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Eng beschriebene Blätter: Die Tagebücher von Anne Frank, die das Mädchen 1942-44 in Amsterdam verfasste.

Anne Frank-Kinofilm

Schwieriges Erinnern an Anne Frank

Der erste deutsche Film über Anne Frank kommt ins Kino. Drei Männer haben in den vergangenen Jahren darum gerungen, welches Bild vom dem Mädchen in die Öffentlichkeit gelangen soll.

Von Petra Ahne

Als Walid Nakschbandi etwa ein Jahr in Deutschland war, empfahl ihm seine Lehrerin ein Buch. Es sollte ihm helfen, die neue Sprache zu lernen, die Sätze waren einfach und klar, und die Autorin etwa so alt wie er, 14. Walid Nakschbandi begann mit dem Wörterbuch in der Hand zu lesen, wenn er ein Wort nicht kannte, schlug er es nach und schrieb es an den Rand der Seite. Als er „Das Tagebuch der Anne Frank“ zu Ende gelesen hatte, war er traurig und fühlte sich gleichzeitig getröstet: Es gab noch schlimmere Schicksale als seines, das eines Jungen, der sich ohne Eltern in einem fremden Land zurechtfinden musste. Seine Eltern hatten ihn und seine Geschwister nach Deutschland geschickt, Anfang der Achtzigerjahre, in ein, wie sie hofften, besseres Leben. Sie selbst waren noch im von den Russen besetzten Afghanistan. Doch im Gegensatz zu Anne Frank und ihrer Familie waren alle am Leben.

Walid Nakschbandi hat später in Solingen Abitur gemacht, in Bonn Politik und Jura studiert, er wurde Fernsehredakteur und dann Geschäftsführer der Berliner Produktionsfirma AVE. Er habe die alte Taschenbuchausgabe mit den Notizen am Rand noch, sagt er. Nakschbandi hat sie in den vergangenen Jahren immer wieder zur Hand genommen, während das Filmprojekt, das er sich in den Kopf gesetzt hatte, Form annahm.

Hinter seinem Schreibtisch schauen Martina Gedeck, Ulrich Noethen und die jungen Schauspielerinnen Lea van Acken und Stella Kunkat in Lebensgröße von einem Filmplakat. Sie spielen die jüdische Familie Frank, die zwischen 1942 und 1944 in einem Hinterhaus in Amsterdam untertauchte, die am Ende verraten und deportiert wurde und deren Schicksal Millionen Menschen kennen, weil das Tagebuch der jüngeren Tochter Anne gefunden und von Otto Frank, dem einzigen Überlebenden der Familie, veröffentlicht wurde. Am 3. März kommt der Film in die Kinos. Und es ist wahrscheinlich nicht übertrieben zu sagen, dass es die erste deutsche Kinoproduktion über Anne Frank auch deshalb gibt, weil ein afghanisches Flüchtlingskind vor über 30 Jahren ihr Tagebuch gelesen hat.

Nakschbandis Firma macht Sendungen fürs Fernsehen, Talkshows, Dokumentationen, und eine Dokumentation hatte Walid Nakschbandi zunächst auch im Sinn, als er sich vor ein paar Jahren fragte, ob es noch lebende Verwandte von Anne Frank gibt. Es entstand ein Film über ihren Cousin Buddy Elias, einen Schauspieler, der mit knapp 90 Jahren noch einen Kopfstand machen konnte, und der vergangenes Jahr starb.

Walid Nakschbandi wurde bald klar, dass er noch nicht fertig war mit Anne Frank. Er wollte mehr: einen Kinofilm. „Dieses herausragende Dokument der deutschen Geschichte, in einer Sprache geschrieben, die bis jetzt modern ist und in seiner Thematik von Flucht, Vertreibung und Ausgrenzung immer noch aktuell – ich fand, es war höchste Zeit für eine neue Verfilmung.“ Er nennt es sein bislang intensivstes Projekt.

Es ist ein berührender Film geworden, der einen mitnimmt in die Enge der abgedunkelten Hinterhauswohnung, in der sich ein junges Mädchen nicht davon abhalten lässt, erwachsen zu werden, mit allem Lebenshunger und allen Konflikten, mit viel Witz und Wut. Die 16-jährige Lea van Acken spielt Anne Frank wunderbar heutig, als trotzigen, verletzlichen, ungerechten, schwärmerischen Teenager. Man merkt dem Film an, dass er junge Menschen ansprechen soll, gleichzeitig gibt er Anne Franks Worten so viel Raum wie kein Film davor. Ganze Passagen aus dem Tagebuch spricht Lea van Acken direkt in die Kamera.

