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Ein Bussi für den glücklichen Sieger: Diane Kruger und Fatih Akin.

Golden Globes

Schwarz ist das neue Rot

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Die Golden Globes zeigen sich kämpferisch und in Aufbruchstimmung ? und Fatih Akin erhöht seine Oscar-Chancen beträchtlich.

Hollywood hat eine unnachahmliche Art mit Krisen umzugehen. Es zieht sich fein an. „Orange is the New Black“ heißt eine bekannte Gefängnisserie, bei der Golden-Globe-Verleihung am Sonntagabend hielt man es lieber gleich mit schwarz. Kaum einer der prominenten Gäste, der sich nicht an den dress code des Protests gegen sexuelle Gewalt und die Unterdrückung von Minderheiten in der Filmindustrie gehalten hätte.

Frauen posierten in schwarzen Designer-Roben, und viele der Männer, die sowieso in Schwarz gekommen wären, trugen unter dem Smoking zusätzlich ein schwarzes Hemd. Und Männer, deren Namen auf den Listen der #MeToo-Bewegung wegen Vorwürfen sexueller Gewalt stehen, blieben selbstredend zu Hause – selbst wenn sie mit nominierten Produktionen zu tun hatten.

Pixar-Gründer John Lasseter zum Beispiel, der sich eine sechsmonatige Auszeit wegen, wie er selbst sagt, „Fehltritten“ („missteps“) im Umgang mit weiblichen Angestellten genommen hat. Die von ihm mitverantwortete Produktion „Coco“ gewann dennoch verdient den Golden Globe als bester Animationsfilm. „Bei Pixar haben wir nun Schritte unternommen“, erklärte der prämierte Regisseur Lee Unkrich. „Wir werden es zu einem noch besseren Ort machen, an dem Leute Kunst schaffen können.“

Die Schauspielerin und Moderatorin Oprah Winfrey, die für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, erinnerte daran, wie sie als Mädchen 1964 erlebte, dass Sidney Poitier als erster Afroamerikaner einen Oscar für die beste schauspielerische Leitung bekam. Sie hielt eine Rede nicht nur gegen Armut, sondern auch gegen Rassismus und für Gleichberechtigung. „Zu lange wurde Frauen nicht zugehört oder ihnen nicht geglaubt, wenn sie es wagten, die Wahrheit über die Macht dieser Männer auszusprechen“, sagte die 63-Jährige. „Aber diese Zeit ist vorbei. Ihre Zeit ist vorbei.“ Die Wahrheit auszusprechen, sei die mächtigste Waffe. Winfrey, die viele US-Bürger gerne im Weißen Haus sähen, lobt die Medien, denen Präsident Donald Trump immer wieder die Verbreitung von Falschnachrichten vorwirft.

Eine filmische Aufarbeitung der Debatte um sexuelle Gewalt steht unterdessen noch aus; der einzige nominierte Film, der nach der Hollywood-Formel des klassischen „rape revenge“-Thrillers gestrickt ist, kam aus Deutschland.

Fatih Akin ist es mit seinem von den NSU-Morden inspirierten Thriller „Aus dem Nichts“ nicht nur gelungen, dem wohl schlimmsten Rassismus- und Polizeiskandal der jüngeren deutschen Geschichte ein Mahnmal zu setzen. Er hat Hollywood auch mit den eigenen Mitteln imponiert. Man tritt seinem Film nicht zu nahe, wenn man sagt, seine politische Bedeutung rangiere über der künstlerischen. Aber dann ist da ja auch noch eine dritte Qualität, und die gilt in Hollywood weit mehr als in Cannes, wo nur Hauptdarstellerin Diane Kruger einen Preis erhielt: Das ist der Unterhaltungswert in der gekonnten Anwendung klassischen Filmhandwerks.

Dass Akins Film nun gegen den nominierten Cannes-Gewinner „The Square“ diesen so wichtigen Filmpreis gewonnen hat, wird man auch bei den Oscars nicht überhört haben. Erst am 28. Januar wird die Akademie ihre Nominierungen bekanntgeben, aber Akins Name gilt spätestens jetzt als gesetzt.

Weniger noch als die Oscars gelten die Golden Globes als Kunstpreise. Und was nicht erfolgreich ist, hat hier schon gar keine Chance. Die wohl modernste Fernsehserie der Saison, David Lynchs neues „Twin Peaks“, tauchte nur in einer Kategorie auf: Aber auch Hauptdarsteller Kyle MacLachlan, der mit seiner Mehrfach-Besetzung Fernsehgeschichte schrieb, ging – gegen Ewan McGregor in „Fargo“ – leer aus. Dafür erlebt Filmpartnerin Laura Dern gerade mit fünfzig den zweiten Karrierefrühling. Ihr Golden-Globe-Gewinn für ihre Serienrolle im Thriller „Big Little Lies“ ist wohl nur die erste weithin sichtbare Anerkennung ihrer erstaunlichen kreativen Blüte. Und noch eine andere Schauspielerin hat einen neuen Gipfel ihrer Karriere erklommen, allerdings indem sie ins Regiefach wechselte: Greta Gerwig, die mit ihrer Komödie „Lady Bird“ gewann, gilt ebenfalls als Oscar-Favoritin.

Ja, man konnte wenig nörgeln an diesen Golden Globes. Auch den Gewinner in der Kategorie „bestes Kinodrama“ umweht ein bei solchen Veranstaltungen selten gespürter unabhängiger Geist. Es ist „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, der rabenschwarze Krimi, den Autorenfilmer Martin McDonagh einer der größten Charakterdarstellerinnen der Gegenwart auf den Leib schrieb, der ebenfalls prämierten Frances McDormand. Was als Protest gegen sexuelle Gewalt begann, endete als Feier weiblicher Kreativität.

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