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Für die Schönsten im Land ist das Modelgeschäft ein Haifischbecken (siehe Hintergrund).

Filmfestival Cannes

Schönheit ist nicht alles

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Endspurt in Cannes: Xavier Dolan und Nicolas Winding Refn enttäuschen, doch niemand so sehr wie Sean Penn.

Im Festivalendspurt sind Maren Ades Chancen auf einen Gewinn der Goldenen Palme nicht geringer geworden. Haushoch führt ihr deutscher Beitrag ?Toni Erdmann? in den Kritikerumfragen, während das Festival eine Enttäuschung nach der nächsten vom Band lässt. Dennoch würde wohl kein Cannes-Veteran im Kritiker-Schreibzimmer sein Rückflugticket auf ihren Sieg verwetten, denn Ades größter Konkurrent ist immer noch der Aberglaube: „Sie gewinnt schon deshalb nicht, weil die Favoriten nie gewinnen“, ist sich ein Kollege sicher. Entsprechend zwiespältig klingen die Prognosen dieser Abergläubischen, schließlich will man die Chancen der wenigen guten Filme durch Lob nicht weiter schwächen.

Wer schon mal nicht gewinnt, ist Sean Penn, an dessen Geschmackssicherheit als Regisseur erstmals gezweifelt wurde, als er einen Kurzfilm in Erinnerung an den 11. September 2001 drehte. Nach dem Einsturz der Twin Towers findet darin die Topfblume eines Anwohners endlich wieder genug Licht zum Wachsen. In „The Last Face“ verbindet Penn nun Versatzstücke des romantischen Arztfilms mit einem um Realismus bemühten Kriegs- und Flüchtlingsdrama. Es beginnt mit einer Gala zugunsten von Ärzten in Kriegsgebieten.

Ein Sinfonieorchester spielt, während eine Künstlerin mit Sand das Bild eines weinenden afrikanischen Kindes auf eine Leinwand zaubert, das zum Schlussakkord schon wieder lächelt. Man wartet darauf, dass der Film auf Distanz geht zu diesem Elendskitsch, doch Sean Penn scheint damit nicht zu hadern. Wenig später freut sich in einem Flüchtlingscamp eine Ärztin darüber, wie ausgelassen ein Mädchen tanzt, das doch so schwer vergewaltigt wurde.

Musikalisch untermalt von Hans Zimmer, spätestens seit dem „König der Löwen“ ein Spezialist im Verbinden afrikanischer Rhythmen mit europäischem Pathos, findet 132 Minuten lang nichts zusammen. Charlize Theron spielt eine Ärztin, die sich im Bürgerkrieg von Sierra Leone in einen von Javier Bardem verkörperten Kollegen verliebt. Gerne möchte man in diesem Macho-Realisten, der seiner Geliebten, wie diese später dankbar bekennt, ins wahre Leben einführt, eine Hemingway-Figur sehen, doch das wäre eine Beleidigung für Hemingway. Vielleicht glaubt Penn, man könne den Saccharin-Appell von Misereor-Plakaten afrikanischer Kinderporträts neutralisieren, indem man an anderer Stelle genug Leichenbilder zeigt. Doch was immer er zeigt, es ist immer noch Platz für eine banale Sentenz über die Macht der Liebe oder jene Rätsel, die ein schönes Gesicht aufgibt. Und Hans Zimmer spielt Klavier dazu. Politische Hintergründe bleiben ungenannt, es ist ganz egal, wann und wo gerade geliebt und gestorben wird. Einmal fängt ein afrikanischer Chor an, ein Lied zu singen, doch Penn entdeckt im Schneideraum, dass ihm der Song „Peace Train“ von Cat Stevens dann doch besser gefällt.

