Hier lässt die ARD fleißig ermitteln: Kulisse für die Serie „Großstadtrevier“. 
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Hier lässt die ARD fleißig ermitteln: Kulisse für die Serie „Großstadtrevier“.

Öffentlich-Rechtliche

Schlechte Nachrichten

  • vonImre Grimm
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Für ARD und ZDF beginnt ein entscheidendes Jahr. Die Debatte um den Rundfunkbeitrag wird hitziger. Der Sparzwang nimmt zu. Die globale Konkurrenz wächst. Die sieben Probleme der Öffentlich-Rechtlichen.

Sie stoßen an, sie sind zufrieden. Ein öffentlich-rechtliches Familientreffen an einem kalten Januarabend in Hamburg. 400 Gäste sind gekommen, darunter Tom Buhrow, Linda Zervakis, Ulrich Wickert, Anne Will, Kai Pflaume, Ingo Zamperoni, dazu fast alle ARD-Intendanten und drei Ministerpräsidenten. NDR-Chef Lutz Marmor geht in den Ruhestand, nach zwölf Jahren. Man feiert sich. „Wir sind noch nicht tot“, ruft Caren Miosga. Balsam auf die Seelen. Applaus im Rolf-Liebermann-Studio. Es ist ein Ort, der mit Gold und rotem Plüsch die schimmernde Grandezza der Vergangenheit atmet, als Rundfunk noch ein Hochamt war. „Ein Abend für Lutz Marmor“ heißt die Party. Aber es ist vor allem ein Abend für das gute Gefühl, dass alles in Ordnung ist. Bloß: Das stimmt nicht. Und alle hier wissen das.

Es knirscht im Gebälk des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. 2020 wird ein entscheidendes Jahr für die Zukunft der 70 Jahre alten Institution sein. Es geht ums Geld und um die Zukunft. „Wir stehen vor Jahren des Verzichts“, sagt Miosga. Dieses Bewusstsein brauchte lange, um in die Köpfe der 22 000 ARD-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter und ihrer 3500 Kolleginnen und Kollegen vom ZDF zu sickern. Doch inzwischen, heißt es, habe es auch der Letzte verstanden – vom Intendanten bis zum Oboisten. Es wird hart. Jedenfalls für öffentlich-rechtliche Verhältnisse.

Problem eins: Der Spardruck steigtSparen? Das war über Jahrzehnte ein Fremdwort im gebührenfinanzierten Schlaraffenland. Zweieinhalb Jahre ist es her, dass die ARD stolz ein „Zukunftspapier“ präsentierte. Bis 2028, hieß es darin, wolle man 981 Millionen Euro einsparen. WDR-Chef Tom Buhrow nennt es „die umfangreichste Strukturreformen der Geschichte“. Aber: „Das Ergebnis war ernüchternd“, sagt der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Hier mal eine Spätschicht weniger, dort mal ein gekürzter Beitrag? Die Politik will mehr sehen. Vor allem die beiden Zwerganstalten der ARD sind nervös. Radio Bremen fürchtet die Zwangsfusion mit dem NDR, der Saarländische Rundfunk könnte in den SWR integriert werden. Bis März will die ARD den internen Finanzausgleich neu regeln.

Die Stimmung ist gereizt. Noch mehr sparen? Dann müsse man auch ans Programm, drohen die Intendanten. Ein robustes System aus Gewohnheitsrechten und Erbhöfen freilich sorgt zuverlässig für heftiges Gemurre, sobald in einer Redaktion Einschnitte drohen. Nun aber sollen allein beim WDR 500 Stellen wegfallen – das ist fast jede achte.

