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Toni Erdmann auf einer überüppig bepflanzten Dachterasse vor der wild wuchernden Skyline von Bukarest.

"Toni Erdmann"

Schräg, dieser Blick

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Die kapitale Rolle der Architektur, die in der kapitalismuskritischen Komödie "Toni Erdmann" nicht etwa eine Nebenrolle spielt, ist bisher zu wenig gewürdigt worden.

Schon mal „Toni Erdmann“ gesehen?

Etwa diesen Film, der vor dieser komischen Tür eines Reihenhäuschens beginnt?

Eben den, mit dieser Allerwelthaustür am Anfang. Verschlossen wie sie ist, lässt sie einen Paketzusteller klingeln. Geht die Tür für den Mann davor auf, wird dieser von dem Mann in der Tür hingehalten – Moment, ist das Paket womöglich adressiert an den komischen Bruder?
Eine unangenehme Szene!

Kann man wohl sagen, die sich der Hausbewohner mit dem Paketboten erlaubt, ausgerechnet mit einem so prekär wie immerzu hektisch Beschäftigten. Rasch wird klar, der Hausherr ist ein Spaßvogel, der im Haus verschwindet, um bei der Rückkehr den Bruder zu doubeln. Noch rascher kann man, während man über den lächerlich verkleideten Doppelgänger lacht, allerdings glatt übersehen, wie dürftig der Hauseingang ist, daneben zwei Mülleimer sowie ein Fahrrad. Nicht zu vergessen, wenn man schon mal dabei ist, genauer hinzuschauen, ein Besenstil.

Vor der Haustür: eine irgendwie peinliche Szene. Und nicht nur das, der Hauseingang selbst ist ziemlich peinlich. So beginnt ein Film, der vor etwas mehr als einem Jahr bei den Festspielen von Cannes    Weltpremiere hatte, zur Leinwand-Legende wurde (und zu einem DVD-Verkaufsschlager auch). Aber bei allem, was ihm nachgesagt worden ist, ist der gute „Toni Erdmann“ wohl noch etwas mehr.

Ernsthaft?

Auf jeden Fall bei allem, was ihm bis heute sehenden Auges nachgesagt wurde, ist doch übersehen worden, wie sehr Maren Ades schräge Tragikomödie auch ein abgrundtiefböser Architekturfilm ist, angefangen mit der ersten Szene.

Schon die erste Einstellung in „Toni Erdmann“ zeigt einen Hauseingang im 45-Grad-Winkel, total ungünstig. Diese Perspektive ist sozusagen stilbildend für den Film, worüber das Banale seine äußert ungünstige Ausstrahlung behält. Schaut man dann im Laufe der fast 160 Minuten hin, ist es die Architektur, die überhaupt nicht gut abschneidet, die Inneneinrichtung so wenig wie die Außenarchitektur.

Die gebaute Umwelt zeigt sich nicht als nettes Einfamilienhäuschen, sondern als Behausung der schnöden Art. Gebautes baut sich auf zur beunruhigenden Großstadt, aber Vermurkstes zeigt sich auch als Dorf. Das Hässliche hat reichlich Platz noch in der kleinsten Hütte, und bei der Hütte bleibt es nicht. Noch das mondäne Appartement ist ein Ort durchrationalisierter Öde.

Mit der Tragikomödie wird die Geschichte des Musiklehrers Winfried erzählt, der sich mit 65 aufmacht nach Rumänien, um seine Tochter Ines aufzusuchen, eine Karrierefrau, die sich dem Raubtierkapitalismus mit Haut und Haaren hingegeben hat. Das blasse und zarte Persönchen ist eine kompromisslose Unternehmensberaterin, Sandra Hüllers Businessfrau ist ununterbrochen tough. Wenn sie einmal lachen muss, ist ihr die rausgerutschte Gefühlsregung peinlich.

