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Eva Melander als Tina, die gar nicht weiß, wie geheimnisvoll sie ist.

„Border“

Schwarzer Sommernachtstraum

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Der aus dem Iran stammende Filmemacher Ali Abbasi hat in Schweden einen phantastischen Thriller gedreht: „Border“.

Gutes phantastisches Kino gibt es nicht ohne ein besonderes Gespür für die Wirklichkeit. Es verortet das Übernatürliche an der Grenze zum Natürlichen und rückt so auch das Unglaubliche in die Sphäre der Vorstellbarkeit. Die besten phantastischen Filme beschreiben Grenzgänge, und es ist sicher kein Zufall, dass das Genre während des Zweiten Weltkriegs unter Migranten in Hollywood besonders aufblühte. Und ebenso wenig scheint es ein Zufall, dass es heute ein Comeback erlebt: Im Schatten jeder Leitkultur-Debatte entstehen neue Grenzen und Bilder für Fremde.

Der aus dem Iran stammende und in Dänemark ausgebildete Filmemacher Ali Abbasi hat diesen Film nach einer Geschichte des Schriftstellers John Ajvide Lindqvist, dem Autor von „So finster die Nacht“, an der schwedischen Küste gedreht. „Grenze“, „Border“, so lautet der programmatische Titel der Geschichtensammlung.

Die Protagonistin Tina ist eine Grenzschützerin, tatsächlich aber lebt sie selbst außerhalb der Gemeinschaft, die sie schützen soll. Die von Eva Melander mit schwerer Maske gespielte Frau beschreibt sich selbst als „hässlichen, merkwürdigen Menschen mit einem Chromosomenfehler“. Das Kino ist nicht unbedingt eine Kunst, die zum diskreten Wegschauen verleitet; und wie so oft, wenn begabte Schauspieler mit entstellendem Make-up agieren, gewöhnt man sich recht schnell an ihren merkwürdigen Anblick. Je weiter uns dieser Film in seinen Bann zieht, desto faszinierender wird ihre Erscheinung.

Diese Tina hat eine besondere Begabung, auf die ihre Kollegen offenbar schon seit Jahren wie selbstverständlich vertrauen. Sie kann Nervosität, Anspannung oder Angst riechen und somit Schmuggler identifizieren. Man fragt sich, ob es für eine so ungewöhnliche Begabung keinen bedeutenderen Wirkungsort gibt als das Küstenstädtchen Kapellskär.

Immerhin fordert nun ein Kriminalfall von überregionaler Bedeutung, der etwas unvermittelt in die Geschichte einbricht, ihre besonderen Kräfte: Ein Kinderpornoring, vor dem selbst Babys nicht sicher sind, bringt das Unheimliche, das der Film bis dahin kunstvoll aufgebaut hat, recht unsanft in die Wirklichkeit. Während wir mit der Protagonistin noch nach den Gründen ihrer besonderen Natur suchen, schickt uns der Film erst einmal auf einen Ausflug in nordische Krimi-Konvention. Der Abstecher allerdings erweist sich für die weitere Geschichte so unwichtig wie ein Hitchcock’scher „MacGuffin“ – es ist nur ein Handlungselement ohne tiefere Bedeutung.

Ein wichtigerer Handlungsstrang gibt sich bald zu erkennen. Bei einer ihrer Grenzkontrollen begegnet die Frau einem Reisenden aus Finnland von ihr ähnlicher Physiognomie. Ungewöhnlich ist auch sein Reisegepäck – Vorrichtungen zum Brüten von Insekten, offenbar seinem Reiseproviant. Der Finne Eero Milonoff verkörpert den unheimlichen Fremden mit dem Selbstbewusstsein eines Untergrundkämpfers. Er erzählt Tina von der verborgenen Existenz ihres unterdrückten Volkes und macht ihr ihre Integrationsleistung zum Vorwurf.

Abermals wirft dieser ungewöhnliche Genrefilm eine weitere Haut ab und ändert seine Gestalt: Nun wird ein leidenschaftlicher Liebesfilm auf den Spuren David Cronenbergs daraus – mit Sexszenen, die die Grenzen des Humanoiden ein Stück weit überwinden. Wenn die beiden Liebenden nackt durch die Wälder trollen, überhöht dies der bildkräftige Filmemacher Ali Abbasi zu einem Sommernachtstraum von irrealer Schönheit.

Dachte jemand, der Titel „Border“ hätte mit der Bezugnahme auf die besondere Begabung der Heldin und den schwedisch-finnischen Grenzverkehr bereits sein gesamtes Bedeutungsspektrum erreicht? Ständig werden weitere Grenzen überwunden, ästhetisch wie inhaltlich.

Das folgende Kapitel beschreibt eine sexuelle Selbstfindung, ein weiteres die politische. Mit Stolz repräsentiert dieser Mann eine Minderheit, von der Tina nicht wusste, dass sie aus mehr als ihrer eigenen Person besteht. Wird sich ihre eigene Selbstverortung innerhalb der Mehrheitsgesellschaft ändern? Der traumhafte Tanz, den der Film bis zu diesem Zeitpunkt beschrieben hat, erfährt noch einmal eine Drehung, eine tragische Drehung, orchestriert als dramatisches Crescendo.

Das schwedische Kino hat eine wunderbare Geschichte im Phantastischen, die von Stummfilmen wie „Fuhrmann des Todes“ bis zu Bergmans „Das siebte Siegel“ reicht. Kunstvoller konnte eines der schönsten Kinogenres kaum seine Rückkehr feiern.

Border. Schweden / Dänemark 2018. Regie: Ali Abbasi. 110 Min.

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