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Schmutziger Lorbeer

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Von: Daniel Kothenschulte

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Channing Tatum in einer Szene von "Foxcatcher".
Channing Tatum in einer Szene von "Foxcatcher". © Koch Media/dpa

Die tragische Ironie des Wirklichen, die Bitterkeit des Selbstbetrugs: Bennett Millers betörendes, verstörendes Sportdrama „Foxcatcher“.

Man muss nicht ein ganzes Leben erzählen, um dessen Relevanz und Bedeutung zu erfassen“, sagte der Filmemacher Bennett Miller im FR-Gespräch, als er seinerzeit seinen ersten Spielfilm „Capote“ auf der Berlinale zeigte. Und er fügte hinzu: „Warum aber sollte man überhaupt einen Film über ein Leben machen und versuchen zu erklären, was genau jemandes Identität ist? Einige Leute sagen, dazu braucht man die ganze Lebensgeschichte. Das finde ich überhaupt nicht.“

Nach „Capote“ und „Moneyball“, der Nahaufnahme des Sportmanagers Billy Beane und seines Assistenten, hat Miller in seinem dritten Spielfilm „Foxcatcher“ abermals ein Filmdrama über reale Personen entwickelt, das wie ein Gesellschaftsporträt anmutet. Diesmal befinden sich drei Personen auf seinem Gemälde, deren Schicksale die US-Medien seinerzeit beschäftigten: der exzentrische Multimillinoär John E. du Pont (Steve Carell); sein Protegée, der olympische Ringer Mark Schultz (Channing Tatum), sowie dessen älterer Bruder und Trainer Dave (Mark Ruffalo), der ebenfalls einmal olympisches Gold gewann.

Nun ist olympisches Ringen selten ein Nachrichtenthema, wie auch den beiden Sportlern, von dem dieser Film erzählt, kein glamouröses Leben beschieden war. Die gewaltigen Schlagzeilen, die ihre Geschichte produzierte, haben entsprechend wenig mit ihrem Sport zu tun. Sie resultieren allein aus den bizarren Ambitionen ihres Förderers, der schließlich einen der beiden ermorden sollte.

Dass diese Schlagzeilen Europa kaum erreichten, soll unserer Schaden nicht sein: Umso unglaublicher wirkt das untergegangene Königreich des John E. du Pont. Von Anfang an erscheint sein fabulöses Anwesen irreal in seiner dekadenten Großzügigkeit. Mark Schultz, der sich zu Beginn des Films einen Motivationsauftritt vor Schülern mit zwanzig Dollar bezahlen lassen muss, trifft das Job-Angebot des Philanthropen und Sportfans du Pont wie ein Geschenk des Himmels. Gern ist er Star und Herzstück eines vom Mäzen persönlich trainierten, selbsternannten Nationalkaders.

Miller widerstand der Versuchung, alle schillernden Facetten seines Gönners auszuspielen, der neben seinen finanziellen Möglichkeiten auch vielfache Begabungen hat: Neben einer kurzen eigenen Sportlerkarriere machte er sich als Vogelkundler mit Standardwerken einen Namen. Als verurteilter Mörder – das ist nicht mehr im Film – hielt er sich gar für den Dalai Lama.

Miller reichen wenige Andeutungen, um das Gewaltpotential und den gefährlichen Patriotismus des Mäzens weit über das Thema hinaus wirken zu lassen.

„Foxcatcher“ nannte du Pont seine Riege starker Männer, die er auf seinem Anwesen aushielt – und wie ein römischer Feldherr um sich scharte. Eine erotische Komponente des Interesses ist offensichtlich – außer für du Pont selbst, der seine Sexualität zu verdrängen scheint. Umso offener zelebriert er die konservative Weltanschauung, die seine Kaderschmiede rahmt. Deutlich erinnert Millers Film hier an die beklemmende Heimatfront in Michael Ciminos kritischem Vietnamkriegs-Film „The Deer Hunter“ – in seiner beklemmenden Konzentriertheit durchaus ebenbürtig.

Das Besondere an Millers Film ist eine Zurückhaltung in der Psychologisierung. Ein paar Hinweise müssen genügen, um zu erklären, warum der an materiellem Wohlstand kaum interessierte junge Mann zusehends dem Einfluss eines Mannes verfällt, der als Trainer kaum mehr als Worthülsen parat hat.

Abermals geht es bei Miller um die Tragik des Selbstbetrugs. Für Truman Capote war es die Lebenslüge eines nur in Ansätzen begonnenen, aber lange im Wort geführten Meisterwerks. „Answered Prayers“ sollte sein Panorama der dekadenten amerikanischen Oberschicht heißen. Bennett Miller in Gespräch: „Capote vollendete vier Kapitel und redete zwanzig Jahre darüber. Er war unfähig, es zu machen. Die Ironie des Ganzen war der Titel: Die Beobachtung, dass die meisten Menschen, die alles erreicht zu haben scheinen, innerlich ruiniert sind. Und zufällig war das auch seine eigene Geschichte. Mit seinem Roman ,Kaltblütig‘ hatte er das große Los gezogen, bekam den Ruhm, die Anerkennung, glaubte selbst an die Meisterschaft und war nicht mehr in der Lage, das Phänomen zu erfassen, das ihn selbst betraf. Es hat ihn ruiniert.“

Die Filme von Bennett Miller versuchen für das Kino das zu sein, was Truman Capotes „Kaltblütig“ für die Literatur war – es sind filmische Tatsachenromane von einer unbestechlichen Klarheit. Das ihnen ein Hauch von Sarkasmus anhaftet, liegt dabei an der tragischen Ironie der Wirklichkeit.

„Moneyball“ und „Foxcatcher“ besitzen eine fast klinische, aber dennoch nicht unterkühlt wirkende Fotografie, wie sie etwa für den Fotografen Joel Sternfeld typisch ist. „American Prospects“ nannte er seine Serie von Alltags-Panoramen, in denen sich mitunter surreal anmutende Augenblicke verewigt haben.

Es ist nicht ohne Ironie, dass Bennett Miller ein wirtschaftliches Standbein im Werbefilm hat. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählt seine „Priceless“-Serie für den Kreditkartenkonzern Mastercard. In einer wie aus dem Ei gepellten, glasklaren Anzeigenästhetik wird in einem Spot der Anschaffungspreis von Dingen (wie etwa der Sportausrüstung eines Kindes) unbezahlbaren Werten (wie der späteren Sportlerkarriere) gegenübergestellt. Da wirbt jemand in seinen Auftragsarbeiten für die Käuflichkeit des Glücks – und erzählt in seinen Spielfilmen „Moneyball“ und „Foxcatcher“ von der Käuflichkeit des Sports. Ist es nun Doppelmoral oder abermals nur die tragische Ironie der Wirklichkeit?

Immerhin konnte Miller so fünf Jahre lang an diesem Filmstoff arbeiten, den er bis ins Kleinste recherchierte und schließlich mit großer Freiheit zu einem gleichermaßen betörenden wie verstörenden Drama zu verdichten. Hoch verdient gab es für „Foxcatcher“ fünf Oscarnominierungen.

Foxcatcher. USA 2014. Regie: Bennett Miller. 129 Min.

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