In der Lobby des Unternehmens überrascht der Vater die Tochter, und sie ist eine sachliche Bewegungsfläche, vor allem gemessen an der deutschen Einfamilienhausidylle, die zuvor, noch bevor sich Winfried aufmachte, als eine vollgestopfte Bleibe gezeigt wurde. Keine vier heimeligen Wände, die dieser Film aufsucht, die nicht horrend übermöbliert werden, ob in Deutschland oder dann auch in Rumänien. Es gibt die eine Ausnahme, und das ist das Appartement der Ines, ein durchgestylter Single-Unterschlupf, den sich die Einsame mit einem monumentalen Fernseher und einen monumentalen Bett teilt.

Wo auch immer Vater und Tochter hinkommen, schaut die Regie zwei verlorenen Kreaturen zu. Sie verlieren sich in Gesellschaftsräumen von Hotels, die irgendwie auf einen komischen Neo-Feudalismus getrimmt worden sind. Ob die Stores aber dazu passen?
Wen interessiert das schon.

Der Baldachin über der Hotelvorfahrt zitiert irgendwie ein barockes Treppenmotiv.

Der Baldachin mit einem Treppenmotiv?

Weiter!

Hinter der Rezeption der Hotellobby werden Werbefilmchen durch lächerlich üppige Bilderrahmen gerahmt. Die Geschäftswelt feiert im „Da Vinci“, sie räkelt sich durch eine polierte Parallelwelt, mit Onyx verkleideten Wänden und mit Vasen, so groß wie römische Amphoren. Alles, was nach mehr aussehen soll, macht einen ungeheuer taktlosen Eindruck.

Wie sehr diese Parallelwelt eine künstliche Welt ist, zeigt sich, sobald die smarten Protagonisten des Marktradikalismus vor die Tür treten, auf schlecht asphaltierten Gehwegen, in tückischen Schlaglöchern. Der öffentliche Raum zeigt sich krass unterfinanziert.

Die Leinwand, auf der Ines ihre radikalkapitalistischen Strategien präsentiert, ist vor einem Bürofenster heruntergelassen. Durch den Spalt, der freibleibt, geht der Blick vage über Bukarest. Der schweifende Blick wird zur Landnahme. Vieles an architektonischem Elend zeigt sich in dem Film völlig beiläufig – im Anschluss an die Präsentation, während Ines’ Blick die Hauswand gleichsam hinabstürzt, zeigt sich am Fuße des Firmensitzes ein Slum.

Es lohnt sich, ein wenig länger darüber nachzudenken, inwieweit Maren Ades „Toni Erdmann“ eine Wirtschaftswunderkomödie der bitteren Art ist. Durch die ehemalige sozialistische Metropole Bukarest lärmen Taxis, gelbfarben wie in New York. Die Kamera schwenkt über post-sozialistische Fassaden wie über potemkinsche Kulissen. Das Humankapital, das die Premiumunternehmensberater aus dem Westen im Entwicklungsland der New Economy rücksichtslos repräsentieren, verschafft sich auf einer überüppig bepflanzten Dachterrasse einen Überblick über die Stadt Bukarest als Beute.

Immer wieder nutzt „Toni Erdmann“ die gebaute Umwelt als Monumentalhintergrund. Zur Metamorphose der Stadt, die hinter der Autoscheibe mit ihren Protzbauten der Ceausescu-Epoche vorbeizieht, gehört eine Shopping-Mall, die größte Europas. In ihr stehen die Dependancen der globalen Boutique-Ketten glitzernd Spalier. Gleißend auch, wie ebenfalls ganz kurz zu sehen, die Schlittschuhfläche. Im krassen Gegensatz zu den cleanen Verkehrsflächen der halböffentlichen Mall stehen die verlotterten Grünanlagen, durch die Toni Erdmann, als wüstes Ungetüm verkleidet, tapert.

