1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Die Schrecken der Schönheit

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

Der Ozean wurde zum Massengrab in Zeiten der Pinochet-Diktatur. Szene aus dem Film "Der Perlmuttknopf".
Der Ozean wurde zum Massengrab in Zeiten der Pinochet-Diktatur. Szene aus dem Film "Der Perlmuttknopf". © RealFiciton/dpa

Mit seinem neuen Film „Der Perlmuttknopf“ setzt Patricio Guzmán den verschwundenen Ureinwohnern Chiles ein Denkmal.

Chile“, sagt Filmemacher Patricio Guzmán, ist ein Land, das sein Meer nicht liebt.“ Es seien die Höhen, nicht die immense Pazifikküste und die unzähligen Inseln, mit denen sich seine Nation identifiziere. So wurde auch um die Ausrottung der indigenen Wasservölker kaum Aufhebens gemacht. In seinem Filmessay „El Botón de Nàcar“ („Der Perlmuttknopf“) gibt er den letzten von ihnen eine Stimme, bringt eine Sprache zum Erklingen, die nur noch zwanzig Menschen sprechen. In diesem raren Wortschatz hat es nie Begriffe gegeben für Gott und Polizei.

Als Guzmáns Film im vergangenen Februar als einziger Dokumentarfilm im Wettbewerb der Berlinale lief, übertraf er auf bescheidene Art die Wirkungsmacht der meisten Spielfilme. Wer seinen vorangegangenen Filmessay kennt, „Nostalgie des Lichts“, ist mit der Form vertraut. Behutsam nimmt der 74-jährige Exil-Chilene den Zuschauer mit auf die Reise, lockt ihn in traumhafte Fluten, bis sich das Wasser in der Vorstellung blutig färbt. Von den etwa 1500 Mordopfern, die Pinochets Schergen während der Diktatur aus Hubschraubern warfen, ist nur noch ein winziges Relikt geblieben: Ein angespülter Perlmuttknopf, heute ein Museumsstück.

Die Leinwand unserer Vorstellungskraft

Wenn Katell Djians Kamera über die sonnenglänzenden Wellen gleitet, die landschaftliche Vielfalt einer Küstenlandschaft feiert, die sich mit Vulkanen und eisigen Gletschern schmückt, entstehen Tableaus von tragischer Schönheit. Wie ein Barockmaler erreicht es Patricio Guzmán, unserer Schaulust zugleich den Boden zu entziehen, indem er ihr Ewigkeitsversprechen mit der Todesthematik bricht. Und die Leinwand unserer Vorstellungsfähigkeit bespielt mit Bildern, die wir uns selbst vom Schrecken machen müssen.

Dann zeigt Guzmán existierende Bilddokumente der aussterbenden Wasservölker Patagoniens, und wieder ist ihnen eine tragische Schönheit eingeschrieben. Es sind Schwarzweiß-Aufnahmen der Fotografin Paz Errazuriz, die in den neunziger Jahren aufgenommen wurden.

Mit seiner behutsamen Stimme erzählt der Filmemacher Geschichten von den Opfern des Kolonialismus. Menschen wie Jemmy Button aus Tierra del Fuego, der 1830 nach England gebracht wurde, um „zivilisiert“ zu werden. Bei seiner Rückkehr hatte er seine Identität verloren.

Die Verschwundenen, von denen das letzte Drittel des Films erzählt, kamen dagegen nicht zurück: Unterstützer des abgesetzten Präsidenten Salvador Allende oder wer sonst dem Militärregime suspekt war. Wieder ist es die Macht der Vorstellung, die uns zu Zeugen ihres Leidens macht, schonungslos ist die Beschreibung ihrer Torturen in der Off-Erzählung. Der Ozean wurde zum Massengrab für 12 000 bis 14 000 „desaparecidos“.

Man kann vielleicht sagen, dass der Film die Bildhauerei ersetzt hat als bevorzugtes Medium für Denkmäler. Es ist Guzmáns Gabe, die Wunder der Schöpfung ohne Pathos zu feiern und zugleich auf die Tyrannei zu verweisen; so hat er nicht nur einen weiteren bedeutenden Film über seine chilenische Heimat gedreht. Der Weltschmerz, von dem er erzählt, ist universell.

Der Perlmuttknopf. Dokumentarfilm. Frankreich/Chile/Spanien 2015. Regie: Patricio Guzmán. 82 Min.

Auch interessant

Kommentare