1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Mit Schmutz am Stiefel

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Daland Segler

Kommentare

Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen über Syrien.
Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen über Syrien. © imago

Maybrit Illner wendet sich in ihrer Talkshow diesmal der Weltpolitik zu und fragt nach den Chancen für einen Frieden in Syrien.

Am Ende dankte die Moderatorin ihren Gästen, dass sie „an einem wirklich großen Rad gedreht haben“, und da hatte sie absolut recht. „Waffenruhe in Syrien – Hoffnung auf Frieden?“ lautete das Thema diesmal, und der Blick in die Weltpolitik bot sich zum einen natürlich an, weil derzeit noch der Waffenstillstand für ein Aufatmen der vom Bombenterror drangsalierten Menschen sorgt, zum anderen wollte die Redaktion wohl nicht schon wieder – man nahm es dankbar zur Kenntnis – das Thema Flüchtlinge und Terrorgefahr aufs Tapet bringen.

Angeboten hätte sich auch eine Debatte zu den derzeit heftig diskutierten Handelsabkommen mit Übersee, TTIP und Ceta, da am kommenden Wochenende große Demonstrationen dagegen bevorstehen, aber vielleicht erschien das Illners Team nicht quotensicher genug.

Das Gespräch über den Krieg in Syrien wiederum konnte nicht wirklich Neues zutage fördern, immerhin hatte man einen prominenten Augenzeugen aus dem umkämpften Aleppo zu bieten. Jürgen Todenhöfer, einst CDU-Politiker und hier als „Friedensaktivist“ bezeichnet, berichtete, dass die „Castello-Straße“ für die lebensnotwendige Versorgung der Überlebenden im Ostteil der Stadt nun frei für die Lkw mit den Hilfslieferungen sei. Er gab seine von den anderen Gästen geteilte Einschätzung zum Besten, dass es eine „Einigung mit den Strippenziehern“ geben müsse, solle die Waffenruhe Bestand haben.

Der wegen seiner Besuche beim IS nicht unumstrittene Todenhöfer sah einen „doppelten Stellvertreterkrieg“, den die Saudis gegen den Iran und die USA gegen Russland führten. Er erwähnte auch, dass bereits 450 000 Menschen „gestorben“ seien. Das korrigierte Sylke Tempel, Chefredakteurin der Blätter für Internationale Politik, später mit dem Hinweis, dass diese Menschen „getötet“ worden seien.

Es war nicht diese Anmerkung, sondern der „abstrakte und distanzierte“ Tenor der Debatte insgesamt, den der Arzt Gerhard Trabert, der ebenfalls in Aleppo gewesen war, scharf kritisierte. Er erhob sechs Forderungen, zuvörderst die, dass Hilfskonvois möglich sein müssten, dann dass Kranke, Kinder und Schwangere die umkämpften Gebiete verlassen könnten; zudem müsste eine entmilitarisierte Sicherheitszone geschaffen werden. Und das Wort „Kollateralschaden“ sei aus dem Sprachgebrauch zu  entfernen.

Trabert nannte die gezielten Bombardierungen von Krankenhäusern durch Assads Truppen und russische Flugzeuge eine neue Strategie und verlangte, dass diese Verbrechen strafrechtlich verfolgt würden. Er hat auch erlebt, dass die Türkei Kurden bombardiert und wies darauf hin, das es in den Kurdengebieten basisdemokratische Entwicklungen gebe – die Vermutung liegt nahe, dass dem türkischen Despoten Erdogan auch das ein Grund für die gnadenlose Verfolgung der Kurden als „Terroristen“ ist.

Der türkische Gast in der Runde, der deutsch-türkische AKP-Politiker Ozan Ceyhun, stritt das erwartungsgemäß ab. Ähnlich wie einer seiner Parteigenossen bei einer Illner-Talkshow vor einigen Wochen drohte er, die Runde zu verlassen („Sie brauchen keinen Türken hier!“) und verlegte sich im Verlaufe des Abends darauf, immer wenn von Kurden die Rede war, von PKK-Terroristen zu sprechen. So konnte er sich nicht einmal zu einer positiven Antwort auf Illners Frage durchringen, ob er Verständnis für das Recht der Kurden auf eine autonome Region habe.

Ceyhun fand seinerseits Verständnis bei Elmar Brok (CDU), im Europaparlament Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. „Wenn wir Ankara nicht gewinnen, gibt es keinen Frieden“ gab sich Brok überzeugt und wollte einfach nicht mehr hören, was Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, wie immer gut informiert, über die Waffenlieferungen der Türkei an den IS sagte. Dabei musste Can Dündar, vordem Chefredakteur der türkischen Zeitung „Cumhuriyet“, ins Exil, weil ihm wegen der Veröffentlichung der Machenschaften eine lange Haftstrafe droht.

Komprimierter Geschichtsunterricht

Wagenknecht legte noch einmal dar, dass die EU noch 2004 ein Assoziierungsabkommen mit Assad geschlossen habe und die USA erst vom syrischen Diktator abrückten, als es zu keiner Einigung über eine Öl-Pipeline kam. Selbst Brok musste einräumen, man habe sich zu sehr mit den Diktatoren im Nahen Osten „beschäftigt“ – das könnte man schon zynisch nennen.

Der komprimierte Geschichtsunterricht erwies sich als ein Pluspunkt bei der Diskussion, denn die Verstrickungen und Fehler des Westens, etwa Obamas Zaudern, wie auch der Aufstieg Russlands als Überlebensgarant für Assad wurden noch einmal deutlich. Sylke Tempel erinnerte an den Beginn des Bürgerkriegs, den Terror Assads gegen eine friedliche Opposition, und der ehemalige Nato-General Hans-Lothar Domröse formulierte salopp, Wladimir Putin habe sich „wieder onstage gebombt“.

Ein Einspieler zeigte die neue Freundschaft Erdogans mit dem russischen Despoten und seine Bereitschaft, Assad zu unterstützen, als Folge der Entscheidung des Türken, dass die Kurden ein noch größerer Feind seien als der Tyrann in Damaskus. Sahra Wagenknecht sah ein „mieses Spiel“, weil der Westen die Kurden nun opfere, nachdem man die militärisch starken Peschmerga erst tatkräftig unterstützt habe.

Ob denn die Türkei angesichts der nachweislich brutalen Unterdrückung der Kurden ein verlässlicher Partner des Westens sein könne, fragte Illner Sylke Tempel. Die verneinte, was die Gestaltung des eigenen Staates angehe, sah aber ein: „Wir haben mit den Türken zusammenzuarbeiten.“ Schließlich habe die EU den Deal über die Flüchtlinge mit Ankara ja auch deshalb ausgehandelt, weil man „es nicht  hingekriegt hat“.

Wie lange werde es dauern, bis es in Syrien wieder normales Leben möglich sei, wollte Illner vom Soldaten Domröse wissen. Seiner Erfahrung nach, etwa im Kosovo, müsse man in Dekaden rechnen, antwortete der Ex-General. Der sich ansonsten optimistisch gab, was eine Einigung der Weltmächte betraf, und militärisch forsch konstatierte: „Mit Schmutz am Stiefel können die gemeinsam operieren.“

Auch interessant

Kommentare