Zur Metamorphose des Vaters gehörte die Verwandlung in Toni Erdmann, die radikale Veränderung in ein Alter Ego, schillernd, ein wenig unheimlich auch. Wenn sich in den hektischen Businesswelten Peter Simonischeks Toni Erdmann als falscher Berater ausgibt, dann durchschaut die Figur Toni Erdmann als einziger sein falsches Spiel als Falschspielerei. Unter einer überüppigen Perücke, in einem schlecht sitzenden Anzug und mit hervorstehendem Gebiss betreibt er Hochstapelei unter Hochstaplern. Im Ambiente einer sterilen Bar zieht er vor den Augen der konsternierten Tochter eine Show als Coach ab, im Milieu von Businessmenschen, deren Gesichter von den Geschäften versteinert worden sind, ist seine Maske keine starre, sondern das einzige lebendige Gesicht.

„Toni Erdmann“ ist ein Film großer Schauspielergesichter! Marmorgemeißelt das Gesicht der Ines. Nur ja die Fassade wahren; dagegen fallen die Architekturen schwer aus der Rolle. Vor der Fensterfront ein erstes, wollüstiges Geknutsche zwischen Ines und ihrem Kollegen, der quick ihr Lover sein möchte. Im Hintergrund, zum Hotelfenster hinaus, eine Front aus Häusern mit Fassaden, die Architekten als Lochfassaden bezeichnen.

Der Film legt nahe, dass die Kulissen weit mehr als nur ein vager Hintergrund sind. Im öffentlichen Raum hat die Gleichgültigkeit in den Grünanlagen verbrannte Erde hinterlassen. Außerhalb der Stadt eine ruinierte Landschaft. Eine weggebrochene Hausfront lässt eine Ruine zurück, sie steht an der vordersten Front zu den Ölfeldern, die die Natur ruiniert haben. Es gehe schließlich um Modernisierung, und dass diese über Menschen hinweggeht, macht Ines unmissverständlich klar, wenn sie ihren Vater anfährt: „Wie soll man das modernisieren, wenn du dir schon bei einem einzigen Entlassenen in die Hose machst?“

Keine fünf Minuten vorher war es so, dass Toni Erdmann in seiner Not unter einem Baum die Hosen heruntergelassen hatte, doch von selbstlosen Menschen geholfen wurde. So sitzt er in einer armseligen Hütte, seufzend auf einem geschlossenen Klodeckel, darauf ein Raubtierkopf.
Erdmann ist in dieser Raubtierkapitalismuskomödie derjenige Mensch, der sich in seiner Haut nicht wohl fühlt. Das macht ihn zum Clown. Deshalb, immer wieder, die Metamorphosen eines Mannes, der sehr dünnhäutig ist, auch wenn er sich wie ein Dickhäuter durch die Welt bewegt. Simonischeks komischer Toni Erdmann ist ein todtrauriger Verwandlungskünstler in einer Welt, in der die dritte Haut des Menschen, die gebaute Umwelt, nicht unangenehmer sein könnte.

Es kommt aber noch etwas hinzu. Für die Beerdigung der Mutter und Oma versammeln sich die Angehörigen, zu erreichen ist die Kapelle über einen Hinterhof. An der Kopfseite des Andachtsraums, direkt hinter dem Sarg, ist es eine Fototapete, die Trost und Transzendenz in der Natur verspricht. Dann, nach der Trauerfeier, finden Vater und Tochter den Keller der Verstorbene als Rumpelkammer vor.

Wie das halt so ist.

Ja, sie wird für Ines zur Requisitenkammer.

Dem Vater entnimmt sie aus dessen Brusttasche das Scherzgebiss, dem überquellenden Schrank einen alten Hut. Jetzt verkleidet auch sie sich. Vor die Kellertür tretend, will sie aus ihrer Haut und gerät in einen vollkommen verwilderten Garten. Bäume und Sträucher wuchsen den Bewohnerin in dem Film ständig über den Kopf. Natürlich kann man das Ende auch ganz anders verstehen – aber auch so, dass es nicht das erste Mal das Wachstum ist, mit dem die Menschen überhaupt nicht fertig werden.

Ja, riesige Wachstumsraten allerorten. So kommt es in dem Film immer wieder dazu, dass das wuchernd Wüste dem Menschen zur zweiten Natur geworden ist.

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