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Schraders „She Said“ im Kino: Zwei Frauen gegen das Weinstein-Kartell

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Von: Daniel Kothenschulte

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Megan Twohey (Carey Mulligan), Jodi Kantor (Zoe Kazan) and Rebecca Corbett (Patricia Clarkson) in „She Said“.
Megan Twohey (Carey Mulligan), Jodi Kantor (Zoe Kazan) and Rebecca Corbett (Patricia Clarkson) in „She Said“. Jojo Whilden/Universal Pictures © Jojo Whilden/Universal Pictures

Maria Schraders meisterhafter Enthüllungsthriller „She Said“ ist schon jetzt ein Klassiker unter den Journalismus-Filmen.

Es ist schwer, sich den Fall Weinstein kondensiert zu zwei Kinostunden vorzustellen. Irgendwann wird es sicher so einen Film geben, vielleicht auch eine lange Streaming-Serie. Vielleicht wird dann jemand darüber schreiben: „eine Weinstein-Abrechnung im Weinstein-Stil“. Und darin, vielleicht sogar mit Genugtuung, etwas Unvermeidliches bestätigt sehen: Hat Hollywood nicht schon immer auch seine schlimmsten Skandale früher oder später in Filmstoffe gegossen?

Auch wenn in wohlmeinenden amerikanischen Kritiken bereits frohlockt wird, Weinstein habe nun bekommen, was er verdiene – sein Schicksal verewigt im Stil eines rechtzeitig zur Oscar-Kandidatur fertiggestellten Qualitätsfilms, wie sie die Spezialität seines „Miramax“-Imperiums waren –, Maria Schrader, das sei vorab verraten, hat einen solchen Film nicht gedreht, sie hat es nicht einmal versucht. Es ist eben kein formelhaft-emotionalisierendes, sondern ein imponierend konzentriertes und manchmal fast semidokumentarisches Drama.

Der Hollywoodproduzent, gespielt von Mike Houston, ist lediglich eine Nebenfigur im letzten Akt. Man sieht nur seinen Hinterkopf, wenn er verzweifelt versucht, aufzuhalten, wovon der Film bis dahin erzählt hat: die journalistische Enthüllung eines Systems aus Wirtschaftsmacht und sexuellen Übergriffen. Wie die Chefredaktion der „New York Times“ fasst auch die Regisseurin den schäbigen kleinen Mann nur mit spitzen Fingern an. Würdig nicht mal einer Großaufnahme, wäre eine prominente Schurkenrolle viel zu viel der Ehre. Statt eines Weinstein-Films drehte Schrader einen Film über die Frauen, die ihn zu Fall brachten. Eine kluge Entscheidung.

Schraders bei seiner Premiere beim New York Film Festival im vergangenen Oktober gefeiertes Hollywood-Debüt „She Said“ ist ein klassischer Recherche-Thriller. Deutlich orientiert am berühmten Watergate-Film „Die Unbestechlichen“, sind die Tatorte der Verbrechen nur Nebenschauplätze. Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist eine Zeitungsredaktion, und zwei Journalistinnen sind ihre Heldinnen. Und schon an dieser Stelle ahnt man, was diesen Film auch in der Filmgeschichte zu etwas Besonderem macht. Wie in der Wirklichkeit sind es eben nicht quirlige männliche Draufgänger, wie sie Robert Redford und Dustin Hoffman als Bob Woodward und Carl Bernstein verkörperten, sondern zwei Frauen, deren Mut und Beharrlichkeit zum Erfolg führten – Megan Twohey und Jodi Kantor, gespielt von Carey Mulligan und Zoe Kazan. Gemeinsam mit Ronan Farrow, der unabhängig von ihnen für den „New Yorker“ über Weinstein recherchierte, erhielten die Journalistinnen den Pulitzer-Preis.

