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Charles Schumann bei der Premiere des Dokumentarfilms „Schumanns Bargespräche“ im Arri Kino in München

„Schumanns Bargespräche“, Bayerisches Fernsehen

Der Cocktail-Papst lebt abstinent

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Eine Dokumentation begleitet den Münchner Barbesitzer und Werbefilmdarsteller Charles Schumann in bekannte Cocktailbars in aller Welt.

Dem Titel nach hätte es sich bei dieser Sendung um eine neue Gesprächsreihe handeln können. Ein weiterer Seiteneinsteiger im einvernehmlichen Austausch mit Menschen seiner Kaste – das braucht die Welt nun wirklich nicht, und sie bleibt auch – vorerst? – davon verschont. Der 77-jährige Münchner Barbesitzer Charles Schumann, obgleich Gastgeber von Beruf, wäre auch kaum der Richtige für diese Rolle. 

Schumann macht eine gute Figur, wenn er für Werbefilme gebucht wird, sei es für Herrenbekleidung, Duftwässerchen, Büromöbel. Als sei er direkt einem dieser Reklameclips entstiegen, schreitet er für die Kamera von Dokumentarfilmerin Marieke Schroeder durch New York, Havanna, Tokio, Paris. Gespräche führt er dort eher nicht, insofern lenkt der Filmtitel in eine falsche Richtung. 

Schumann sitzt im Bild, wirkt unausgeschlafen und nur mäßig interessiert, wenn Inhaber oder Mitarbeiter berühmter Bars von ihrer Philosophie erzählen, die eine oder andere Anekdote zum Besten geben und den Besucher rühmen, dessen 1991 erschienenes Rezeptbuch „American Bar“ weltweite Verbreitung gefunden und offenbar viele Barbetreiber inspiriert hat. Wobei Schumann selbst die Cocktails gar nicht nach Rezept, sondern rein nach Gefühl mischt.

Axel Milberg rezitiert

Nicht der einzige Widerspruch in diesem Film. Die Autorin hat zum Lobe Schumanns einige Zeitgenossen versammelt, den Journalisten Claudius Seidl, den Schriftsteller Maxim Biller. Der attestiert dem anwesenden Herrn Schumann, jener liebe die Kreativen, und das spüre man. Etliche Filmminuten später gesteht Schumann vor Pariser Fachpublikum: „I hate people.“ 

Die Diskrepanz bleibt unaufgelöst, wie so vieles unerklärt bleibt in diesem 97-minütigen Film. Der Protagonist Schumann wird als bekannt vorausgesetzt. Kein Wort über seinen kurvenreichen Werdegang, dafür viel Wohlwollen seitens seiner Mitarbeiter und einiger Kollegen. Aus dem Off rezitieren Profis, darunter Axel Milberg, Texte, die vermutlich von Schumann stammen. Man weiß es nicht und wird auch nicht informiert.

Ein „Cocktailhistoriker“ informiert

Laut Ankündigung des Senders begibt sich Schumann auf die „Suche nach der perfekten Bar“. Gezeigt werden das „Dead Rabbit“ in New York, das „El Floridita“ in Havanna, das „High Five“ in Tokio, die „Hemingway Bar“ in Paris. Warum die Wahl auf diese Edelkneipen fiel, erschließt sich nicht. Der New-York-Besuch ist noch leidlich informativ. 

Die Bar wird von den Mitarbeitern gleichberechtigt und ohne Chef geführt, der „Cocktailhistoriker“ Ted Haigh weiß – ein niederländisches Bier in Reichweite – ein paar interessante Dinge beizutragen, unter anderem, dass der Trend von den Bars in Großdiskotheken in jüngster Zeit zurückging zu den intimeren Lounges bis hin zur traditionellen Nachbarschaftsbar. In New York zumindest. Da hätte sich angeboten, mal zu erörtern, ob es in Deutschland korrespondierende Erscheinungen gibt.

Die ideelle Ware Lebensart

Aber mit journalistischen Fragestellungen hält sich hier niemand auf. Es gibt viele schöne Bilder, Charles Schumann vor exotischer Kulisse, Cocktailrezepte werden eingeblendet. In Tokio fungiert Schumann als Juror bei einem Barkeeper-Wettbewerb, dessen Regeln ebenfalls unerklärt bleiben, und er besucht die dortige „Schumann‘s Bar“, die sich offenbar in einer verwahrlosten Nebenstraße befindet. Kein Vergleich mit dem luxuriösen Original in München. 

Barbetreiber, das immerhin deutet sich an, sind Lebenskünstler, Exzentriker, siedeln alle etwas außerhalb des Bürgertums, von dem sie andererseits materiell zehren, indem sie dessen Vertretern etwas vorgaukeln: die Zugehörigkeit zu künstlerischen, intellektuellen, bohemistischen Kreisen, ein bisschen Jet-Set-Lebensart, die Aufnahme in eine alkoholgetränkte Subkultur. Wer nach diesem Nimbus heischt, wird an diesem Film Vergnügen finden. Schumann selbst übrigens meidet Hochprozentiges.

„Schumanns Bargespräche“, Mittwoch, 27.2., 22:45 Uhr, Bayerisches Fernsehen

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