Peppy (Bérénice Bejo) tröstet sich mit Georges Mantel.
+
Peppy (Bérénice Bejo) tröstet sich mit Georges Mantel.

"The Artist"

Schweigen ist Gold

„The Artist“: Ein Stummfilm in Schwarzweiß feiert die Liebe zum Kino – und die zum alten Hollywood.

Von Philipp Bühler

Der Film, über den alle reden, ist stumm. Das ist schon der erste Witz. Ganz so, als ließe sich nur das besprechen, was von sich aus nichts sagt, hat „The Artist“ einen Trubel ausgelöst, der über das übliche Brimborium von drei Golden Globes und zehn Oscar-Nominierungen hinausgeht. Ein Stummfilm in Schwarzweiß – das ist plötzlich eine ungeheuer laute Botschaft, vielleicht sogar eine Kampfansage an das moderne 3D-Effektkino, das eigentlich niemandem mehr etwas sagt. Selten allerdings dürfte eine Provokation so heiter ausgefallen sein.

Und wie man das Film-Business kennt, wird der Geniestreich des in Paris geborenen Regisseurs Michel Hazanavicius als ulkiges Unikat in die Filmgeschichte eingehen und als solches auch wieder daraus verschwinden. Wahr ist aber auch, dass dieser französische Hollywood-Film nicht nur durch die Form provoziert, sondern Hollywood in listiger Umarmung auch an die Größe erinnert, die es einmal hatte.

Der Mythos von der Traumfabrik – mit den alten Zeiten lebt er wieder auf in „The Artist“. Einfach aufs Studiogelände getrippelt, ein Augenklimpern hier, ein Foxtrott da – schon ist Peppy Miller (Bérénice Bejo), das Mädchen von nebenan, beim Film. So ähnlich hat F. Scott Fitzgeralds „Letzter Tycoon“ seine große Liebe kennen gelernt.

Es ist das Jahr 1927, der Schriftzug Hollywoodland prangt noch über der Stadt, mit allen dreizehn Buchstaben, von denen sich damals die Starlets stürzten, wenn es mit der Karriere doch nicht klappte. Doch für Peppy geht es nur bergauf. Der von ihr angebetete Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin) hingegen fällt tief. Es hat mit einer „neumodischen“ Technik, mit dem jungen Tonfilm zu tun, dem er sich aus künstlerischer Noblesse oder auch purer Selbstgefälligkeit nicht beugen will.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold – mitten in Hollywoods Goldenem Zeitalter war das mit einem Mal nicht mehr wahr.

Nostalgie auf Texttafeln

Die Legende vom plötzlichen Karrieretod eines Stars durch den Ton kennt viele Gegenbeispiele, aber der Regisseur Hazanavicius denkt in großen Linien. Vielleicht ist sein George Valentin – gleich den internationalen Stars jener Zeiten von Pola Negri bis Emil Jannings – einfach des Englischen nicht mächtig; vielleicht wirkt sein Stil auch so passé wie der von Douglas Fairbanks, dem der Hauptdarsteller Jean Dujardin mit schnurrbärtigem Mantel-und-Degen-Charme so herrlich nacheifert. Vor allem aber ist George Valentin ein Modernisierungsverweigerer, wenn man so will: ein Nostalgiker.

Und das ist in dieser an Nostalgie kaum zu überbietenden Schnurre schon der nächste Witz. „Warum redest du nicht?“ fragt die säuerliche Ehefrau, aus ganz anderen Gründen. Weil wir uns hier über Texttafeln unterhalten, deshalb.

Neuere Stummfilm-Imitate geraten meist zur schlauen Fingerübung oder zur Parodie. Michel Hazanavicius triumphiert, weil er beide Risiken nicht scheut. Penibel ist er in der Ausführung.

Die perfekte Ausstattung, die weichen Grautöne und das aus der Mode gekommene, fast quadratische 4:3-Format seines selbstredend kratzerfreien „Silver screen“ – was ist schwarzweiß doch für ein hässliches Wort! – erlauben zu sagen: So nah wird ein modernes Publikum dem Erleben eines „echten“ Stummfilms nie mehr kommen. Von Ludovic Bources grandioser Musik ganz zu schweigen.

Im Detail allerdings ist jede Spielerei erlaubt. Eine Oscar-Nominierung für Uggie, den bezaubernden Hund im Film, wurde bereits gefordert. Mit kleinen Toneffekten foppt Michel Hazanavicius, der den historischen Bruch gar nicht verschleiern, sondern im Gegenteil bewusst machen will, immer wieder das Publikum.

Effekte á la Charlie Chaplin

Aber genauso agierten Charlie Chaplin oder René Clair in ihren ersten Tonfilmen! Und am meisten beeindruckt doch, bei aller Freude am Spiel, mit welch heiligem Ernst der Franzose die spezifische Sprache des Stummfilms, und damit seine Magie auf die Leinwand bannt. Jene Szene etwa, in der Bérénice Bejo als Peppy dann Valentins seelenlos dahängenden Mantel umarmt und ihn sich damit zum Liebhaber macht, kann man sich in einem heutigen Film einfach nicht vorstellen. Man spürt in solchen Momenten die ums mindestens Dreifache gesteigerte Emotionalität des stummen Bildes – und ja, auch einen Verlust.

Im Grunde erzählt Michel Hazanavicius die gesamte Geschichte des Stummfilms in einer einzigen: Sie beginnt mit dem Slapstick und entwickelt sich zum ausgewachsenen Drama. Noch 1929 gewann F.W. Murnaus Trauerballade „Sunrise“ drei Oscars. Nicht dass „The Artist“ sich damit messen wollte, Oscar-Nominierungen hin oder her. Das Gefühl jedoch, dass dieser erste große Medienwechsel eine Kunst auf ihrem Höhepunkt erwischte – diesen unleugbaren Allgemeinplatz nimmt man beschwingt mit nach Hause.

Die Welt gehört nun mal nicht den Murnaus, Chaplins und von Stroheims, und auch keinem George Valentin. Sie gehorcht den Filmproduzenten – John Goodman wird in diesem Film nie so genannt, er sieht einfach wie einer aus – und ihrem Diktat der Innovation. Auch wenn sie davor selbst, zumal in Zeiten der Wirtschaftskrise, den größten Bammel haben.

Für hundert äußerst vergnügliche Minuten, die für den Stummfilmfan genauso ergiebig sind wie für den Laien, dreht „The Artist“ das Rad der Zeit noch einmal zurück. Alles auf Anfang – wenn gar nichts mehr läuft, kann die alte Filmmaxime nicht schaden.

The Artist Frankreich 2011. Drehbuch & Regie: Michel Hazanavicius, Kamera: Guillaume Schiffman, Darsteller: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Joel Murray, Missi Pyle u.a.; 100 Minuten, Schwarzweiß. FSK ohne Angabe.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare