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Ihr zweiter Auftrag lässt sie zögern: Shu Qi als Nie Yinniang.
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Ihr zweiter Auftrag lässt sie zögern: Shu Qi als Nie Yinniang.

„The Assassin“

Schwertkampf bei Kerzenschein

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Der taiwanesische Kunstfilmer Hou Hsiao-Hsien hat ein Genre erneuert: „The Assassin“ sieht von den ersten Bildern an aus wie ein Stück Filmgeschichte.

Die ersten Bilder sind schwarzweiß und klassisch in den Proportionen. Das gute alte 4:3 ist ein Format, das kaum ein Filmemacher mehr benutzt seit auch die letzten Röhrenfernseher von den Besitzern verstoßen an der Straße stehen. In den fernöstlichen Kampfkunstfilmen war das Format schon in den 70er Jahren aus der Mode. Als man im Hongkong der frühen 70er damit begann, Schwertkämpfe zu schwerelosen Choreografien zu erheben, bot vielmehr das Breitwandformat den Akteuren einen besonderen Vorteil: Man sah weniger von den dünnen Schnüren, die sie hielten. So erscheinen die ersten Szenen von „The Assassin“ auf eine irreale Art historisch. Der Film wirkt wie ein Klassiker, den es niemals gab. Ob er diesen Anspruch halten kann und selbst einmal zu einem solchen wird?

Hou Hsiao-Hsien, der taiwanesische Filmkünstler, der sich zuletzt mit der Ästhetik des frühen Stummfilms auseinandersetzte, schreibt Genre-Geschichte im doppelten Wortsinn. Auch wenn er sich erstmals im „Wuxia“, dem Schwertkämpferfilm, versucht, schlägt er dabei eine Brücke zurück zum melancholischen Glamour des chinesischen Stummfilms, der im Shanghai der frühen 30er Jahre die schönsten Liebesmelodramen hervorbrachte. Und er zäumt das Genre gleichsam von hinten auf: Bei der Romantik seiner lyrischen Tradition, nicht bei der Dynamik seiner Kampfszenen.

Ein leichter Wind beseelt in dieser Eröffnungsszene eine sommerliche Landschaft, deren Schönheit allein die Dunkelheit des Dialoges trübt. Im China des neunten Jahrhunderts erhält eine Attentäterin gleich zwei tödliche Aufträge. Den ersten erledigt sie so schnell wie der Wind, der in den Blättern rauscht. Doch vor dem zweiten hält sie inne: Als sie ihr Opfer zärtlich mit seinem Kind spielen sieht, zeigt sie sich gnädig. Sehr zum Unmut ihrer Mentorin, die ihr erklärt: „Du musst erst töten, was er liebt, dann den Mann selbst.“

Nun ist das Bild farbig geworden, aber das ist eine Untertreibung. Hou Hsiao-Hsien schwelgt in tiefen Blau- und Rottönen, doch seine Lieblingsfarbe ist das flackernde Kerzenlicht. In den Innenaufnahmen wird es im Gesicht der schönen Mörderin zum Goldglanz antiker Tempelstatuen. Keine Frage, dieser Film ist auch eine Liebeserklärung eines Regisseurs an seine Hauptdarstellerin, Shu Qi ist die Lebensgefährtin des Filmemachers.

Wer das chinesische Kino liebt, für den ist „Wuxia“ ein Zauberwort. Es war die alte Erzähltradition um im Schwertkampf versierte Helden und Heldinnen, die insbesondere im Hongkong-Kino Genre und Kunst verschmelzen ließ: Hinter deutschen Titeln wie „Das Goldene Schwert des Königstigers“ und „Ein Hauch von Zen“ entdeckten Eingeweihte schon in den 70er Jahren eine irreale, märchenhafte Schönheit. In Hongkongs neuer Welle der Achtziger wurden die Reize schwelgerisch ausgespielt in Werken wie „A Chinese Ghost Story“ oder den „Swordsman“-Filmen. Auch Wong Kar-wai inspirierte das im chinesischen Kulturraum bis heute überaus beliebte Genre zu einem frühen Meisterwerk, „Ashes of Time“. Was also könnte man ihm noch hinzufügen?

Hou-Hsiao Hsien entscheidet sich erst einmal für das Weglassen des Erwartbaren. Vermutlich ist seine Vorlage aus dem siebten Jahrhundert in ihrem Kulturkreis so berühmt, dass man sie kaum erzählen muss: Die Rächerin wird an den Hof eines Fürsten geschickt, um die politische Ordnung wiederherzustellen. Da sie diesem Mann jedoch einst zur Heirat versprochen war, bevor man sie ins Kampfkunst-Kloster schickte, lässt sie der Auftrag innehalten. Zugleich wird sie Zeugin weiterer Intrigen, die sie an ihrer Rolle als Erfüllungsgehilfin fremder Pläne zweifeln lassen. Kaum etwas davon wird jedoch direkt thematisiert. Es ist allein der nuancierte Stimmungsgehalt, der diesen unausgesprochen hörbaren inneren Monolog erzählt.

Berühmt für einen Stil langer Plansequenzen, in denen minimale Aktionen eine ungeheure Präsenz gewinnen, macht der Regisseur die Interieurs und Landschaften zu Protagonisten. Die vielleicht schönste Szene spielt in einem mit Seidenstoffen geschmückten Palastraum bei Kerzenschein. Eine wabernde Unschärfe lässt darauf schließen, dass die Szene durch einen Gaze-Stoff gefilmt wurde. Der Effekt ähnelt dabei einem Stummfilm, dessen Schönheit in Auflösung begriffen ist.

Hou Hsiao-Hsien ist nicht der erste Autorenfilmer, der dem Wuxia-Genre einen Besuch abstattet. Doch während Ang Lee („Tiger and Dragon“) oder Zhang Yimou („Hero“) ihren Ruhm im Westen dazu nutzten, das Erbe der chinesischen Erzähltradition mit internationalen Blockbuster-Konventionen zu verheiraten, verweigert er sich allen Konzessionen. Ebenso wenig unterwirft er das Sujet einem aufgesetzten Kunstfilmstil. Hou Hsiao-Hsien scheint es eher darum zu gehen, den emotionalen Unterbau zum Vorschein zu bringen, der dem Genre immer eigen war, aber selten ganz zur Geltung kam. Schließlich gehört das Konzept romantischer Liebe zum literarischen Erbe der Ming-Dynastie, in der die großen Wuxia-Romane geschrieben wurden. Auch wenn das imposante Filmplakat der Rächerin vielleicht falsche Erwartungen an einen großen Actionfilm weckt: Auf seine ureigene Art hat Hou Hsiao-Hsien nicht nur einen Film gedreht, der von seinen ersten Bildern an wie ein Stück Filmgeschichte aussieht. Er ist selbst ein neuer Klassiker geworden.

The Assassin. Regie: Hou Hsiao-Hsien. Taiwan/China/Hongkong/Frankreich 2015. 105 Min.

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