„Das Tagebuch der Anne Frank“ ist aber nicht nur eine weitere Adaption von Anne Franks Aufzeichnungen, die inzwischen zu sieben Filmen, mehreren Theaterstücken und einer Oper verarbeitet wurden. Er ist auch der vorerst letzte Beitrag in einer nicht endenden Debatte, die genaugenommen schon begann, als Otto Frank sich nach dem Krieg entschied, für die Veröffentlichung des Tagebuchs Passagen zu streichen, in denen seine Tochter seiner Meinung nach zu unverblümt über Probleme mit ihrer Mutter sprach oder über ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Seitdem geht es immer wieder um die Frage, wie sich die Welt an Anne Frank erinnern soll. Und wer das Recht hat, an diesem Erinnern mitzuwirken.

Die Institution, die darüber maßgeblich mitentscheidet und bei Bedarf auch gern streitet, ist der Anne-Frank-Fonds in Basel. Otto Frank hat ihn 1963 gegründet und zum Universalerben der Aufzeichnungen seiner Tochter erklärt. Die Stiftung ist eine weltweit tätige Organisation, doch man kann schnell den Eindruck bekommen, sie bestünde vor allem aus Yves Kugelmann. Der 44 Jahre alte Schweizer Journalist und Mitglied des Stiftungsrates, ist derjenige, der sich im Namen des Anne-Frank-Fonds äußert. Meistens gibt es dann Ärger um etwas. Zuletzt konnte man lesen, es habe ein Zerwürfnis zwischen ihm und dem Regisseur des neuen Anne- Frank-Films, Hans Steinbichler, gegeben, weil dieser als nächstes einen Film über Leni Riefenstahl drehen wolle. Das Holocaust-Opfer dürfe nicht zum „Teppichvorleger für die Nazi-Regisseurin“ werden, schrieb Kugelmann.

Yves Kugelmann sagt am Telefon, „Zerwürfnis“ sei falsch „wir haben einen guten kritischen Dialog“, und die Unstimmigkeit sei auch beigelegt: „Ich habe einen Brief geschrieben und die Sache ist erledigt, wenn das Wort des Regisseurs gilt, dass er sich nun definitiv vom Projekt zurückgezogen hat.“ Hans Steinbichler wird Leni Riefenstahls Leben nicht verfilmen, nicht jetzt jedenfalls.

Die Beschäftigung mit Anne Frank kann schnell umschlagen in einen Kampf um ihr Erbe, um die Deutungshoheit; das bekam auch das ZDF zu spüren, das den Produzent Oliver Berben mit einem Fernsehfilm über Anne Frank beauftragen wollte. Allerdings hatte sich niemand beim Anne-Frank-Fonds um die Rechte bemüht. Auch das ZDF und Oliver Berben bekamen einen Brief, „respektloses Verhalten“ und ein Verstoß gegen „Fairness und Anstand“ wurden ihnen vorgeworfen. Der Fernsehsender nahm Abstand von dem Zweiteiler. Zu dem Zeitpunkt, 2014, war der Kinofilm schon lange in Arbeit. Yves Kugelmann sagt, er habe Walid Nakschbandi nach vielen Gesprächen den Zuschlag für die Filmrechte am Tagebuch gegeben, weil er das Filmprojekt bei ihm am besten aufgehoben sah: „Ein solcher Stoff braucht Expertise und Vorwissen, einen Zugang, bei dem es zuerst um Inhalt und erst danach um Zahlen und Märkte geht“, sagt Yves Kugelmann. Es passte auch, dass der Fischer-Verlag, bei dem Anne Franks Tagebuch erscheint, und Nakschbandis Firma AVE beide zum Holtzbrinck-Verlag gehören.

Neben dem Kinofilm wurde ein zweites Projekt vereinbart, das das ZDF besonders geschmerzt haben dürfte: ein Fernsehfilm, in dem es vor allem um Otto Frank gehen sollte. „Meine Tochter Anne Frank“, hochgelobt und mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, lief Anfang 2015 in der ARD. Der Anne-Frank-Fonds hat sich auch mit den Betreibern des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam überworfen, dem zum Museum gewordenen Versteck an der Prinsengracht, das die Geschichte Anne Franks nach Meinung der Stiftung zu kontextlos zeigt. Der Fonds hat Projekten die Rechte entzogen, wenn sie sich in die falsche Richtung entwickelten, wie vor einigen Jahren bei einer geplanten Hollywood-Produktion. Und er setzt gerade viel daran, eine Verlängerung des Urheberrechts zu erreichen, das in einigen Ländern, auch in Deutschland, Anfang des Jahres eigentlich ausgelaufen ist, 70 Jahre nach Anne Franks Tod in Bergen-Belsen. Im Dezember entschied jedoch ein holländisches Gericht, dass fortan das Jahr 1986 als Datum der Ersterscheinung gilt, weil da Anne Franks Schriften erstmals im Rahmen einer wissenschaftlich-kritischen Ausgabe erschienen sind. Seit dem Jahr liest man nicht mehr Otto Franks gekürzte Version, sondern Anne Franks ursprüngliche Aufzeichnungen und deren von ihr selbst verfasste Überarbeitung. Nach holländischem Gesetz gilt das Urheberrecht nun bis zum 1. Januar 2037. Es geht um viel Geld, der uneigennützig arbeitende Fonds finanziert mit den Einnahmen aus dem in über 80 Ländern veröffentlichten Tagebuch Unicef-Projekte in verschiedenen Ländern. Es geht beim Urheberrecht aber auch darum, sagt Yves Kugelmann, „dass dieses Zeitdokument im Kern und seiner Authentizität erhalten bleibt.“

