Zu den wichtigsten Themen am Talkshow-Abend gehörte unter anderem die Ausbreitung der Schweinegrippe.
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Zu den wichtigsten Themen am Talkshow-Abend gehörte unter anderem die Ausbreitung der Schweinegrippe.

Plasberg und Kerner

Schweinegrippe dominiert Talkshows

  • Judith v. Sternburg
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In Sachen Schweinegrippe sind sich Plasberg und Kerner einig: Es ist das Top-Thema des Abends. Elf von 30 Prozent der Grippemedikamenten lagern in den nördlichen Ländern. Blöd, wenn man Flensburger ist. Von Judith von Sternburg

Nachdem neulich bei Beckmann noch eine Aids-Expertin zum Thema Grippeansteckung improvisieren musste, haben sich die Sender inzwischen präpariert. Gestern Abend wurde die Schweinegrippe erst durch Frank Plasbergs "Hart aber fair" (ARD) und direkt im Anschluss durch die Talkshow von Johannes B. Kerner (ZDF) gejagt.

Bei Plasberg ging es beispielsweise ausführlich um die Frage, wieso in Nordrheinwestfalen Grippemedikamente für 30 Prozent der Bevölkerung gelagert werden, in den nördlichen Bundesländern indes nur für 11 Prozent. Alle anwesenden Experten fanden das nicht gut. Es ist auch gewiss nicht gut. Dennoch sollte darauf hingewiesen werden, dass eine Situation, in der 30 Prozent der Bevölkerung erkrankt wären, nicht unmittelbar bevorsteht. Oder 11 Prozent. Der Wissenschaftsjournalist Werner Bartens tat das auch, fand aber wenig Gehör. Ist ja auch ein Ding: 11 bis 30 Prozent! Was soll da werden, wenn man Flensburger ist?

Bei Plasberg waren fünf vernünftig wirkende Personen versammelt, die sich gut auskennen, ständig unterschiedlicher Meinung waren und im Zusammenspiel mit dem Moderator kein tolles, aber gut informiertes Hin und Her an Warnung und Entwarnung fabrizierten. Während der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Johannes Löwer, das Medikament Tamiflu für überschätzt und die eilige Einnahme für problematisch hält, hat der Berner Immunologe Beda Stadler es bereits daheim. Wie die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn, die aber nur, weil ihr Mann es beigeschafft hat. Experten sind auch nur Menschen.

Immerhin wissen sie, dass es sinnvoll ist, in den Arm zu niesen statt in die Hand. Dass 20 Sekunden (später im ZDF: 30 Sekunden) Händewaschen mit Seife ausreicht, bei jeder Temperatur (später im ZDF: bei warmem Wasser). Dass es wichtig ist, die Zahl der Infizierten so gering wie möglich zu halten (o ja, das kommt uns auch wichtig vor!). Besorgten Anrufern, die vermutlich fleißig Plasberg geguckt hatten, wurde schließlich noch versichert, dass sie in Deutschland aber getrost in den Mai tanzen können.

Bei Kerner wurden, sofern Kerner jemanden aussprechen ließ, was diesmal bisweilen der Fall war, zwei interessante Fragen beantwortet. Die eine: Wieso sind aus Mexiko, als noch nicht 2000 Menschen angesteckt waren, bereits 100 Infizierte abgereist und in anderen Ländern aufgetaucht? Rolf Horstmann vom Hamburger Tropeninstitut kann daraus nur schließen, dass in Mexiko bereits weit mehr Menschen krank sind. Das aber heißt, dass die Sterblichkeit bei Schweinegrippe keineswegs bei den bisher berechneten circa acht Prozent liegt, sondern viel niedriger.

Themawechsel

Die andere Frage hat ehrlich gesagt nichts mit der Schweinegrippe zu tun. Aber auch wir können getrost das Thema wechseln, weil alles gesagt ist. Nur der bayerische Staatsminister für Gesundheit, Markus Söder, wurde hier ausnahmsweise einmal übersprungen. Er sagte, es gelte wachsam, aber auch besonnen zu sein, jetzt wissen Sie`s. Also: Der Schauspieler Axel Milberg wollte wissen, wie eigentlich die Telefonjoker bei "Wer wird Millionär" untergebracht sind. Der Physiker und Fernsehjournalist Ranga Yogeshwar, der damit Erfahrung hat, konnte gerade noch hervorbringen, man sei einfach zu Hause, in der Kürze der Zeit könne man nichts googeln oder nachschlagen, bevor Kerner ihn dann doch unterbrach.

Der Schweinepest folgte also ein Marmeladentoast-Herunterfall-Test mit Yogeshwar (Kerner schob nicht, sondern schnippte, was das Ergebnis verfälschte). Dann das sich heiter vermarktende Ehepaar Milberg. Und dann - o Dramaturgie der Talkshow - der ehemalige Todeskandidat Ray Krone. Erst nach zehn Jahren Haft sahen die Gerichte seine Unschuld für endgültig bewiesen an. Derzeit reist er durch Deutschland und wirbt gegen die Todesstrafe. Er erzählte von den ihn betreffenden Justizpannen. Eine heftige Geschichte und dabei keine spektakuläre Ausnahme. Krone, lernte man, war 2002 der 100. Ex-Todeskandidat in den USA, der als unschuldig entlassen wurde. Staatliche Hilfe stand ihm übrigens nicht zu, da er seine Strafe ja nicht abgesessen hatte. Die Angst vor einer Katastrophe ist das eine, die Angst vor dem normalen Desaster im System das andere.

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