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Unternehmer Abel Morales (Oscar Isaac) hat die Öl-Spedition vom Vater seiner Frau Anna (Jessica Chastain) übernommen.

„A Most Violent Year“

Schmieriges Öl

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Mit seinem dritten Film kratzt der begabte J. C. Chandor einmal mehr an den Segnungen des amerikanischen Traums. Dabei wirft der Streifen die Frage auf: Wie viel Anstand kann es überhaupt in einer Gesellschaft geben, die ihren Erfolg allein im Gewinnstreben misst?

Über dem Parkplatz einer Öl-Spedition in Brooklyn fällt Schnee, als sich ein ehrgeiziger junger Mann im mächtigen Kamelhaarmantel zum Deal seines Lebens aufrafft. Seit Abel Morales die Firma seines Schwiegervaters übernommen hat, ist er ein einflussreicher Geschäftsmann geworden. Nun hat er sich noch einmal anderthalb Millionen Dollar dazu geliehen, um sich mit einem Zukauf endgültig zum Platzhirsch aufzuschwingen.

Die Stimmung wirkt seltsam verschworen – oder ist es allein die Szenerie, die diesen Eindruck erweckt, weil sie so sehr nach dem „Paten“ aussieht? Es braucht nicht viel, um einen Gangsterfilm zu evozieren, auch wenn noch gar kein Verbrechen geschehen ist. Regisseur J. C. Chandor muss Francis Ford Coppolas Saga etliche Male gesehen haben, und auch ein Hauch der stimmungsvollen Düsternis von Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ liegt über seinen Bildern.

„A Most Violent Year“, das war anno 1981, als die Verbrechensrate in New York auf einen Rekordwert kletterte. Hier, das sagt die Inszenierung auch jenseits des Geschehens, kann selbst der Gerechte nicht in Frieden leben.

Wahrscheinlich könnte der von Oscar Isaac gespielte Unternehmer den Eindruck des Halbseidenen nur allzu leicht beiseite wischen. Etwa, wenn er einmal aufhörte, mit gedämpfter Stimme zu sprechen. So aber dauert es nicht lang, bis sich auch die Polizei bei ihm meldet und ihn mit Verdächtigungen konfrontiert, die weit in die frühen siebziger Jahren zurückgehen. Damals führte der Vater seiner von Jessica Chastain gespielten Frau den Laden. Niemand, so zeigt sich, der in dieser Zeit Tanklastzüge befüllte, kam an der Mafia vorbei.

Öl ist ein schmieriges Geschäft, schillernd wie die Pomade im Haar von Abel Morales. Die Ironie hinter dieser Geschichte aber führt nur äußerlich ins Genre des Gangsterfilms. Eigentlich ist es ein klassischer Film noir, wie französische Kritiker bekanntlich jene Thriller nannten, in denen sich auch anständige Bürger in Netzen aus Gier und Leidenschaft verfingen.

Abel Morales meint es gut. Als Geschäftsmann glaubt er an den amerikanischen Traum, der ihn selbst vom Lastwagenfahrer zum Millionär aufsteigen ließ. Einmal ins Unternehmen eingeheiratet, spielt er wie selbstverständlich die Rolle des Patriarchen, der sich auch gegenüber seiner Ehefrau als Boss aufspielt. Alles, davon ist er überzeugt, hat er sich redlich verdient. Warum sie das mitmacht, überlässt dieser Film wie die ganze Vorgeschichte unserer Phantasie. Dennoch blicken wir dadurch bald weiter in Abel Morales’ Leben als er selbst.

Denn natürlich weiß seine Frau viel mehr als sie sagt über die krummen Machenschaften ihres Vaters. Und bei der Partnerwahl hat sie wohl nicht nur auf das Gute, sondern auch auf das Schlechte in Abel Morales spekuliert.

Man hat schon viele Filme gesehen, in denen unschuldige Männer zu Gangstern erzogen wurden, aber nur selten so subtil wie in „A Most Violent Year“. Jeder sieht in ihm den Kriminellen, so wie man es auch als Zuschauer unwillkürlich getan hat. Nur er selbst ist von seiner Anständigkeit überzeugt. Als eine Serie von Überfällen auf seine Fahrer sein Unternehmen ins Schlingern bringt und die Bank ihn fallen lässt, wirkt das wie ein Fingerzeig des Teufels: Nur wer sich auf das Spielchen einlässt, wer unter Gangstern selbst zum Gangster wird, kann in diesem Haifischbecken überleben.

Das Interessante an dieser Konstellation ist nun die Frage, wie viel Anstand es überhaupt in einer Gesellschaft geben kann, die ihren Erfolg allein im Gewinnstreben misst. Nicht umsonst können wir Wirtschafts- und Gangsterbosse im Kino meist so wenig unterscheiden.

Erst zuletzt hat man von J. C. Chandor einen Film gesehen, in dem ein Einzelner ums Überleben kämpfte – den von Robert Redford gespielten Segler in „All is Lost“. Doch worauf Chandor mit dieser selbstgeschriebenen Geschichte abzielt, das lässt eher sein Erstling erahnen, das Finanzdrama „Der große Crash – Margin Call“. Eine ganze Reihe von Filmen hatte sich vor ein paar Jahren dem Sittenverfall im Bankwesen gewidmet, aber nur Chandor hatte seine aktuellen Beobachtungen in einen derart zeitlosen Thriller gegossen. Schon das bloße Tempo seines Films hatte dafür gesorgt, dass dem hochmoralischen Stoff keine Zeit zum Moralisieren blieb.

Als Sohn eines Investmentbankers kannte Chandor das Milieu so gut, dass er es geradezu beiläufig in einer klassischen Genredramaturgie abbilden konnte. Nun schickt er gewissermaßen die Vorgeschichte hinterher als finstere Revision der Mär vom amerikanischen Traum. Natürlich ist auch das Goldene Kalb des Kapitalismus nicht zum ersten Mal vom Sockel gestürzt worden. Robert Redford hat seine halbe Karriere als Regisseur darauf verwendet, diese falschen Erfolgsversprechen zu enttarnen. Doch auch wenn die Aussage von „A Most Violent Year“ alles andere als neu ist, bewundert man doch die vielen Facetten seiner Argumentation. Etwa in jener wunderbaren Szene, in der Morales seinen Mitarbeitern predigt, wie lange sie den Kunden in die Augen blicken müssen, um den Eindruck der Ehrlichkeit zu vermitteln. „Immer etwas länger als normal.“

Da spielt es schon keine Rolle mehr, dass er noch von der Ehrlichkeit seines Unternehmens überzeugt ist. Die Geschäftswelt ist eben nicht denkbar ohne die Saat der Lüge, das Spiel mit dem Schein.

A Most Violent Year. USA 2014. Regie: J. C. Chandor. 125 Min.

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