Problem zwei: Kritik am RundfunkbeitragMehr als acht Milliarden Euro pro Jahr nehmen ARD und ZDF zusammen über den Rundfunkbeitrag ein, der seit 2013 pro Haushalt fällig ist. Allein die Abwicklung dieser Geldflut kostet 170 Millionen Euro pro Jahr. Beim „Beitragsservice“ in Köln (früher: GEZ) arbeiten fast 900 Menschen. In diesem Jahr endet die aktuel-le, vierjährige Gebührenperiode. Die Gebührenkommission KEF schlägt vor, den Beitrag ab 2021 um 86 Cent zu erhöhen – also von derzeit 17,50 Euro auf 18,36 Euro pro Monat. Den endgültigen Bericht legt die KEF noch in diesem Monat vor. Im Herbst entscheiden dann die Ministerpräsidenten. Es besteht kaum ein Zweifel: Sie werden einen höheren Beitrag ab 2021 beschließen.

Warum fürchten die Sender dann Finanzlöcher? Hintergrund: Zuletzt durften sie Rücklagen ausgeben. Dieses Geld ist aufgebraucht. Netto wird es also weniger. Einige Bundesländer hätten den Rundfunkbeitrag gern dauerhaft an die Teuerungsrate gekoppelt. Er wäre dann automatisch gestiegen – ohne politisches Gezerre. Doch dieses Indexmodell scheiterte im Bundesrat.

Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, macht sich deshalb keine Illusionen: „Es wird in diesem Jahr eine Grundsatzdebatte über den Beitrag geben“, sagt sie. Denn es gebe auch in ihrem Bundesland „politische Kräfte, die dafür sorgen“. Fast täglich schimpfen AfD-Politiker über „Staatsfunk“ und „Systemmedien“. Ex-WDR-Chef Fritz Pleitgen erwartete im „Handelsblatt“ gar einen regelrechten „Showdown“. Gegen den drohenden Sturm der Entrüstung hat der WDR gerade eine externe Agentur für Krisenkommunikation engagiert. Das Problem: Der Reformstau, das Wagenburgdenken und jüngste Pannen machen es den Gegnern von ARD und ZDF leicht. Und die Sender neigen zu Abwehrpathos („Demokratie sichern!“).

Problem drei: Die Pannen häufen sichDie Liste der Aufreger ist lang. Nicht nur, dass WDR-Chef Buhrow die übereilte Löschung des „Umweltsau“-Videos verteidigte, in dem der WDR-Kinderchor scherzhaft klimaschädliche Seniorensünden anprangerte. Dann hat Richard Gutjahr, bisher Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks, den Intendanten Ulrich Wilhelm heftig dafür kritisiert, dass ihn der Sender in einem Shitstorm allein gelassen habe. Vor allem Buhrow muss sich Vorwürfe gefallen lassen, er agiere halbherzig und weltfremd – auch bei der Aufklärung mehrerer Fälle von sexueller Belästigung beim WDR. Im größten ARD-Sender herrscht, wie man hört, Frust über verkrustete Strukturen, Machismus und Cliquenwirtschaft.

Problem vier: Die globale Konkurrenz wächstLineares Fernsehen? Zwar ist das Vertrauen in ARD und ZDF unverändert hoch. In allen Altersgruppen aber werden Streamingdienste wie Netflix oder Amazon rasant populärer. Die lineare Netto-Fernsehzeit sinkt. Mit Ausnahme weniger Prestigeprojekte findet das neue „Golden Age of Television“ weitgehend ohne ARD und ZDF statt. Dabei zeigen die BBC oder das dänische Fernsehen, dass auch nationale Medienhäuser internationale TV-Perlen produzieren können. Die US-Riesen produzierten allein 2018 rund 500 neue Serien für 60 Milliarden Dollar. Mehr Kooperationen zwischen Konkurrenten – wie etwa der ARD und Sky bei „Babylon Berlin“ – werden nötig. Denn die Zukunft steht und fällt mit den Inhalten. Aber die Gagen für Starmoderatoren sind immens hoch – und die Sportrechte schon jetzt fast unbezahlbar. Gerade hat die Telekom sich die Rechte an der Fußball-EM 2024 gesichert.