Authentisch, also möglichst nah an der echten Anne Frank. Am klarsten scheint sie auf in ihren eigenen Worten und fast wünscht man sich, es gäbe das alles gar nicht, die Filme, die Theaterstücke, in denen talentierten Jungschauspielerinnen der charakteristische Schrägscheitel und ein Pagenschnitt verpasst wird, damit sie unverkennbar zu Anne Frank werden. Man kann Anne Frank gar nicht näher kommen als über ihre eigenen Sätze, die einem so erschütternd klar den Zivilisationsbruch vor Augen führt, der es erlaubte, das Leben eines Mädchens, in dem alles darauf brannte, die Welt, die Liebe und sich selbst zu entdecken, zu beenden, einfach so.

Wahrscheinlich liegt die Gefahr inzwischen weniger in der Harmlosigkeit und süßlichen Melodramatik früherer Verfilmungen. In der ersten von 1959 spielte das amerikanische Fotomodell Millie Perkins eine sorgfältig geschminkte Anne Frank. Der Film endet damit, dass sie ihren Glauben an das Gute im Menschen betont. Heute gilt es eher zu verhindern, dass Anne Frank zum Mythos gefriert. Eine solche Anne Frank würde nicht mehr zur Auseinandersetzung auffordern, sondern zum Abhaken: Kenn ich.

Hans Steinbichler sagt, dass für ihn ein Gespräch mit der Regisseurin Caroline Link wichtig war, seine Tutorin aus der Zeit an der Münchner Filmhochschule. „Ich mach jetzt Anne Frank“, hat er ihr erzählt, und sie erwiderte: „Ach, Hänschen. Was willst du denn da noch erzählen?“

„Manchmal“, sagt Hans Steinbichler, „ist ja schon die richtige Frage Teil der Lösung.“ Steinbichler sitzt in einem Zimmer im Hotel de Rome in Berlin, in anderen Räumen geben zur gleichen Zeit die Schauspieler Interviews. Er wirkt gleichzeitig gespannt und im Reinen mit sich. Wie ein Regisseur, der weiß, dass er nun den Film gedreht hat, an dem man ihn messen wird. Aber auch, dass er ihn so gemacht hat, wie er musste. Michael Souvignier, der von Walid Nakschbandi dazu geholte zweite Produzent, hat Hans Steinbichler als Regisseur für die Tagebuch-Verfilmung vorgeschlagen. Die beiden hatten schon einen Film zusammen gemacht, die Geschichte von Kurt Landauer, früherer Präsident des FC Bayern, der 1933 zurücktreten musste, weil er Jude war. Im Nachhinein ist „Landauer“ wohl so etwas wie ein Gesellenstück gewesen. Danach konnte Anne Frank kommen.

Hans Steinbichler sagt, dass er sofort zugesagt hat, weil es Angebote gibt, die man nicht ablehnen kann. Und sich danach erst mit der Frage beschäftigte, die Caroline Links so schonungslos formuliert hat. Sie habe ihm geholfen, den Mythos zu entkleiden. Er las das Tagebuch und fand kein Opfer, kein Symbol für den Mord an sechs Millionen Juden, sondern ein Mädchen in der Pubertät. „Das war der Schlüssel“, sagt er.

Seine Bilder hatte er bald im Kopf. Nun musste er sie mit denen der anderen in Einklang bringen, mit der Anne Frank, die Walid Nakschbandi vor sich sah, der Fonds in der Schweiz, der Drehbuchautor. Film ist eine Kunst, bei der viele mitreden. Man hört durch, dass der Weg nicht einfach war.

Man kann sich gut vorstellen, dass Anne Frank das amüsiert hätte: dass es vor allem drei Männer sind, die in den letzten vier Jahren darum gerungen haben, welches Bild von ihr, der für immer 15-Jährigen, in die Welt getragen wird. Walid Nakschbandi, Yves Kugelmann und Hans Steinbichler, drei Männer zwischen Mitte 40 und 50, ein wenig jünger, als Anne Franks Vater war, als er verzweifelt versuchte, seine Familie zu retten. Seine Frau Edith, die ältere Tochter Margot und Anne, die so atemlos darauf wartete, unabhängig zu sein. „Das halte ich nicht aus, wenn so auf mich aufgepasst wird“, schrieb sie am 1. August 1944. Es war ihr letzter Tagebucheintrag.

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