Die Brüder Tuvia (Daniel Craig, links) und Zus (Liev Schreiber) in einer Szene aus "Defiance".
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Die Brüder Tuvia (Daniel Craig, links) und Zus (Liev Schreiber) in einer Szene aus "Defiance".

"Defiance"

Schlüssel zu einer neuen Tonart

Alles ist diesem Film über den von drei Brüdern angeführten Widerstand polnischer Juden gelungen. Daniel Craig spielt den älteren Bruder Tuvia, hinreißend nuanciert. Von Heike Kühn, mit Video

Von HEIKE KÜHN

Auf den Spuren ihrer Großmutter, die den Juden-Stern nicht trug und sich vor ihrer Deportation versteckte, fährt die österreichische Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann in ihrem Film "Die papierene Brücke" 1987 nach Theresienstadt. Warum, fragt sie, ist Widerstand keine jüdische Tradition?

Sie trifft auf ein amerikanisches Fernsehteam, das den Holocaust nachdreht. Unter den Statisten sind einige, die als Gefangene in Theresienstadt waren. "Der Wunsch nach einem Happy End, man zieht den Mantel mit dem gelben Stern aus und geht", lautet ein Erklärungsversuch. Einer der jüdischen Komparsen will unbedingt einen SS-Mann spielen: "Was sonst?"

Die Filmgeschichte der Shoah ist über weite Strecken die Geschichte des Abgeschlachtetwerdens. Doch nicht alle Juden haben sich zu Opfern machen lassen. In "Die Untergegangenen und die Geretteten" (München Wien 1990) beschreibt Primo Levi den Aufstand im Warschauer Ghetto als "Unternehmen, das der größten Bewunderung würdig ist, er war der erste europäische "Widerstand" und der einzige, der ohne die geringste Hoffnung auf Sieg oder Wohlergehen geleistet wurde. Aber er war das Werk einer politischen Elite, die sich, zu Recht, einige grundlegende Privilegien vorbehalten hatte, um die eigene Kraft zu bewahren."

"Defiance - Unbeugsam", TrailerUSA 2008

Widerstand als Adel des Geistes? "Defiance" von Edward Zwick basiert auf der wahren Geschichte dreier jüdischer Bauernsöhne, die soviel Erfahrung in Aufsässigkeit - und Überlebenswillen - haben, dass sie den weißrussischen Behörden als Wilderer und Provokateure gelten. Ihr Bruder Aron, Eltern und Familienangehörige sind unter den 4000 Juden, die beim Vormarsch der Nazis 1941 im jüdischen Ghetto der Stadt Novogrudok umgebracht werden.

Tuvia, Zus und Asael Bielski fliehen sich in die Wälder ihrer Kindheit. Die beiden älteren Brüder Tuvia und Zus dringen in das Haus des russischen, mit den Besatzern kollaborierenden Polizeichefs ein und erschießen ihn. Juden, die sich wehren, Juden, die Rache nehmen - das Undenkbare dringt zu den Überlebenden des Massakers durch. Sie suchen die rebellischen Brüder und finden eine Gemeinschaft, die ihr Leben und die Überlieferung dessen, was "typisch" jüdisch ist, auf den Kopf stellt.

Über 1200 Juden haben die ungleichen, in gefährliche Rivalität verstrickten Brüder bis zum Kriegsende in ihren von der Wehrmacht, von Hunger und eisigen Wintern bedrohten, notgedrungen immer wieder neu aufgebauten Partisanenlagern gerettet. Doch erst dem preisgekrönten Buch, das die Soziologieprofessorin Nechama Tec über die Bielskis schrieb und dem darauf beruhenden Drehbuch von Clayton Frohman ist es zu verdanken, dass das Vermächtnis der jüdischen Helden öffentlich gemacht und geehrt wird.

Die außerordentliche Kraft der Erzählung mit ihren keineswegs zur Verklärung neigenden psychologischen, politischen und religiösen Spannungen haben Regisseur Edward Zwick zu einem Meisterwerk inspiriert.

Alles ist diesem aufrüttelnden Film gelungen, von der Besetzung kleinster und großer Rollen, bis zur unsentimental trauernden Filmmusik, die mit der Violine die Kultur des osteuropäischen Judentums hochleben lässt: Das sei "der Klang, von all dem, was verloren ging", so Edward Zwick. Aber auch der Schlüssel zu einer neuen Tonart.

Daniel Craig spielt den älteren Bruder Tuvia, einen zum Handeln gezwungenen Philosophen, so hinreißend nuanciert, als hätte das unterseeische Grün der dichten Wälder und die von Pragmatismus geerdeten Kostüme das Schillernde seiner Bond-Allüren verschluckt.

Besonnener als der hitzköpfige und rachsüchtige Zus (Liev Schreiber), beharrt Tuvia darauf, nicht nur Kämpfer um sich zu scharen. Kinder, Frauen, Alte, Kranke, orthodoxe Fromme und Intellektuelle, alle will Tuvia vor dem Schicksal bewahren, im Ghetto auf den sicheren Tod zu warten.

Wer mitkommt, muss arbeiten. Die härteste Arbeit ist es, religiöse und ideologische Dogmen, Geschlechterrollen, Standesdünkel und Eigennutz zu überwinden, im Dienst der Gemeinschaft zu stehlen, notfalls zu töten. Wo Gott ist, bei den Duldern oder den Wagemutigen, den in Liebe und Freiheit zupackenden Frauen oder den ans Unmögliche glaubenden Männern, das sind Fragen, die bei Zwick die Dimension des eigentlichen Überlebenskampfes annehmen. Wie bleibt man Mensch, wenn man gejagt wird wie ein Tier? Man schlägt zurück - für das schwächste Glied der Gemeinschaft. Was sonst.

Unbeugsam - Defiance, Regie: Edward Zwick, USA 2008, 137 Min.

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