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Schlecht gebrüllt, Löwe

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Von: Daniel Kothenschulte

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Jack Huston absolviert sein weitgehend durchdigitalisiertes Wagenrennen.
Jack Huston absolviert sein weitgehend durchdigitalisiertes Wagenrennen. © epd

Unfröhliches Wiedersehen: Der Klassiker „Ben Hur“ kehrt als 3D-Kurzfassung des Russen Timur Bekmambetov zurück. Viel Aufwand haben die Macher nicht betrieben.

Jetzt brüllt er schon in 3D, der alte Löwe von Metro-Goldwyn-Mayer. Viel Aufwand hat man allerdings nicht bei der Konvertierung des alten Filmmaterials betrieben: Nur die Banderole um die Mähne wirkt so richtig plastisch mit den schon immer gewaltigen Worten: „Ars Gratia Artis“. Vor allem das Brüllen klingt dagegen reichlich schmächtig.

Der Leu ist das einzig Alte am neuen „Ben Hur“. Und überhaupt: Geht nicht das Wort vom „alten Wein in neuen Schläuchen“ sogar auf eine Nebenfigur des Epos zurück? Zugegeben, Jesus meinte es nach Matthäus 9,17 genau umgekehrt: „Auch gießt man nicht neuen Wein in alte Schläuche, sonst zerreißen die Schläuche, der Wein wird verschüttet und die Schläuche sind verdorben.“ Womit er freilich nicht minder Recht behält. Der Wein ist verschüttet, die Schläuche kaputt. Einen modernen Sommer-Blockbuster ins Gewand eines geliebten alten Sandalenfilms zu quetschen, das geht nicht gut.

Bis in die achtziger Jahre konnte man William Wylers Version in den Kinos sehen, und stets, selbst in Konkurrenz zu „Krieg der Sterne“, blieb der Film das Größte weit und breit. Es gab sogar den Witz, „Ben Hur“ sei so lang, dass man sich in der Pause noch bequem „Spartacus“ ansehen könne. Die Sache mit der Länge hat sich heute freilich relativiert: Der große Sandalenfilm ist auch nur eine Dreiviertelstunde länger als „Toni Erdmann.“ Aber dieser neue „Ben Hur“, den der russische Action-Sparfuchs Timur Bekmambetov in zwei Stunden und vier Minuten quetschte, ist nun wirklich Pausenkram.

Um das Rennpferd von hinten aufzuzäumen: Wer nur kommt, um sich das Wagenrennen anzusehen, sollte etwa siebzig Minuten nach Filmbeginn auflaufen. Es ist zwar über weite Strecken eine Digitalanimation, aber man braucht auch nicht mehr das schlechte Gewissen zu haben, Stuntmen dabei zuzuschauen, wie sie sich möglicherweise die Knochen brechen (die Produzenten der Stummfilmversion hatten gar einen Geldpreis ausgeschrieben und dann ganz Hollywood als Zuschauer eingeladen).

Wie in einem Zeichentrickfilm absolviert der von Jack Huston verkörperte Judah Ben-Hur die letzten Runden souverän auf seinem Hosenboden. Längst ist der Streitwagen dahin. Auch die berühmte Seeschlacht, die der mutige Kettensträfling zuvor überlebt, liefert das erwartbare Spektakel. Weit mehr Holz ging allerdings beim Zimmern der Dialoge drauf.

Was für eine Last muss es Timur Bekmambetov gewesen sein, die in den früheren Filmen so sorgsam entwickelte Jugendfreundschaft zwischen dem jüdischen Prinzen und seinem Adoptivbruder, dem römischen Waisenjungen Messala Severus, zu inszenieren? Menschliche Konflikte? Langweilig!

Wie in einer Hörspielversion darf ein Erzähler über die Auslassungen hinweg plaudern, Morgan Freeman kommt diese Aufgabe zu, der später im Film als Rennpferd-Züchter Ilderim auch vor der Kamera agieren darf. Doch es ist nicht nur die fehlende Leinwandzeit, die uns um den in früheren Filmversionen so bewegenden interkulturellen Austausch der Adoptivbrüder bringt. Es ist eine Art vorpubertäres Desinteresse an allen Erwachsenenthemen, die sich dabei auftun könnten. Auch Messalas Liebe zu Judahs Schwester Tirzah (Sofia Black-D’Elia) kommt über ein paar Worthülsen nicht hinaus.

Gore Vidal, der linke Essayist und frühere Hollywood-Autor, rühmt sich gerne einer Verschwörung, von der man nicht einmal weiß, ob sie wirklich stattgefunden hat. Seinem Drehbuch zu William Wylers „Ben Hur“ von 1959 habe noch etwas Pep gefehlt, bis ihm der rettende Einfall gekommen sei: Wie wäre es, wenn Messala, der spätere Erzfeind des damals von Charlton Heston gespielten Titelhelden, einfach homosexuell wäre? „Die Idee ist besser, als was wir haben“, soll Regisseur William Wyler geantwortet haben. „Aber sagen Sie bloß kein Wort zu Charlton!“ Hier ist einmal zur Abwechslung ein Film, bei dem der Mangel an Ideen keinem der Beteiligten etwas ausmacht.

Für Regisseur Bekmambetov ist der Klassiker von 1959 einfach „dated“, „betagt“. Tatsächlich wird umgekehrt ein Schuh daraus. Wie wird man in einigen Jahren auf die gegenwärtige 3D-Welle zurückblicken mit ihren technisch meist unvollkommenen Effekten, deren Mängel sich hinter dunklen Brillengläsern verstecken müssen? Es ist sogar fraglich, ob die derart zusammengeraffte Geschichte überhaupt noch verständlich ist, ohne den alten Film zu kennen. „Ben Hur: A Tale of the Christ“ hieß Lew Wallace’ Roman von 1880, der selbst ein Blockbuster der Literatur gewesen ist. Wyler war es gelungen, die christliche Ikonographie gewissermaßen wie einen musikalischen Kontrapunkt in die Geschichte zu weben. Nun irrt Jesus von Nazareth, gespielt von einem uncharismatischen Rodrigo Santoro, wie lästiger Beifang durch die Geschichte. Er ist eine Figur, die man wohl nicht ganz herausstreichen konnte, gemeinsam mit allen guten Geistern, von denen dieser Film verlassen wurde.

Ben Hur. USA 2016. Regie: Timur Bekmambetov. 124 Min.

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