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Weiß wie Schnee, rot wie Blut ... Kein Märchen ist denkbar ohne zarte Schöne. Stacy Martin als eine junge Frau namens Dora.
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Weiß wie Schnee, rot wie Blut ... Kein Märchen ist denkbar ohne zarte Schöne. Stacy Martin als eine junge Frau namens Dora.

„Das Märchen der Märchen“

Die Schönen und die Tiere

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Mit seinem liebevollen Ausstattungsfilm „Das Märchen der Märchen“ feiert der Italiener Matteo Garrone das handgemachte Kino.

Giambattista Basile war nicht nur Europas erster großer Märchenerzähler, im frühen 17. Jahrhundert war er auch ein gefeierter Theatermacher. Mit dem Auftritt einer Gauklertruppe in einer mittelalterlichen Burg beginnt dann auch Matteo Garrones Verfilmung von Basiles Hauptwerk, der Märchensammlung „Lo cunto de li cunti“, bekannter unter dem Titel „Das Pentameron“. Doch so sehr sich die Mimen auch bemühen, ein Lächeln zaubern sie nicht auf das Gesicht ihrer schönen, von düsterer Melancholie umwehten Königin. Und da sind wir auch schon mitten drin im ersten dieser Märchen innerhalb des Märchens: Es war einmal eine kinderlose Herrscherin, die ihr Glück bei einem Zauberer suchte.

Salma Hayek versieht ihre Rolle mit dem dunklen Glamour der Stiefmutter aus Walt Disneys „Schneewittchen und die Sieben Zwerge“, ohne es freilich mit deren Abgründigkeit aufnehmen zu müssen. Denn alles was das Herz dieser tragischen Figur verfinstert, ist der Kinderwunsch. Aber der Hexenmeister hat für alles eine Lösung.

Ihr von John C. Reilly gespielter königlicher Gatte müsse lediglich in ein nahes Gewässer steigen und das dort ansässige Seeungeheuer töten. Nichts leichter als das. Alsdann sei dessen Herz von einer Jungfrau zuzubereiten. Der Verzehr fülle den Bauch der Königin sodann binnen Tagesfrist mit einem Baby.

Schon früh findet Matteo Garrones Film hier zu seiner schönsten Szene: Widerspruchslos beugt sich der König jenem gnadenlosen Fatalismus, wie er nun einmal den echten Märchen eigen ist. Und das Unglaubliche nimmt seinen Gang, auch wenn der willenlose Herrscher sich zuerst noch einen frühen Taucherhelm aufsetzen lässt, bevor er in die grüne Brühe steigt, wo das arme Untier fast hilflos auf ihn wartet.

Alexandre Desplat, der fleißigste und an guten Tagen beste Filmkomponist der Gegenwart, hat eine rhythmische Zirkusmusik zu diesem Kampf geschrieben. So nimmt er alles Bedrohliche heraus aus dieser Szene, macht ein Fest daraus, bis zum letzten Taktschlag das Biest mit dem Schwanz noch einmal nach dem Drachentöter ausholt, ohne sich freilich retten zu können. Dieser krude Drachenkampf hat den gleichen Puppenzauber, den man an Fritz Langs „Nibelungen“ und Disneys „20.000 Meilen unter dem Meer“ liebte.

Schwer zu sagen, wie viele der fünfzig Märchen nun in diesem Film verwoben sind. Garrone hat auf die ursprüngliche Rahmenhandlung verzichtet und lässt nicht mehr zehn neapolitanische Frauen an fünf Tagen in ihrer Erzählkunst schwelgen. Mit rauen Kanten stehen die Märchen somit gegeneinander, auch wenn sich in ihnen immer wieder die gleichen Motive spiegeln: Das Hässliche begehrt das Schöne, wenn sich eine unattraktive Frau einem liebestollen König nur im Dunkeln nähern will. Oder ein Oger eine Prinzessin zur Frau erhält, weil er als einziger ein Rätsel löst. Hier ist der Herrscher kein Drachentöter, sondern, ganz im Gegenteil, ein fanatischer Tierfreund. Er glaubt, seinen klügsten Untertanen zu finden, indem er die Haut eines Riesenflohs ausstellt und die Spezies erraten lässt.

Vieles kommt einem bekannt vor in diesem märchenhaften Sammelsurium: Das Pentameron gilt als wichtige Quelle für spätere Märchenerzähler wie Charles Perrault oder die Brüder Grimm. Die frühesten Versionen von „Aschenputtel“ oder „Die Schöne und das Biest“ sind hier zu finden. Vor allem aber denkt man bei diesem Film zurück an die besondere italienische Tradition des Märchenfilms, denn jede Filmnation setzte andere Akzente in diesem wunderbaren Genre.

Die Tschechen lieben es bis heute romantisch, die Russen eher pathetisch-abenteuerlich. In der DDR spielte sich immer wieder ein etwas bodenständiger Realismus in den Vordergrund, während im westdeutschen Nachkriegsfilm eher der altbackene Charme von Märchenpark-Dekorationen gepflegt wurde.

Italien aber ist berühmt für die Poesie einer etwas handgemalten Theatralik, wie sie sich in Comencinis wundervoller TV-Verfilmung von Pinocchio ebenso findet wie in Federico Fellinis „Schiff der Träume“. Und, nicht weniger faszinierend, in Pier Paolo Pasolinis seinerzeit unterschätztem „Decamerone“. Und schon der Neorealismus der frühen Nachkriegszeit schuf seine eigenen Märchenfilme wie „Das Wunder von Mailand“ oder „Der weiße Scheich“.

Heute, in Zeiten digitaler Blockbuster, wirkt Garrones noch auf Film gedrehtes Märchenepos auf betörende Weise anachronistisch. Die Theatertruppe des Filmanfangs ist eine schöne Einführung in ein zirzensisches Kino, das sich nicht scheut, sich in die Karten schauen zu lassen. Da werden Originalschauplätze mit Pappmaché veredelt und manches Monster-Makeup könnte aus einem Geschäft für Karnevalsausstattung stammen. Auch wenn die englischen Dialoge jene Ironie vermissen lassen, die man dem neapolitanischen Original nachsagt, steckt doch all dieser erzählerische Überschuss in den Bildern.

„Das Märchen der Märchen“ ist alles andere als ein perfekter Film, aber genau diese Unebenheiten sind das Faszinierende daran. Wenn man mit dem Oger vor der großen Tierhaut steht und dieser sie kennerhaft beschnuppert, kann man die Sinnlichkeit dieses Märchenkinos förmlich riechen.

Das Märchen der Märchen. I/F/GB 2015. Regie: Matteo Garrone. 134 Min.

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