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Seelenverwandte im Schweinekoben

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Hermetisch im Konzept, offen in der Interpretation: Amy Seimetz (unten), Shane Carruth (oben) verhakeln ihre Glieder, um die Synapsen des Zuschauers neu zu verdrahten.
Hermetisch im Konzept, offen in der Interpretation: Amy Seimetz (unten), Shane Carruth (oben) verhakeln ihre Glieder, um die Synapsen des Zuschauers neu zu verdrahten. © Upstream Color LLC, 2013

Der Sundance-Darling Shane Carruth kommt mit „Upstream Color“ auch auf die Berlinale. Eine minimalistische Inszenierung, ohne Spezialeffekte und von bestechender Nüchternheit. Der eigentümliche Stil kann für den Zuschauer ein gefährliches aber auch lohnendes Abenteuer sein.

Von Philipp Bühler

Wie sehen, hören und verstehen wir die Welt – oder auch nur einen Film? Sicher, die Wissenschaft kann sie uns erklären, all die eingeschliffenen Rezeptionsmechanismen, die uns einen Film verstehbar machen und ganz nebenbei die Sinne präparieren für den nächsten. Dass diese Wahrnehmungsmotorik auf ziemlich wackeligen Füßen steht, zeigt das Regiewunderkind Shane Carruth in „Upstream Color“, und er tut das, indem er die Wahrnehmung selbst zum Thema macht. Ansonsten lässt sich kaum sagen, worum es in seinem Film geht, schon die Frage scheint restriktiv.

Die jederzeit rätselhafte Handlung irritiert nicht zuletzt durch ihre minimalistische Inszenierung. Ohne Spezialeffekte, in aller filmischen Nüchternheit entfaltet sich zunächst eine Art Horrorfilm: Kris, eine von Amy Seimetz gespielte Frau jüngeren Alters, wird entführt und mit zuvor behandelten Maden zwangsernährt. In der so herbeigeführten Trance leert sie ihr Konto und übergibt dem Entführer das Geld. Doch ihr Martyrium ist nicht zu Ende. Endoskopaufnamen zeigen die Maden in ihrem Körper. Sie scheinen einem bestimmten Zweck zu dienen, wie auch die Operation durch einen anderen Mann, der die Menschenfrau nun mit einem Schwein kurzschließt. Sorgsam aufgestellte Lautsprecher beschallen diesen umgekehrten Frankenstein-Akt mit ohrenbetäubendem Lärm. Anschließend wird Kris freigelassen. Es geht ihr gut. Sie kann sich an nichts erinnern.

Die Synapsen neu verdrahtet

Als Zuschauer ertappt man sich dabei, das Gesehene ebenso zu verdrängen. Und Carruth macht es einem leicht, indem er völlig die Richtung wechselt. Unter wiederum mysteriösen Umständen trifft Kris auf Jeff, der ihr Schicksal teilt. Vielleicht verstehen sie sich darum so gut, dass aus dem Horror- fast schon ein ziemlich bezaubernder Liebesfilm wird. Vielleicht aber stecken ihre wahren Seelenverwandten in einem Schweinekoben. Die suggestive Collage von Bild und Ton geht nämlich unvermindert weiter.

Und was ist mit den dröhnenden Geräuschen in Kris’ Kopf? Warum kennt sie auf einmal „Walden“ auswendig, die Naturbibel des amerikanischen Transzendentalisten Henry David Thoreau? Wir wissen: Das totzitierte Standardwerk der amerikanischen Linken und Rechten war Teil ihrer Gehirnwäsche. Doch Kris und Jeff müssen sich die Welt neu zusammenreimen, und können sich dabei auf nichts verlassen, schon gar nicht auf sich selbst.

Der große Manipulator hinter allem ist natürlich Shane Carruth selbst, der hier die Synapsen seines Publikums neu verdrahtet oder es zumindest versucht. Der ehemalige Software-Ingenieur führt nicht nur Regie, sondern hat vom Drehbuch über Soundtrack, Vertrieb und die Darstellung der zweiten Hauptfigur alles in einer Hand. So war es schon bei „Primer“, seinem bisher einzigen Film. Mit dem gerade mal 7?000?Dollar teuren Zeitreise-Experiment gewann der damals 32-Jährige 2004 völlig überraschend den großen Preis der Jury in Sundance. Auch „Upstream Color“ wurde dort schon vorgestellt, Steven Soderbergh fand den Film „fantastisch“. Andere fanden ihn fantastisch prätentiös. Beides ist zweifellos richtig.

Denn so hermetisch Carruths Konzept wirkt, so offen ist es doch für Interpretation. Dass er eine klare Absicht verfolgt, welche auch immer das sein mag, ist so offensichtlich wie die Aufforderung zur Selbstbefreiung – von jenen unsichtbaren Kräften, die uns zu steuern versuchen wie ein phantasievoller Regisseur seine Filmfiguren, ein Wissenschaftler seine Versuchskarnickel, und das vielleicht sogar mit bester Absicht. Vor allem aber hat dieser Film, der wirkt, als hätten sich David Lynch und David Cronenberg darüber zerstritten und Soderbergh zur Rettung gerufen, den eigentümlichsten Stil. Sich seiner Stimmung auszusetzen, ihn in all seiner Ruhe und Bedrohlichkeit auf sich wirken lassen, ist ein gefährliches Abenteuer, aber es lohnt sich.

Upstream Color 15. 2.: 22.45 Uhr,

CineStar 3; 16. 2.: 20.15 Uhr, CineStar 3, 17. 2.: 20.15 Uhr, Cubix 7,

17. 2.: 20.15 Ur, Cubix 8.

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