Der Film- und Theaterregisseur Christoph Schlingensief nach der Aufzeichnung der Sendung "Beckmann".
+
Der Film- und Theaterregisseur Christoph Schlingensief nach der Aufzeichnung der Sendung "Beckmann".

"Beckmann"

Die Schönheit des Schritt für Schritt

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
    schließen

Schlingensief spricht bei Beckmann über eine Auswirkung seines Krebsleidens: Sein neues Verhältnis zur Zeit. Doch in Wahrheit findet er sich nicht ab mit der Verminderung seines Tempos, sagt Arno Widmann

Christoph Schlingensief hat Lungenkrebs. Seit 15 Monaten weiß er es. Jetzt ist von ihm bei Kiepenheuer und Witsch das Buch erschienen: " So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung". Gestern abend war er in Reinhold Beckmanns Sendung im Ersten. Eine Chemotherapie hat Schlingensief hinter sich, der Lungenkrebs wurde gestoppt. Allerdings hat Schlingensief die linke Lunge an ihn verloren.

Nun nimmt Schlingensief unterschiedlichste Medikamente, macht auch eine Mistel-Therapie und hat sich verlobt. Er hat ein anderes Verhältnis zur Zeit, sagt er. Ruhe, Natur spielen jetzt eine Rolle. Er hat nicht mehr das Gefühl, dauernd bei allem dabei sein, alles kommentieren zu müssen. Jetzt kann er auch aufstehen und sagen: Ich bin müde. Macht weiter. Ich gehe jetzt ins Bett. Sagt Schlingensief.

Zu seinem neuen Verhältnis zur Zeit gehört, dass Schlingensief jetzt heiraten möchte. Zu diesem Prozess der Verlangsamung gehört auch, dass er nicht sofort heiratet, sondern dass er und seine Freundin sich erst einmal verlobt haben. Schlingensief der Springer propagiert die Schönheit des Schritt für Schritt.

Aber er propagiert sie nur. Er redet so schnell wie er immer geredet hat. In seine Sätze ist keine Ruhe gekommen und seine Assoziationen springen so behänd wie sie es immer schon taten. Er nennt mehr die Wörter als dass er die Dinge, die sie bezeichnen, sich und uns klarmachen wollte. Die Geschwindigkeit, mit der er in hastigen Atemzügen von Ruhe, Natur, Angst, Schock, Sinnlosigkeit, vom arbeiten und rausgehen spricht, ist noch die alte. Wenn er sagen möchte, dass er jetzt in der Lage sei, das bloße Dasein erfahren zu können, sagt er erst einmal: "Ich habe eine andere Schnelligkeit". Da hat sich sein Vokabular noch nicht seiner Erkenntnis und wahrscheinlich auch noch nicht seiner Lage angepasst.

Aber das ist auch nicht wünschenswert. Zu den schönsten der vielen schönen von Martin Walsers Meßmers Gedanken gehört der, dass man einem Menschen nicht vorwerfen sollte, dass er nicht tut, was er für richtig hält. Tun kann man nur, was man kann. Denken lässt sich viel mehr. Wäre es nicht schrecklich, wir wären in unseren Gedanken beschränkt auf das, was wir zu tun in der Lage sind?

Christoph Schlingensief liebäugelt mit der Entdeckung der Langsamkeit. Er tut es notgedrungen. Sein Körper entzieht sich ihm. "Meine Freundin hat schon das ganze Kaufhaus durchstöbert, während ich noch an der Eingangstür stehe". Aber es bleibt beim Liebäugeln. In Wahrheit will er sich nicht mit der Verminderung seines Tempos abfinden. Ein Blick auf seine Website zeigt, was er sich alles für die kommenden Monate vorgenommen hat.

Wie will er das schaffen, angefressen vom Krebs? Es ist ja auch eine paradoxe Situation, ausgerechnet dann, wenn man mit der doch sehr überschaubaren Endlichkeit des eigenen Lebens konfrontiert ist, kürzer treten zu sollen. Man hat doch noch einiges vor. Dazu kommt: die Ansprüche an die eigene Leistung, an die Relevanz dessen, was man tut, werden durch die Krankheit enorm gesteigert. So Kräfte raubend die Arbeit einerseits ist, andererseits ist sie ein Lebenselixir: "Arbeit brauche ich, sonst bleibe ich depressiv im Bett", sagt Schlingensief. Er betrachtet den Tumor nicht als einen Teil von sich. Er will keinen Vertrag mit ihm schließen. Er will den Tumor vernichten. Mit Liebe und Arbeit. Mit der Heirat und mit dem Terminkalender.

www.schlingensief.com

Kommentare