Tilda Swinton in "I am Love".
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Tilda Swinton in "I am Love".

Tilda Swinton in "I Am Love"

Das schönste Stück in seiner Sammlung

  • vonMichael Kohler
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Ein Triumph der Komposition und der Musik: Luca Guadagninos meisterliches Melodram „I Am Love“. Tilda Swinton hat im Laufe ihrer Karriere schon oft Unnahbare gespielt. Doch bislang hat ihr niemand, auch nicht Derek Jarman, eine passendere Bühne geboten.

Gleich mit den ersten Bildern zeigt uns Luca Guadagnino, dass uns nicht nur ein Film erwartet, sondern eine Komposition. Zu den eisigen Klängen von John Adams ziehen Monumente der Mailander Architektur vorbei, stumme Zeugen einer unnahbaren Pracht, die sich im Inneren der Recchi-Villa nahtlos fortsetzt. Diskrete Diener bereiten die Ehrenfeier des Patriarchen vor und scheinen sich dabei durch Gemälde zu bewegen. Beim Eintreffen Edoardo Recchis löst sich die gespannte Ruhe in eine Choreografie familiärer Rituale auf. Gemessenen Schrittes versammeln sich die Hauptpersonen des Dramas um den gedeckten Tisch.

Obwohl nur noch Gast im eigenen Haus, nimmt der gebrechliche Patriarch die Kopfseite des Tisches ein. An den Seiten sitzen seine Söhne mit ihren Frauen, die erwachsenen Enkel und deren Partner komplettieren das in zeitlose Eleganz gegossene Familienbild. Huldvoll und eine Spur missbilligend nimmt Edoardo das selbstgemachte Geschenk des Nesthäkchens entgegen: Statt eines Gemäldes gibt es eine gerahmte Fotografie; ist es wirklich nötig, derart mit der Zeit zu gehen? Schließlich erhebt sich der Alte, um seine Nachfolge zu regeln. Er überlässt seinem Sohn Tancredi die Geschäfte, was alle erwartet hatten, und gießt anschließend einen kräftigen Schuss Gift in den Wein, indem er dessen Sohn Edo ebenfalls zu seinem Nachfolger ernennt. Es ist ein Misstrauensvotum, das Guadagnino auf die ganze Familie ausweitet. Mit jeder Einstellung wird die Ahnung greifbarer: Die Tage der Recchis sind gezählt.

Ein italienischer Regisseur, der seinen Film mit einer opulenten, in gedeckte Farben gehaltenen Familienszene beginnt, weiß, worauf er sich einlässt. Zu den Recchis fallen einem unweigerlich die Corleones aus „Der Pate“ und die Salinas aus Luchino Viscontis Klassiker „Der Leopard“ ein. Es sind Vergleiche, die sich schon deswegen aufdrängen, weil „I Am Love“ sie nicht zu scheuen braucht. Luca Guadagninos Inszenierung steht der üppigen Eleganz Viscontis kaum nach; zugleich ersetzt er dessen sozialistischen Subtext durch aktuelle Motive. Ihm geht es um die Auswirkungen der wirtschaftlichen Globalisierung und um Geschlechterfragen. In der Konsequenz sind sich beide Filme aber wieder erstaunlich ähnlich: das Alte muss dem Neuen weichen oder untergehen.

In der opulenten Eröffnungsszene ist alles noch so streng gefügt wie die Tischordnung der Recchis. Danach öffnet sich der Film für die einzelnen Familienmitglieder: Edo kommt ins Bild, schön und enthusiastisch, geradezu das Ideal der Jugend, und deswegen der erklärte Feind des kalten Pragmatismus, für den sein Vater und letztlich auch sein Großvater stehen. Das Nesthäkchen Elisabetta erlebt ihr lesbisches Coming-Out und Emma, beider Mutter, blickt eines Tages in den Spiegel und übersieht zum ersten Mal die Gitterstäbe ihres goldenen Käfigs nicht.

Luca Guadagnino erzählt in „I Am Love“ eine im Grunde zu Tode erzählte Geschichte neu: die der reichen Industriellenfamilie, die an ihrer Gefühlskälte zerbricht. Nachdem der greise Patriarch ins Grab gesunken ist, drängen Unglück und Selbstverleugnung an die Oberfläche, und auch das Erbe, eine edle Textilfirma, wirkt plötzlich nicht mehr so strahlend rein. Beinahe unmerklich dringt die Erkenntnis durch die frischen Brüche. Am härtesten trifft es die von Tilda Swinton gespielte Emma. Nur ihr leichter Akzent erinnert noch an ihre russische Herkunft, ansonsten hat sie sich praktisch gehäutet und erfüllt ihre aristokratische Rolle in gespenstischer Perfektion. Erst als Emma aufgeht, dass sie das schönste Stück in Tancredis Kunstsammlung ist, erinnert sie sich wieder an ihre Wurzeln. Bald darauf lässt sie sich auf eine Affäre mit dem besten Freund ihres Sohnes ein.

Tilda Swinton hat im Laufe ihrer Karriere schon oft die Unnahbare, oder besser: den scheinbar erloschenen Vulkan gespielt. In „I Am Love“ wird ihr Auftritt zum Triumph, weil ihr bislang niemand, auch nicht Derek Jarman, eine passendere Bühne bot. Guadagninos Melodram ist ein Meisterwerk der Komposition. Letztere beginnt bei den vielsagenden, oft geradezu abschreckend schönen Bildern und endet bei der ungewöhnlichen Musikauswahl. Der gesamte Score speist sich aus Stücken von John Adams, einem der bedeutendsten Komponisten der Moderne. Sein heißkalter Minimalismus fasst die Beziehungen der Figuren in eine Stimmung, für die es im Film weder angemessene Worte gibt noch geben kann.

I Am Love, Regie: Luca Guadagnino, Italien 2009, 119 Minuten.

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