Twohey kam schon für eine frühere Recherche über die sexuellen Übergriffe eines Prominenten zur Zeitung, einem Präsidentschaftskandidaten namens Donald Trump. Der ließ es sich nicht nehmen, die schwangere Journalistin mit einem seiner rüpelhaften Anrufe zu „beehren“. Mit dieser Vorgeschichte skizziert Schrader den zeithistorischen Kontext ihrer Geschichte: Es gab eine Zeit vor #MeToo und eine danach. Wenn man sich erinnert, kann man den Unterschied genau bemessen – am Grad der zuvor noch mangelhaften Aufmerksamkeit.

Als die Investigativjournalistin Kantor von der Redaktion mit Recherchen über Missbrauchs-Gerüchte über Weinstein beauftragt wird, stößt sie schnell an Grenzen: Mutmaßliche Opfer wollen nicht zitiert werden, weil sie um ihre Karrieren fürchten. So wendet sie sich an Twohey, um zu erfahren, wie sie es schaffte, Opfer zum Sprechen zu bringen. Fortan arbeiten sie als Team.

Das bewundernswerte Drehbuch von Rebecca Lenkiewicz lässt uns alle Stationen der weltweiten Recherche der beiden Frauen nacherleben und behält stets den roten Faden. Zugleich ist da eine emotionale, aber eben nicht emotionalisierende Perspektive, die früheren Zeitungsdramen fehlt – von der Depression, unter der Twohey nach ihrer Schwangerschaft leidet, bis zu dem quälenden Zwiespalt von Opfern, die sprechen wollen, aber nicht dürfen. Tatsächlich decken die Journalistinnen die Systematik auf, mit der Weinstein seine Opfer mit Geld und Knebelverträgen mundtot machte. Im ehemaligen Miramax-Finanzvorstand John Schmidt (John Mazurek) finden sie schließlich den Schlüssel: einen Zeugen, der an keine Schweigevereinbarung gebunden ist.

Filme aus dem Pressemilieu sind fast ein eigenes Genre in Hollywood. Es hat genug Klassiker hervorgebracht, dass das Festival Locarno dem Thema 2004 eine eigene Retrospektive widmete. Früh gab es dort auch Heldinnen, etwa in Howard Hawks’ Screwball-Comedy „Sein Mädchen für besondere Fälle“ oder in George Stevens’ Komödie „Die Frau, von der man spricht“ mit Katharine Hepburn und Spencer Tracy.

Tatsächlich waren unabhängige, berufstätige Frauen im klassischen amerikanischen Kino die Ausnahme, aber der Journalismus hatte einfach zu viele bedeutende Reporterinnen hervorgebracht. So wurde dieses Milieu im Film gerne genutzt, um Geschichten über moderne, selbstbestimmte Frauenfiguren zu erzählen. Dennoch blieben es meist Geschichten aus männlicher Perspektive. Künftig wäre keine solche Retrospektive komplett ohne Maria Schraders Film „She Said“: Keine Sekunde lässt sie ungenutzt, um uns zu bieten, was in der Zeit endloser Netflix-Serien so rar geworden ist: punktgenaues Erzählen ohne jeden Anflug von Weitschweifigkeit. Tugenden des Journalismus, wie sie schon Hawks in eine passende filmische Form übertragen hat.

In einem nächsten Schritt könnte man das Bild erweitern: auf hierarchische Wirtschaftsstrukturen im Allgemeinen und ihre Anfälligkeit für Sexismus und Missbrauch. Aber das geht darüber hinaus, was ein einzelner Film leisten kann. Es ist Zeit, auch dort, wo eine noch größere Wirtschaftsmacht herrscht als in einem Studio für Arthouse-Filme, missbräuchliche Strukturen aufzudecken: in den großen, börsennotierten Konzernen. Aber das ist eine andere Geschichte, die wiederum große Filme inspirieren könnte. Erst einmal sind wir dankbar für diesen: einen Triumph für Maria Schrader, diese große Regisseurin, die endgültig ein weltweites Publikum erreicht.

She Said. USA 2022. Regie: Maria Schrader. 129 Min.

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