Problem fünf: Die Jüngeren wenden sich abLineares Fernsehen ist wichtig für die Meinungsbildung – aber nur noch für 32,2 Prozent des Gesamtpublikums. So steht es im „Medienvielfaltsmonitor“ der Medienanstalten. Dahinter folgt schon das Internet mit 28,7 Prozent. Und für die Jüngeren ist klassisches Fernsehen irrelevant: Bei den Unter-29-Jährigen kommt das Netz auf 58,2 Prozent. Das alte Fernsehen liegt bei 13,7 Prozent. Sogar das Radio ist ihnen wichtiger. Schon die Werbeinseln im Vorabendprogramm verraten, für wen ARD und ZDF Fernsehen machen: Es geht viel um Reizdarm und Blasenschwäche. Bei den Mediatheken freilich kooperieren sie jetzt verstärkt. Und: Gerade hat die ARD Florian Hager, den Chef des Jugendangebots Funk, zum stellvertretenden Programmdirektor und obersten Mediatheken-Beauftragten gemacht.

Problem sechs: Im Osten rumort esEin Indiz für eine Kluft zwischen den im Westen produzierten Fernseh-Hauptnachrichten und Teilen der ostdeutschen Bevölkerung ist das „Frankfurt-Problem“. Jahrelang war in der „Tagesschau“ von „Frankfurt“ die Rede. „Dass ein Ostdeutscher das automatisch mit Frankfurt/Oder verband, war uns hier lange nicht klar“, sagte „Tagesschau“-Chefsprecher Jan Hofer dem Redaktions-Netzwerk Deutschland (RND).

„Wir in Ostdeutschland wollen nicht nur in den ,Tagesthemen‘ sein, wenn Nazis über die Straße marschieren“, erklärt Ministerpräsidentin Schwesig. Inzwischen gibt es ARD-interne Seminare, in denen ostdeutsche Mitarbeiter ihren West-Kollegen quasi Nachhilfestunden für gesamtdeutsches Empfinden geben. Kürzlich war auch die Publizistin Jana Hensel zu Gast. Beim Zorn im Osten gehe es nicht so sehr um Fakten, sagt Hofer, sondern um ein Gefühl. „Es ist das Gefühl: ,Dadurch, dass ihr immer über das Negative berichtet, zerstört ihr unsere schöne Stadt.‘“ Und dafür auch noch Gebühren zahlen? Es ist auch die Furcht um den Ruf der Heimat, die Frust schürt. Diesen Frust machen sich Populisten zunutze. „Wir sind deins“, lautet der aktuelle ARD-Slogan. Damit wolle man zeigen: „Die ARD dient der Gesellschaft“, sagt BR-Chef Wilhelm.

Problem sieben: Die Legitimation ist umstrittenDer öffentlich-rechtliche Rundfunk kämpft um seine Legitimation, auch gegen eine Wutwelle in den sozialen Medien, wo man schnell Propaganda und Manipulation wittert. „Ich bin immer erstaunt, dass selbst normale, gebildete Menschen glauben, wir erhielten unsere Direktiven aus dem Kanzleramt“, sagt Helge Fuhst, Vizechef von „Tagesschau“ und „Tagesthemen“. Sein Mittel für mehr Medienkompetenz: „Wir müssen erklären, was wir tun. Wir sprechen über uns, wir holen die Menschen ins Haus. Und da sind sie oft überrascht.“

Mehr Transparenz? Wird das reichen? Das duale TV-System – Private hier, Öffentlich-Rechtliche dort – ist nicht in Stein gemeißelt. In einer neuen Studie schlagen vier Medienwissenschaftler vor, ARD und ZDF zu einer Art „unabhängiger Digitalagentur für Qualitätsinhalte“ zu machen – eine Art „Spotify für Journalismus“, das auch Inhalte der Konkurrenz verbreitet. Das wäre das Ende des dualen Rundfunksystems. Mit dem Gedanken einer paneuropäischen TV-Plattform spielen etwa BR-Intendant Wilhelm und Springer-Chef Mathias Döpfner schon lange. In der FDP wurden zuletzt Stimmen laut, die die Aufgaben ganz neu verteilen wollen: Das ZDF könnte nationaler Sender bleiben, die ARD sich ganz um das Regionale kümmern.

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