügend Ehre hätten angedeihen lassen. Die Kanzlerin sei absolut nicht führungsschwach, sondern habe dafür gesorgt, dass das Land hervorragend dastehe – siehe geringe Arbeitslosigkeit, boomende Wirtschaft und eine um 95 Prozent zurückgegangene Migration. Angela Merkel sei sich selbst treu geblieben und sei „die große Modernisiererin“ für die CDU gewesen. Ja, warum solle sie denn dann eigentlich weg, fragte Illner. Habe Merkel nicht auch für die Identitätskrise der Union gesorgt? Hans-Peter Friedrichs Antwort: „Das könnte man so sagen.“

Und wer soll die Partei aus der Krise führen? Von der Leyen zeigte sich betont glücklich über die „schön breite Auswahl“ und erwartet „integrative Kraft“ von der oder dem neuen Vorsitzenden. Warum sie selbst, einst als Favoritin für die Merkel-Nachfolge gehandelt, nicht mehr im Rennen ist, wurde taktvoll unter dem Tisch gelassen. Juli Zeh hatte einen Anti-Favoriten: Jens Spahn. Der stehe für einen Konservatismus à la USA. Und dass der Ruck nach Rechts nicht funktioniere, habe man an Horst Seehofer gesehen (Friedrich weigerte sich selbstredend zu sagen, ob er für den Rücktritt Seehofers sei).

Sehnsucht nach dem Merz-Typus

Die Koalition werde mit Merkel an der Spitze die restlichen drei Jahre durchhalten, beteuerte Ministerin von der Leyen. Was aber, wenn der medial aktuell in Führung liegende Kandidat Friedrich Merz gekürt würde? Dann dürfte es doch wieder knirschen in der CDU. Hajo Schumacher jedenfalls sieht den umtriebigen Anwalt, der in zahlreichen  Aufsichtsräten sitzt und bei seiner Vorstellung sagte, er wünsche sich „mehr Aktionäre in Deutschland“, als Favoriten. Denn Merz sei so etwas wie die „Brückentechnologie“ zwischen dem Wunsch nach Erneuerung und der Sehnsucht nach der „alten“ CDU. Der Berater von Fondsgesellschaften, die den Ruf von Heuschrecken haben, und selbst Millionär, habe neulich bei Wolfgang Schäubles 75. Geburtstag in der ersten Reihe gesessen und knüpfe seit Monaten eifrig Kontakte.

Schumacher glaubt, dass es keine Konkurrenz zwischen Spahn und Merz geben werde. Und Annegret Kamp-Karrenbauer?  Die schaffe eine Bindung zur Basis, wusste von der Leyen. Folgt man Schumacher, hat sie wenig Chancen. Denn es gebe nun so etwas wie eine Sehnsucht nach dem Merz-Typus, weil der eher dem aktuell gefragten „Basta-Man“ in der Politik entspreche, siehe Putin, Erdogan, Trump.

Schöne Aussichten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion