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Und immer lauert was im Wald.

„Schlaf“

Das Spukhotel im Harz

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Michael Venus’ Horrorfilm „Schlaf“ ist ein interessanter Versuch im neuen deutschen Genrekino.

Lange her, dass der Kinohorror ein Meister aus Deutschland war. 1921, als Friedrich Wilhelm Murnau seinen „Nosferatu“ schuf, dieses vielleicht größte Kunstwerk des Genres, gab es noch nicht einmal ein Wort dafür. Man sprach von Schauer- oder Gruselfilmen. Mit der Filmemigration in der NS-Zeit wanderten die expressionistischen Schatten nach Hollywood. Und obwohl es seit der Nachkriegszeit immer wieder Versuche gab mit so schönen Titeln wie „Die Nackte und der Satan“, wurde der Horror in Deutschland nicht mehr richtig sesshaft. Das könnte sich nun ändern. Regelmäßig arbeiten insbesondere junge Filmemacher daran, die Geschichte des Horrorfilms in Deutschland fortzuschreiben.

„Schlaf“, das Langfilmdebüt des aus Jena stammenden Filmemachers Michael Venus, lockt zunächst mit dem immer wieder beliebten Spielort abgelegene Herberge. Das überdimensionierte Waldhotel im Harz, in das es eine junge Frau verschlägt, um den Alpträumen ihrer Mutter auf den Grund zu gehen, ist ein angemessen scheußlicher Kasten. Das Betreiberehepaar plant den Ausbau zum prächtigen Kongresshotel, einstweilen aber freut man sich über den einzigen Gast, den man auch gern zum bürgerlichen Bratenessen bittet. Schnell bemerkt die junge Frau den finsteren Schatten, der nach drei Selbstmorden über dem Haus liegt – und der offenbar auch ihrer Mutter so sehr zugesetzt hat, dass sie in einen Stupor, eine seelische Erstarrung, verfallen ist.

Ein bisschen Star ist drin

Sandra Hüller spielt sie, diese wunderbare Schauspielerin, die ihren Durchbruch mit Hans-Christian Schmids Exorzismus-Film „Requiem“ feierte. Das ist jetzt 15 Jahre her, und ein wenig wirkt diese Rolle wie eine Hommage. Allerdings ist es auch ein wenig frech, mit ihrem nur wenige Drehtage umfassenden Part, der vor allem in einem Krankenhausbett spielt, ganz oben auf der Besetzungsliste zu werben. Aber auch das ist ja eine schöne B-Film-Tradition: Man leistet sich den Star, so weit das Budget eben reicht.

Getragen wird der Film von Gro Swantje Kohlhof, der Darstellerin ihrer Tochter: Überraschend ähnlich der jungen Sandra Hüller, besitzt sie eine faszinierende Fähigkeit, Fragilität und Stärke miteinander zu kombinieren – und gefordert ist ihre bedauernswerte Filmfigur natürlich in dem gruseligen Ambiente von allen Seiten.

Der Hotelier ist ein fieser Patriarch, der sich tagsüber zu muffigem Charme zusammenreißt, nachts hingegen von seiner Frau ans Bett gefesselt werden muss: Ob es ebenfalls Alpträume sind, die ihn nachts nicht ruhen lassen oder die drohende Verwandlung in ein Ungeheuer, sei dahingestellt. Tatsächlich ist er ein Monster von heute: Bei einer politischen Versammlung ergeht er sich als Bürgermeisterkandidat in finsterem Neonazi-Sprech: „Unser Stolz ist unsere Rüstung im Kampf gegen den Schuldkult.“ Tatsächlich wird in der zweiten Hälfte des Films mit dem plötzlichen Erscheinen der Tochter einer polnischen Zwangsarbeiterin ein weiteres Fass in dem Verwirrspiel aufgemacht, das in die Ruine einer Rüstungsfabrik führt.

Kein surreales Ganzes

Traum und Realität vermischen sich zur Unentwirrbarkeit, doch was Michael Venus dabei fehlt, ist ein visueller Stil, der eine Art surreales Ganzes, ein deutsches Twin Peaks, daraus schneidern könnte. Die bewährten Parameter des Genres – das Hotel, der gruselige Wald, die Alpträume, die schrulligen Nebenfiguren – werden eher ob ihres Eigenwerts bemüht, als dass sie eine tragfähige Handlung unterstützten.

Es ist schon ein Dilemma: Der Reiz, bewährte Handlungsmuster zu bedienen, legt sich wie in vielen anderen jüngeren Beispielen des Genres selbstzweckhaft über die Chance, wirklich originell zu sein. Dabei ist das Gruselige ja zum Greifen nah; wie viele deutsche Heimatfilme, die derzeit für das Fernsehen entstehen, sind gruselig, ohne es überhaupt zu wissen? Michael Venus hat für diese muffige Alltäglichkeit, aus der wirkliche Unheimlichkeit entstehen könnte, ein großes Gespür. Das beginnt schon mit der ersten Szene eines beschaulichen Spielabends, vor dem man sich durchaus gruseln kann. Auch die Szenen mit der Hoteliersfamilie besitzen wunderbare Dialoge und eine latente Bedrohlichkeit, die hier aus einer Chabrol-haften Beobachtung erwächst. Das ist tatsächlich der reinste Horror – und die beste Chance für ein originelles deutsches Genrekino.

Schlaf. D 2020. Regie: Michael Venus. 101 Minuten.

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