Die junge rebellische Aya (Assa Sylla).
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Die junge rebellische Aya (Assa Sylla).

"Wohin ich gehe", Arte

Ein schöner Kampf

Eines ist das Biopic der französischen Boxweltmeisterin Aya Cissoko sicher nicht: ein Boxfilm. Vor allem dank hervorragender Darstellerinnen funktioniert der Film als klassisches Melodram ausgezeichnet, zwängt eine außergewöhnliche Lebensgeschichte aber zu sehr in ein konventionelles Erzählkorsett.

Von Franziska Schuster

Der Plot liest sich wie das Handbuch des Drehbuchschreibens. Ein Mädchen mit Migrationshintergrund kompensiert die traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit durch Aggression und Konflikte mit der Mutter. Im Boxsport findet die heranwachsende Frau ein Ventil für ihre Wut, hat dort großen Erfolg, lernt aber erst nach und nach, dass Kämpfe auch außerhalb des Rings gewonnen werden können – wenn man in der Lage ist, die Dinge etwas differenzierter zu betrachten und auch mal Schwäche zu zeigen. Die Botschaft ist so einfach wie plakativ: Du kannst dich durchboxen, wenn du es nur willst.

Dass der dramaturgisch unaufregende, mitunter vorhersehbar und konventionell inszenierte Fernsehfilm dennoch emotional unter die Haut geht, verdankt er der Konzentration auf die Beziehung von Mutter und Tochter. Die arbeitet Drehbuchautor und Regisseur Bourlem Guerdjou so gekonnt aus, dass wir als Zuschauer schnell ganz bei den beiden Frauen sind und ihnen das Auf und Ab ihrer Beziehung unvoreingenommen glauben.

Einen großen Teil tragen die vier Schauspielerinnen dazu bei: Médina Diarra, Assa Sylla und Annabelle Lengronne verkörpern Aya nuanciert und mit großer Präsenz als Kind, Teenager und junge Erwachsene. Vor allem aber leistet Tatiana Rojo als Massiré Cissoko Herausragendes. Jeden Wechsel zwischen Verzweiflung, energischer Härte und Zärtlichkeit spielt sie so überzeugend, dass die oft unsubtilen filmischen Mittel wie mangelndes Vertrauen des Regisseurs zu seinen Darstellerinnen wirken.

Mehr Schaden als Nutzen

Der Film konzentriert sich so sehr auf die Charakterisierung seiner Figuren, dass er mitunter über das Ziel hinausschießt – wie in einer Szene, in der der Anwalt der Familie, die seit Jahren um eine Entschädigung als Opfer des Brandanschlags kämpft, psychologische Gutachten der beiden Protagonistinnen verliest. Diese explizite Benennung von Zwangshandlungen und posttraumatischer Belastungsstörung, die der Film längst etabliert hat, schadet mehr als sie nutzt, weil er die Souveränität untergräbt, mit der Guerdjou die hochemotionale Achterbahnfahrt zwischen Mutter und Tochter erzählerisch umsetzt.

Um den psychologisch ausgereiften zentralen Erzählstrang dekoriert Guerdjou das Leben seiner Protagonistin herum. Schon der dramatische Einstieg – ein rassistisch motivierter Brandanschlag im Pariser Vorort Ménilmontant, der am 28. November 1986 wirklich stattgefunden hat – bleibt oberflächlich, vermeidet jede politische Implikation und dient vor allem als dramaturgisches Instrument, um die Hauptfiguren zu charakterisieren: das achtjährige Mädchen, das bei dem Brand den Vater und eine Schwester verliert, und die aus Mali stammende Mutter, die allein mit drei Kindern zurückbleibt.

Auch die folgenden Ereignisse, in drei Episoden im Abstand von jeweils zehn Jahren erzählt, sind vor allem auf kausal aneinandergereihte Schlüsselszenen eingedampft, in denen bedeutungsschwere Sätze gesprochen werden, noch einmal überdeutlich herausgearbeitet durch die illustrative Musik.

So bleibt die Darstellung der Boxkarriere beschränkt auf Momentaufnahmen, in denen aus skeptischen Trainern Mentoren und Vaterfiguren werden und – gegen Ende – auch mal Schweißtropfen in Zeitlupe durchs Scheinwerferlicht fliegen. Misserfolge treten hier nur in Form der Mutter in Erscheinung, die Aya in unregelmäßigen Abständen den Sport zu verbieten versucht. Bezeichnend: Die drei Weltmeistertitel der realen Cissoko werden im Film zu einem einzigen Höhepunkt zusammengeschmolzen, gewürzt durch die schicksalhafte Verletzung, die die junge Frau sich in Wirklichkeit erst einige Jahre später zuzog.

Verrat an den Vorbildern

Aya Cissoko hat ihre Biografie zusammen mit der französischen Autorin Marie Desplechin aufgeschrieben und dafür den "Grand prix de l'héroïne Madame Figaro" erhalten. Und tatsächlich macht auch Bourlem Guerdjou Heldinnen aus seinen Figuren, vor allem aus Massiré Cissoko, der der Film ein veritables Denkmal setzt. Was man ihm dabei vorwerfen kann, ist eine gewisse Austauschbarkeit. Dass die Handlung einem emotionalen Konzept untergeordnet wird und darüber hinaus in die universelle Botschaft mündet, dass frau alles erreichen kann, wenn sie nur will, kommt bei aller Glorifizierung einem Verrat an den Vorbildern gleich, die zu moralischen Exempeln degradiert werden.

Letztlich glättet der Film die spröde Biografie einer starken und rebellischen jungen Frau zu stark, um ihr wirklich gerecht zu werden. Damit unterhält er, nimmt mit, aber er tut nicht wirklich weh – obwohl er eine extrem schmerzhafte Lebensgeschichte nacherzählt.

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