Als französische Koproduktion dürften wirtschaftliche Interessen dazu beigetragen haben, „The Last Face“ in den Wettbewerb zu heben. Ebenso scheint das Boulevard-Interesse an der romantischen Verbindung zwischen Regisseur und Hauptdarstellerin diesen Missgriff diktiert zu haben. Immer wieder machen Filmfestivals solche Fehler, die sich dann augenblicklich rächen. In diesem Fall in einer Pressevorführung, bei der Penns fraglos wohlmeinendes Scheitern auf Hohngelächter traf. Man hätte diesem Film durch eine Absage mehr geholfen.

Da bewegten sich die Enttäuschungen der letzten Tage auf anderem Niveau. Xavier Dolan und Nicolas Winding Refn gehören zu den wenigen Autorenfilmern des Weltkinos, deren Werke man auf keinen Fall verpassen möchte – wie auch immer sie dann ausfallen.

Dem Kanadier Dolan gebührt das Verdienst, als einziger darauf bestanden zu haben, einen richtigen Filmprojektor laufen zu lassen. Die tief gesättigten Farben, das milde Licht der 35mm-Anlage waren eine Beruhigung für müde Augen, doch „It’s Only the End of the World“ ist alles andere als ein Weltereignis.

Nach dem autobiographischen Theaterstück von Jean-Luc Lagarce erzählt Dolan von einem jungen Autor (Gaspard Ulliel), der nach langer Zeit zu seiner Familie zurückkehrt, um sie über seine tödliche Erkrankung aufzuklären. Doch dort schlagen ihm nur Entfremdung und die cholerisch vorgebrachten Anfeindungen des Bruders entgegen. Vincent Cassel reißt in dieser Rolle das fast ausschließlich in Großaufnahmen erzählte Kammerspiel an sich, und Dolan mag ihn nicht stoppen. Nathalie Baye, Marion Cotillard und Léa Seydoux, die das prominente Ensemble komplettieren, fügen sich dagegen nur noch ins halbdunkle Dekor. Dolans Markenzeichen, kontrastierend eingesetzte Pop-Songs, haben wenig mehr Eigenwert als eine nachträglich aufgesetzte Signatur.

Dagegen ist Nicolas Winding Refns „The Neon Demon“ ein einziger leuchtender Namenszug des Regisseurs. Alles an dieser Neu-Erzählung des traurigen Märchens um das junge Model, das im Haifischbecken der Modeindustrie von biestigen Konkurrentinnen verspeist wird, ist Stil. Doch Stil ist noch kein Eigenwert, und der Refn’sche nicht einmal ein echter Personalstil: Deutlich inspiriert von Künstlern wie Matthew Barney, David La Chapelle und dem Fotografen und Musikvideoregisseur Terry Richardson übersteigert Refn die ätherische Schönheit von Hauptdarstellerin Elle Fanning zu wächsener Künstlichkeit.

Das Dornröschen aus Disneys ?Maleficent? schickt er zunächst in ein David-Lynch-haftes Alptraum-Los Angeles, dem rettenden Prinzen weist die Heldin gleich selbst die Tür. Ohne ersichtlichen Grund erträgt sie die abgründige Umgebung eines Motels von der Heimeligkeit einer Edward-Kienholz-Installation, das noch dazu von einem sadistischen Hobby-Zuhälter (Keanu Reeves) betrieben wird. Als der angesagteste Mode-Designer der Stadt die Parole ausgibt, Schönheit sei nicht alles, aber das Einzige, stimmt sie bereitwillig zu. Da können auch ihre nicht ganz so hübschen Konkurrentinnen nicht widersprechen – und begegnen ihr mit der gleichen Haltung, die schon Schneewittchens Stiefmutter zur „Schönsten im Land“ einnahm.

Auf all das lassen wir uns in einem schwelgerischen Medium wie dem Kino gerne ein, doch dann wollen wir auch schwelgen. Doch selbst wenn sich Refn auch noch bei David Cronenberg und Dario Argento bedient, widerlegt er seine Aussage doch unfreiwillig selbst: Schönheit ist eben doch nicht alles. Es sei denn, sie ist einzigartig.

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